HAMMELBURG

Blindes Vertrauen zum Fliegen

Anfassen und begreifen: Pilot Bernd Chittka erklärte den Blinden und Sehbehinderten die Funktionen des Flugzeugs, die mit den Händen im wahrsten Wortsinn begriffen wurden.
Anfassen und begreifen: Pilot Bernd Chittka erklärte den Blinden und Sehbehinderten die Funktionen des Flugzeugs, die mit den Händen im wahrsten Wortsinn begriffen wurden. Foto: Schaar

Nach anfänglichem Regen und Windböen hob sich die viersitzige Sportmaschine der Flugsportgruppe Hammelburg doch noch in die Lüfte. Passagiere der Rundflüge über das Saaletal und Umgebung waren rund zwei Dutzend Blinde und Sehbehinderte aus ganz Deutschland. Außerdem durften die Blinden auf dem abgeschlossenen Flugplatzgelände hinter dem Steuer eines Fahrschulwagens Platz nehmen.

„Ich spüre das Gleichgewicht beim Fliegen“, stellt der blinde Physiker Thomas Krämer erfreut fest. Auch das Fliegen sei ein Stück Physik. Zusammen mit seiner Partnerin Barbara Dvorak ist er vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund aus Nürnberg angereist, um das Gefühl des Fliegens zu erleben. „Beruflich habe ich mit kleinen Atomteilchen zu tun, die auch Sehende nicht erblicken können“, weist Krämer auf seine Arbeit hin. Hier beim Fliegen genieße er jedoch die Physik zum Anfassen.

Anfassen dürfen die blinden und sehbehinderten Fluggäste auch die viersitzige Cessna 172, in die sie gleich einsteigen werden. Pilot Bernd Chittka von der Luftsportgruppe Hammelburg erklärt zuerst die Funktion des Fliegers in allen Details. Mit dem Anfassen und Ertasten können die Blinden bald alle Formen der Propeller und Tragflächen im wahrsten Sinn des Wortes begreifen. Auch die beweglichen Höhen- und Seitenruder fühlen sie mit ihren Händen. Zum Piloten haben sie blindes Vertrauen.

In gespannter Erwartung auf den Flug sind auch Ingeborg und Rainer Knayer, die mit dem Zug aus Ludwigshafen in einer dreistündigen Fahrt anreisten. „So etwas macht man nicht jeden Tag“, meint Ingeborg Knayer und freut sich auf diese seltene Gelegenheit. „Ein wenig aufgeregt, ob alles gutgeht, ist man schon“, verrät der Ehemann. Grundsätzlich aber habe man Vertrauen zu der Aktion. „Sonst wären wir ja nicht hierher gekommen“, meint Rainer Knayer. „Ich habe ein wenig Angst, wenn ich beim Fliegen den Boden unter meinen Füßen verliere“, gesteht der Würzburger Ringo Dittmar. Aufgrund eines Unfalls sei er schon seit dem Babyalter stark sehbehindert. „Ich sehe nur schemenhafte Reste“, sagt er. Das Flugangebot der Hammelburger Luftsportgruppe für die Blinden findet er unglaublich toll. Dittmar war auch der Erste, der den Fahrschulwagen der Hammelburger Fahrschule Gehring bestieg, die sich an der Aktion beteiligte. Seinen Blindenstock faltete er zusammen, als er am Steuer des Autos seinen Platz einnahm. Unter Anleitung von Fahrlehrer Christian Oeding fuhr Dittmar den Wagen dann langsam über den abgesperrten Flugplatz. „Ein unglaubliches Gefühl, so etwas zu erleben“, meinte Dittmar und strahlte über das ganze Gesicht.

Blinde und Sehbehinderte sind jetzt schon zum dritten Mal zu Gast bei der Hammelburger Luftsportgruppe. Auch im vergangenen Jahr bestiegen sie den Flieger und schwangen sich in die Lüfte. Nur vor zwei Jahren war das Wetter so schlecht, dass die Starts abgesagt werden mussten.

„Wir sind sehr dankbar für solche außergewöhnlichen Möglichkeiten“, meint der ansässige Sehbehinderten-Berater Karl-Heinz Paul. Dem schließt sich der unterfränkische Bezirksgruppenleiter Holger Tessar an. Den Stammtisch für Blinde und Sehbehinderte gibt es monatlich am dritten Freitag um 15 Uhr im Hammelburger Hotelrestaurant Kaiserhof und am zweiten Donnerstag um 14 Uhr im Bad Kissinger Hotel Astoria.

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