THULBA

Campingboom rauscht noch an Thulba vorbei

Manfred Gils schätzt den Blick von seinem Campingplatz in Thulba durch das Thulbatal bis zum Sodenberg. Manchmal übernachtet er auf dem Platz.
Manfred Gils schätzt den Blick von seinem Campingplatz in Thulba durch das Thulbatal bis zum Sodenberg. Manchmal übernachtet er auf dem Platz. Foto: Wolfgang Dünnebier

Kein Geräusch durchdringt die Stille. Der Blick fällt auf umliegende Hecken oder über das Thulbatal bis hinab zum Sodenberg. Beim Naturcampingplatz Thulbatal ist der Name Programm. Und verkörpert zugleich die Lebenseinstellung von Eigentümer Manfred Gils.

„Es sieht alles ein bisschen wild aus“, freut sich der 66-Jährige über das Sprießen des Grüns ringsherum. Seine Gäste wissen das meist genauso zu schätzen.

Hier fand der gestresste Großstädter vor 20 Jahren seinen Frieden. Aber kein ganz sorgenfreies Leben. Und jetzt ist die Ruhe trügerisch.“

Es muss etwas passieren“, sagt Gils. Für sein bescheidenes Auskommen lange der Platz. Aber um vom Campingboom richtig zu profitieren, braucht es erhebliche Investitionen. Sie möchte er in seinem Alter nicht mehr stemmen.

„Große Sprünge sind

da für einen Betreiber nicht drin.“

Manfred Gils

Unverändert gerne kümmert er sich um Reisende. Reisende, die meist kaum mehrere Tage bleiben, weil es neben dem Wakepark und den Rad- und Wanderwegen kaum nahe Attraktionen gibt, die Gäste binden. Es gibt keine Animation auf dem Platz und auch sonst keinen Schnickschnack. Das macht es nicht leichter. Naturnähe ist vielen nicht mehr genug.

Auch manchen Dauercampern nicht mehr. Als Gils den Platz zusammen mit dem Wakepark und dem Brauhaus am See 1996 kaufte, hatten über 100 Gäste einen Dauerplatz im Thulbatal. Inzwischen sind es knapp 70. „Das ist gefährlich“, bewertet er den Trend für die Zukunft des Platzes. Das Durchschnittsalter dieser Camper liegt jenseits der 70. Nachwuchs ist rar. Auf dem Land haben viele eigene Grundstücke, Städter bevorzugen Plätze nahe der Metropolen.

Als Segen entpuppt sich eine Fläche für Wohnmobile, die Gils selbst planiert hat. 30 Wohnmobile passen da drauf. „Ich bin zufrieden, wenn es am Abend zwischen 20 und 23 werden“, sagt Gils. Gerne legen Reisende von der nahen Rhönautobahn auf der Fahrt von Nord nach Süd einen Zwischenstopp ein. Das Angebot spricht sich herum. Für zehn Euro pro Nacht mit zwei Personen samt Wohnmobil kommt man inzwischen fast nirgend mehr unter.

Einmal im Jahr wird es richtig eng. Bis zu 60 Wohnmobile zusätzlich parken bei der Bad Kissinger Messe Abenteuer Allrad auf dem Gelände. „Alle Leute, die kein Remmidemmi mögen“, ist Gils überzeugt.

Remmidemmi hatte der Unternehmer in seinem früheren Leben zu viel. Als Betreiber einer Spedition in Frankfurt mit elf Fahrzeugen brachte er es zu Wohlstand mit Sportwagen und Motorboot auf dem Main. „Ich hatte alles“, blickt er zurück, „außer Zeit“. Das musste er um seiner Gesundheit willen ändern, weil der Kampf um Pünktlichkeit im Luftfrachtgeschäft stressig war.

Er bot seine Spedition zum Kauf an. Der Zufall wollte es, dass der Käufer ein Haus in Katzenbach mit in Zahlung gab. Zur Besichtigung kam Gils mit einem Wohnmobil und wohnte auf dem Campingplatz. Von dem Gelände war er hin und weg. Er kaufte den Platz, den Wakepark und das Bauhaus am See.

„Da steckte ich fast schon wieder in der gleichen Tretmühle“, schmunzelt er heute. Zudem saß ihm irgendwann die Bank im Nacken. Zum Guten wendete sich alles wieder, als er den Wakepark und das Brauhaus weiter verkaufte.

„Ich habe viele liebe Leute hier“, sagt Gils. Diesen Eindruck bestätigt eine Runde zu Fuß an seiner Seite durch eine Straße voller Dauercamper-Parzellen zu je 100 Quadratmetern. Er kommt mal hier mit Bewohnern ins Gespräch, mal dort. Der Draht zwischen allem ist meistens gut.

So, wie mit Hans Bales etwa. Der 70-jährige Sportwart für Unterfranken des Bayerischen Amateurboxverbandes schätzt das Areal bereits seit 2001 und begeisterte dafür auch Jugendwartin Susanne Gorani. Schon als Bus- und Straßenbahnfahrer kam er nach viertägiger Arbeitsphase jeweils für drei Tage zur Erholung nach Thulba. „Sogar Weihnachten und Silvester haben wir hier schon gefeiert“, schwärmt er. Bales findet es hier so schön wie am Gardasee. Nach dort nimmt er demnächst für drei Wochen wieder seinen Wohnwagen mit.

Karin Schwarz (62) ist eine von acht Festbewohnern, die seit etlichen Jahren ständig Sommer wie Winters auf dem Gelände wohnen. Dazu ließ sie sich ein isoliertes Vorzelt mit Fußbodenheizung errichten. Auf 52 Quadratmetern Wohnfläche und zwei Grundstücksparzellen breitet sie sich mit ihrem Mann aus, seit sie aus Kanada zurückgekehrt sind. Die Änderung des Einwanderungsgesetzes zwang sie zum Verkauf ihres Hauses. „Natürlich menschelt es auch manchmal“, beschreibt sie das Verhältnis der Bewohner auf dem Platz. Aber die Nachbarschaft im Grünen möchte sie nicht missen.

Fünf bis sechs Mal im Jahr taucht Mario aus der Nähe von Bad Hersfeld mit Lebensgefährtin und Kind samt Wohnwagen auf dem Platz auf. „Das ist noch Camping, wie es sich gehört“, sagt Mario. Hier findet der Motivationstrainer die Ruhe, um an einem Buch mit dem vielsagenden Titel „Wie viele Leben hast du noch?“ schreibt.

Manfred Gils jedenfalls ist voller Tatendrang. Auf dem Platz will er demnächst kürzer treten. Dafür freut er sich aufs Reisen. Erst im vergangenen Dezember hat er eine 2500 Euro schwere Wette gewonnen. Binnen 14 Tagen schaffte er es mit seinem 34 PS starken und 20 Jahre alten Sat Marbella durch das winterliche Norwegen nach Skandinavien und zurück. Die Winterpause von Ende Oktober bis März verbringt er im Süden.

Bei Gelegenheit schläft er auch in einem 48 Jahre alten Wohnwagen auf dem Platz. Der soll ihn unter anderem noch an die fränkische Seenplatte begleiten. Er schraubt gerne und plant auch noch eine Autofahrt nach Russland, um an allen Enden Europas gewesen zu sein.

Nicht sicher ist er, ob er seiner Tochter Jessica raten soll, das Campinggelände weiter zu führen, „um einen richtigen Platz daraus zu machen“. Als Absolventin eines Touristikstudiums ist sie voller Pläne. Aber auf dem Gelände seien erhebliche Investitionen erforderlich. Sie wieder reinzuholen, werde nicht einfach. Manche Wohnmobilisten parken ganze Wochen irgendwo, um dann für einen Tag zu kommen, und 500 Liter Wasser und Batteriestrom zu fassen und dann noch den Müll da zu lassen. „Große Sprünge sind da für einen Betreiber nicht drin“, findet Gils. Die Goldgruben unter den Plätzen liegen näher an den Touristikzentren, auch wenn der Radweg nach Hammelburg oder der Wanderweg Thulbataler spürbare Impulse brachten.

Noch bringt Gils seinen Campinggästen frühs die bestellten Brötchen an die Tür und sitzt Morgens und Abends etwa eineinhalb Stunden an der Rezeption. Manchmal übernimmt ein Dauercamper die Aufgabe. Oder spät ankommende Frühstarter werfen vor der Weiterfahrt ungesehen einen Umschlag mit dem Übernachtungs-Obulus in den Briefkasten.

Die Verbundenheit unter Campern ist oft nicht mehr so, wie sie einmal war, bedauert Manfred Gils. Schöne Ausnahmen gibt es aber doch immer wieder.

Gelebte Nachbarschaft: Angeregt unterhält sich Manfred Gils mit (von links) Susanne Gorani, Karin Schwarz und Hans Bales.
Gelebte Nachbarschaft: Angeregt unterhält sich Manfred Gils mit (von links) Susanne Gorani, Karin Schwarz und Hans Bales. Foto: Wolfgang Dünnebier

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