Bad Kissingen

Die Ehemaligen der "Englischen Gäns"

Der Kaffee duftet, das eine oder andere Stückchen Kuchen wird bestellt, zwölf jung gebliebene Damen, haben sich zum nostalgischen Klassentreffen im Café Da Vito getroffen, um Erinnerungen auszutauschen - an ihre Zeit bei den "Englischen Fräulein".

Über 50 Jahre liegt das zurück, aber die Erinnerung ist so lebendig, dass den Damen der Gesprächsstoff nicht ausgeht. Das Leben hat die weit über hundert Schülerinnen der Abschlussklassen in alle Winde zerstreut, Hamburg, Südtirol, USA, aber zum 50. Jahrestag der Entlassung hatten Gudrun Söder und Tatjana Kos ein großes Treffen veranstaltet, und seitdem kommen viele der Klassenkameradinnen aus Kissingen und Umgebung alle zwei Monate zusammen.

Erika Schmalzl organisiert die Treffen. Sie zeigt Bilder und meint, dass ihr die Schule viel fürs Leben mitgegeben hat: "Wir haben eine sehr gute Ausbildung genossen." Tatjana Kos ergänzt, dass neben den Lernzielen besonders auf gutes Allgemeinwissen, Anstand und Sitte Wert gelegt wurde. Die Erziehung war zwar streng, es gab viele Vorschriften, aber ungerecht fühlten sich nur wenige behandelt. Allerdings musste man halt akzeptieren, dass die Schule christlich geprägt und die Lehrer überwiegend Nonnen waren.

So erinnert sich Erika Schmalzl, dass beim Turnen die Schwestern in Tracht ihre Anweisungen gaben und die Turnhosen der Schülerinnen bis zum Knie zu reichen hatten und nicht zu eng sein durften.

Hosen waren verpönt

Die Damen sind so richtig in Fahrt gekommen, und Gudrun Söder lacht heute noch über de
n entsetzten Ausruf der Mater Irmina, als sie es mit ihrer Schwester eines Tages wagte, in Hosen zur Schule zu kommen: "Jetzt kommen meine braven Mädchen aus Burkardroth mit Hosen", schüttelte die Lehrerin den Kopf.
Auch die Erziehungskunde machte um manche Themen einen großen Bogen. "Die Aufklärung setzte erst ein, als das Kind schon geboren war", schmunzelte Tatjana Kos. Auch in welches Kino man nicht durfte, gehörte zum "behütet sein". Das war dann doch für die "Englische Gäns", wie sie im Volksmund schon mal genannt wurden, ein Problem, denn der Rock 'n' Roll kam auf, und den Film mit Bill Haley und "Rock Around The Clock" musste man sich als Teenager doch einfach ansehen. Also beschloss man in der Klasse, mit dem Zug nach Schweinfurt ins Kino zu fahren, damit den verbotenen Kinobesuch niemand mitbekommt. Aber welch ein Schreck, als man nach Kissingen zurück kam. Es war doch nicht verborgen geblieben, und eine Schwester nahm die "Ausreißer" am Bahnsteig in Empfang.


Texte von Elvis übersetzt

Andererseits wurde berichtet, dass die Englischlehrerin die Texte von Elvis Presley übersetzte. Die gab's zwar zu kaufen, aber pro Lied kostete das zehn Pfennig, und das ging dann vom schmalen Taschengeld ab.
Auch an verschiedene Theateraufführungen erinnert man sich gerne. Die eine, weil's seit Wochen dicke Minusgrade hatte und die Turnhalle nicht geheizt war, und die andere an die Aufführung von "Der kleine Prinz". Die Rollen der Jungs spielten auch bei dieser Aufführung natürlich die Mädchen, und als Prinz glänzte Hedda Rinneberg, die dann auch Schauspielerin wurde.


Bessere Chancen

Die beruflichen Chancen waren gegenüber der damaligen "Volksschule" wesentlich verbessert. Der Abschluss der mittleren Reife die nach den drei Klassen erreicht wurde, war für nahezu alle kaufmännischen Berufe Voraussetzung. Dennoch wären viele Mädchen der Mittelschule gerne weiter auf die Oberrealschule gegangen, die dann zum Übertritt ins Gymnasium berechtigte. Aber auch das Schulgeld, das bezahlt werden musste, hatte die finanziellen Möglichkeiten vieler Eltern erschöpft. Man hatte es damals als Mädchen schon schwerer, war einhellige Meinung.

Früher war nicht alles besser

Auch die Tatsache, dass die auswärtigen Schülerinnen oft von halb sieben bis Abends sechs unterwegs waren, gehört in die Rubrik "Früher war nicht alles besser". Andererseits war man überwiegend der Meinung, dass die Flut von Informationen und der Leistungsdruck von heute vielleicht genau so fordernd sei. In einem aber haben es die Schülerinnen von heute besser: Wer bei den "Englischen" schwanger wurde, musste die Schule verlassen. In ihrer Klasse seien es zwei Mädchen gewesen, eine musste vor der Prüfung gehen, die andere hatte es verschwiegen und erhielt ihren Abschluss.

Erika Schmalzl ist sehr froh, diese Schule mit - meist - ausgezeichneten Lehrkräften besucht zu haben: "Sie hat mir für mein privates und berufliches Leben viel gegeben. Leider hatten wir viele relativ alte Lehrkräfte, die jedoch ihr Bestes gegeben haben. Und die Direktorin war ausgezeichnet."

Die Entstehungsgeschichte des Instituts der Englischen Fräulein in Bad Kissingen reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück, als die Kur ihren großen Aufschwung erlebte. Da die Zahl ausländischer Kurgäste damals stark anstieg, hatten sich einige Bürger Gedanken darüber gemacht, dass man auch für Mädchen einen Unterricht in Fremdsprachen, Musik, Handarbeiten und guten Umgangsformen anbieten müsste. 1861 wurde deshalb an das Mutterhaus der Englischen Fräulein die Bitte gerichtet, in Bad Kissingen eine höhere Schule für Mädchen zu errichten. An die Bad Kissinger Mädchenschule der Englischen Fräulein war damals auch ein Internat, im Volksmund auch "Zwinger" genannt, angeschlossen. 1973 musste die Realschule aufgrund des fehlenden Ordensnachwuchses schließen.

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