LANGENDORF

„Die Kuh ist kein Klimakiller“

Fordert zum Umdenken auf: Buchautorin Anita Idel stellte ihre Thesen zur Landwirtschaft bei der Versammlung des Naturlan... Foto: Charlotte Wahler

Die Kuh ist kein Klimakiller! Diese provokative Behauptung stellte Anita Idel mit ihrem gleichnamigen Buch bei der Versammlung des Naturland-Erzeugerringes auf und belegte sie mit eindrucksvollen Zahlen. Auf hohem Niveau wies sie die Verbindung zwischen der Atomkatastrophe in Japan, dem Klimawandel und der globalen Agrarindustrie nach. Leider waren nur wenige Zuhörer gekommen.

Dabei war Idels Analyse selbst für Laien ausgesprochen interessant. Der Bezug zu Japan und der Atomindustrie, aber auch zu der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko stellt sich mit der gesellschaftspolitischen Vorstellung von billiger Energie her. Diese sei jedoch eine Illusion, so Idel. Spätestens jetzt müsse jedem klar sein: billig geht es nicht. Auch der Weltagrarbericht 2008 stelle die Situation der Landwirtschaft fest mit dem Ergebnis, dass man so wie bisher nicht weitermachen könne.

Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was dagegen zu machen ist, lautet der Untertitel von Idels Buch, und sie räumt darin mit mehreren Klischees auf. Ein Klischee: die Kuh rülpst Methan und ist deshalb klimaschädlich. Das stimme nur, wenn man wichtige Parameter der Tierhaltung außer Acht lasse. Methan sei nämlich als Gas erst einmal ganz natürlich. Nur auf industrialisierter Ebene trage die Landwirtschaft zum Klimawandel bei.

Die Düngung mit Stickstoff produziere Lachgas in hundertfach schädlicheren Mengen. Während Methan nur rund 15 Jahre in der Atmosphäre verbleibe, seien dies beim Lachgas bis zu 120 Jahre. Der Düngerverbrauch habe sich in den letzten 50 Jahren verachtfacht, führte Idel auf, vom weltweit angebauten Getreide würden nur 47 Prozent direkt als Lebensmittel genutzt. Innerhalb von 150 Jahren habe sich die Bodenfruchtbarkeit um bis zu 35 Prozent reduziert. In den Städten gebe es inzwischen oft eine größere Vielfalt von Vögeln und Insekten als in der sogenannten Natur.

Ein weiteres Klischee: Die Kuh ist ein schlechter Futterverwerter. Hierbei stelle sich die Frage, woran man denn die Kuh messen solle und nach welchen Methoden. Betrachte man das Tier wie ein Auto, so stehe sie im Vergleich zu anderen Tieren schlechter da. Aber wo steht die Kuh, wo sollte sie stehen? Auf der Weide, sagt Idel. Das Grünland sei ein viel zu wenig beachteter Aspekt in den agrarpolitischen Berechnungen, denn dort befinde sich der weltgrößte Speicher von Kohlenstoff außerhalb der Wälder. Und dort solle er auch bleiben. Dies wiederum sei nur möglich durch die grasenden Tiere, die dazu beitragen, dass Grasland auch ein solches bleibt.

40 Prozent der weltweiten Landflächen bestehe aus nicht ackerfähigem Grasland, und damit trage die Kuh sogar zum Klimaschutz bei, folgerte Idel. Allein in den betriebswirtschaftlichen Rechnungen der Agroindustrie schlügen sich diese Zusammenhänge ebenso wenig nieder wie die Bodenfruchtbarkeit.

Die Bodenfruchtbarkeit finde seit vielen Jahren viel zu wenig Beachtung in Wissenschaft und Forschung, so Idel.

Die Kuh sei nicht dafür gedacht, Getreide zu verwerten, stellt Idel klar. Die energetisch teure Produktion von Futtermitteln trage zur industriellen Verwüstung der Erde bei. Die EU importiere 60 Prozent der Eiweiß-Futtermittel, und zwei Millionen Hektar Boden außerhalb der EU werden für die hiesige Produktion von Fleisch und Milch verwendet. Daran könne man sehen, welch ungeheurer Transfer von Energie von Süd nach Nord verschoben werde. Der Tierkot und damit die Überdüngung geraten damit zu einem nördlichen Problem, während im Süden die Böden ausgelaugt würden.

„Nicht die Kuh, sondern das industrialisierte System ist der Klimakiller“, sagt Idel. Wenn die Landwirtschaft den Blick auf die Bodenfruchtbarkeit und auf ihre natürlichen Abläufe in den Kreisläufen richte, entstehe ein völlig anderer Begriff des Wirtschaftens – im klimatischer und energetischer Hinsicht. Damit würden auch die Prämissen für eine Agrarkultur des 21. Jahrhunderts deutlich.

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