Die Zukunft entsteht in Bad Kissingen

Telemedizin: Kongress im Regentenbau steht im Zeichen eines neuen E-Health-Gesetzes
Im Rettungsdienst Teil des Standardmonitorings: Das Pulsoxymeter zeigt die Sauerstoffsättigung des Blutes an.
Im Rettungsdienst Teil des Standardmonitorings: Das Pulsoxymeter zeigt die Sauerstoffsättigung des Blutes an. Foto: S. von Dobschütz

Die digitale Revolution des Gesundheitswesens ist längst im Gang. In Bad Kissingen forscht man beispielsweise im Zentrum für Telemedizin (ZTM) seit längerem an mobilen Endgeräten, mit denen akute Krankheitsereignisse beim Patienten aufgezeichnet und dann vom Arzt andernorts gecheckt oder im Krankenhaus aufgerufen werden können. Doch die rechtlichen Grundlagen dieser Datenübertragungen sind noch vage. Immerhin gibt es dazu bereits einen Gesetzentwurf. Das E-Health-Gesetz ist auch Hauptthema des 3. Bad Kissinger Telemedizin-Kongresses am 23. September im Regentenbau.

Sind in dem neuen Gesetzentwurf, den die Bundesregierung im Juli verfasste, alle Chancen auf die nachhaltige Wirkung telemedizinischer Anwendungen genutzt worden? Bietet die Telemedizin Versorgungsgerechtigkeit? Kann das Smartphone künftig auch zum Lebensretter werden? Alles Fragen, mit denen sich Fachleute aus Politik, Medizin und Wirtschaft am Mittwoch in Bad Kissingen beschäftigen werden.

Der Telemedizin-Kongress etabliert sich gerade, sagt der stellvertretende ZTM-Vorsitzende Prof. Dr. Dr. Peter Deeg. „Er hat schon einen ganz guten Klang in der Szene.“ Entwicklungen in der Telemedizin voranzutreiben, hält Deeg für „dringend notwendig“. In einem E-Health-Gesetz alles nun auf eine rechtliche Basis zu stellen, ist nach Meinung des Mediziners auch deshalb wichtig, weil dann die Kostenträger aufgerufen sind sich zu beteiligen. „Denn im niedergelassenen Bereich machen die Kollegen nur mit, wenn diese Leistungen erstattet werden.“

„Es ist eine Lawine, die da auf uns zukommt. In zehn Jahren wird die Medizin durch diese digitalen Errungenschaften komplett verändert sein“, prophezeit Deeg. Die Patienten werden durch die neue Technik wesentlich unabhängiger agieren können. „Ein Diabetiker kann heute schon per Mikrochip von einem Ort aus praktisch weltweit kontrolliert werden“, sagt der Professor und verweist auf Joachim Jäcklein, der in seiner Klinik als Koch arbeitet.

Der 51-Jährige trägt einen Sensor auf der Haut, der mit einem Katheder unter der Haut verbunden ist. An dieser Stelle wird viertelstündlich der Blutwert genommen und an eine kleines Gerät übertragen, das Jäcklein, ebenso wie eine Insulinpumpe bei sich trägt. Diese technische Neuerung hat noch keine Kassenzulassung, sagt Jäcklein im Gespräch mit der Main-Post. Dennoch hat er sich dieses Gerät geleistet, denn die permanente Glukosemessung gibt ihm wesentlich mehr Sicherheit als die Momentaufnahme, die man mit dem herkömmlichen Blutzuckermessgerät in größeren Abständen vornimmt.

Der Mikrochip für Diabetiker gehört zwar nicht zu den Innovationen, mit denen man sich im ZTM beschäftigt. Dort geht es aber um andere wichtige Neuerungen wie Herzschrittmacherkontrolle per Internet, Notfalltherapie von Schlaganfallpatienten per Videokonferenzsystem, Monitoring von Herzinsuffizienzpatienten, Telemedizin mittels Stroke Angel und Cardio Angel.

Die Angel-Systeme sind inzwischen erprobt und in der Anwendung. Sie wurden von anderen bayerischen Regionen bereits übernommen, sagt ZTM-Vorsitzender Prof. Dr. Bernd Griewing (Bad Neustadt). Für das Projekt Telekonsil, das unter anderem die Herzschrittmacherüberwachung bei Bewohnern von Seniorenheimen ermöglicht, ist die Probephase abgeschlossen, sagt Griewing. Jetzt müsse mit Ärzten und Heimen die Regelversorgung besprochen werden.

Andererseits ist der Vita-Mentor, den sich Kurgäste buchen, wenn sie einen Gesundheitscheck wünschen, noch in der Entwicklung. Im ZTM werden solche Projekte zunächst entworfen, erprobt, verfeinert und damit fit für die Anforderungen der Zukunft gemacht. Dazu gehört auch die Finanzierbarkeit, denn all diese Systeme müssen in der Anschaffung erschwinglich sein, so dass der Einsatz auch von den Kassen mitfinanziert wird.

Brandneu ist die Idee, eine telemedizinische Zentrale für die Flüchtlingshilfe zu schaffen. Das Projekt ist bei den zuständigen Ministerien in München bereits eingereicht worden, sagt Griewing. Man könnte dort ausländische Ärzte und mehrere Dolmetscher einsetzen, welche die Neuankömmlinge durchchecken und ihnen auf digitalem Weg entsprechende Hilfen oder Medikamente zukommen lassen.

2012 wurde das ZTM im Rhön-Saale Technologie- und Gründerzentrum (RSG) eingerichtet. Rund 1,4 Millionen Euro flossen seitdem aus Landesmitteln in das innovative Unterfangen, das laut Griewing inzwischen zu einem „bayerischen Pilotprojekt“ geworden ist. Zu Beginn der Initiative rechnete man mit Gesamtkosten in Höhe von 2,7 Millionen Euro. 90 Prozent der Mittel wollte der Freistaat beitragen, hieß es damals. Rund eine Million Euro an Fördermitteln stünden also noch aus.

Die Testphase sollte über vier Jahre laufen. Der Förderantrag auf eine Verlängerung des ZTM-Projekts wurde laut Griewing schon beim Bayerischen Gesundheitsministerium eingereicht. Das Vorhaben stets nur um ein weiteres Jahr zu verlängern, sieht der ZTM-Chef kritisch. „Wir streben einen Förderzeitraum von vier bis fünf Jahren an.“ Bis dahin wird das Kind – sprich das Telemedizinzentrum – seiner Einschätzung nach dann auch auf eigenen Füßen stehen.

Telemedizin im Rettungsdienst: Daten eines herzkranken Notfall-Patienten gehen sofort digital an die Klinik, wie ZTM-Geschäftsführer Sebastian Dresbach zeigt. Die Bad Kissinger Angel-Systeme sollen bald deutschlandweit Schule machen.
Telemedizin im Rettungsdienst: Daten eines herzkranken Notfall-Patienten gehen sofort digital an die Klinik, wie ZTM-Geschäftsführer Sebastian Dresbach zeigt. Die Bad Kissinger Angel-Systeme sollen bald deutschlandweit Schule machen. Foto: von Dobschütz

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