BAD KISSINGEN

Ein Schicksal wie das der Anne Frank

Befassten sich mit der Geschichte der jüdischen Familie Löwenthal: Schüler des neuen Arbeitskreises Geschichte an der St...

(rp) Zwei von insgesamt 13 Stolpersteinen wird der Kölner Künstler Gunter Demnig am 22. September vor dem Boxberger-Haus (Ludwigstraße 5), dem früheren Bankhaus Loewenthal, in den Bürgersteig setzen. Damit will die Bürger-Initiative „Bad Kissinger Stolpersteine“ im Rahmen ihrer dritten Verlegungsaktion an die jüdische Bankiersfamilie erinnern.

Die Schüler des neuen Arbeitskreises Geschichte an der Staatlichen Realschule erforschten deshalb in den letzten Wochen des vergangenen Schuljahres unter Anleitung ihres Lehrers Andreas Reuter das Leben und tragische Schicksal der Loewenthals. Vater Ludwig (45) und sein 15-jähriger Sohn Willy kamen beide im Konzentrationslager zu Tode.

Seit 1922 hatte Ludwig Loewenthal im Wohn- und Geschäftshaus Ludwigstraße 5 sein florierendes Bankhaus betrieben. Bereits während der Weimarer Republik hatte sich der Bankier in der Deutschen Demokratischen Partei und im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold gegen den aufkommenden Nationalsozialismus engagiert, weshalb er unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten von diesen verfolgt wurde.

Laut Reuter war die Erforschung des weiteren Schicksals der Familie Loewenthal für seine Schüler deshalb besonders interessant, weil es Parallelen zum Leidensweg der Familie von Anne Frank gab. Auch die Loewenthals verließen ihre deutsche Heimat nach Hitlers Machtübernahme, um sich wie die Familie Frank in Amsterdam eine scheinbar sichere Existenz aufzubauen. Willy Loewenthal war genauso alt wie Anne Frank.

Es sei durchaus möglich gewesen, vermuten die jungen Forscher der Realschule, dass sich beide gekannt haben. Denn alle jüdischen Schüler in Amsterdam mussten nach der Einnahme Hollands durch die deutsche Wehrmacht das jüdische Lyzeum besuchen. Und beide, Willy Loewenthal und Anne Frank, starben im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Zu Beginn ihrer Arbeit besuchten die 20 Sechst- bis Neuntklässler des Arbeitskreises die Dauerausstellung „Jüdisches Leben in Bad Kissingen“. Schon hier fanden sie erste Informationen: eine Anzeige des Bankhauses und den Auszug einer Ansprache Ludwig Loewenthals aus dem Jahr 1924 anlässlich der Gründung der Kissinger Sektion des Reichsbanners.

Eine Arbeitsgruppe beschäftigte sich dann mit den Forschungsergebnissen des Kissinger Gymnasiallehrers Hans-Jürgen Beck, der seine Untersuchungen zur Verfügung gestellt hatte. Andere Schüler durchforsteten das Internet nach Informationen.

Gestapo-Akten studiert

Die älteren Schüler beschäftigten sich mit den Gestapo-Akten Ludwig Loewenthals aus dem Staatsarchiv Würzburg. „Eine spannende Informationsquelle waren auch holländische Archive, die einen großen Teil ihres Aktenbestandes im Internet digitalisiert verfügbar halten“, heißt es in der Pressemitteilung.

Schließlich präsentierten die Gruppen sich gegenseitig ihre Ergebnisse und verfassten daraus gemeinsam die Biografien von Ludwig und Willy Loewenthal. Die Texte werden sie bei der Stolperstein-Verlegung am 22. September selbst vortragen und in einer Begleitbroschüre veröffentlichen.

Reuter zieht ein positives Fazit: „Die geschichtsinteressierten Schüler erhielten einen ausgezeichneten Einblick in wissenschaftliches Arbeiten.“ Die Schüler hätten konkret Kontakt mit unterschiedlichstem Aktenmaterial gehabt, was im Geschichtsunterricht der Realschule unüblich sei. Positiv sei auch die Förderung der Empathiefähigkeit gewesen. Durch die intensive Beschäftigung mit der Biografie des etwa gleichaltrigen Willy Loewenthal hätten sie sich gut in dessen Lebenssituation hineinversetzen können.

Außerdem sei ein nachhaltiges Interesse für lokalgeschichtliche Themen geweckt worden. Reuter: „Geschichte wird mit der Stolperstein-Aktion wieder lebendig. Sie wird durch die individuellen Lebensgeschichten konkret erfahrbar.“

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