RANNUNGEN

Eine ehrbare Lustbarkeit

Plantanz in Rannungen„Dem Pfarrvolke wird auf dem Kirchweihfest gemeiniglich eine ehrbare Lustbarkeit erlaubt!“, heißt es in alten Aufzeichnungen. In Rannungen ist das alle zehn Jahre der Fall. Heuer ist es wieder soweit.
1990 wurde letztmals gegraben. Foto: Rauch

Im Oktober wird in Rannungen wieder ein Planbaum aufgerichtet. Die Vorbereitungen dafür haben mit der ersten Versammlung schon jetzt begonnen. Das Dorf folgt mit den Planfesten einem alten Brauch, wie er in manch anderen Orten der Umgebung gepflegt wird – in Sennfeld, Gochsheim, Arnshausen oder Oberthulba. Während Sennfeld und Gochsheim ihren Planbaum alljährlich aufrichten, wird dies in Arnshausen nur alle 20 Jahre, in Oberthulba gar nur alle 25 Jahre getan. In Rannungen hat sich der zehnjährige Turnus eingebürgert.

Alt-Bürgermeister Leo Erhard hat in historischen Aufzeichnungen gefunden, dass der erste schriftlich nachweisbare Planbaum 1780 in Rannungen stand. Vermutlich ist der Brauch der Planfeste aber schon viel älter. Entstanden sind die in anderen Orten nämlich schon kurz nach dem 30-jährigen Krieg. In Rannungen könnte das Fest auch erstmals um 1718 stattgefunden haben, als die Kirche durch einen Neubau ersetzt wurde.

Vor 230 Jahren hat Pfarrer Willibald Köberlein Aufzeichnungen über das Fest in seinem Verkündigungsbuch festgehalten: „Dem Pfarrvolke wird auf dem Kirchweihfest gemeiniglich eine ehrbare Lustbarkeit erlaubt!“ Die „allgemeine Freud“ soll demnach dadurch zu erkennen sein, dass viel getrunken wurde, er spricht im Ton seiner Zeit von „Saufferey“, und Zigarren geraucht wurden.

Obwohl der zehnjährige Turnus als obligatorisch gilt, gibt es Aufzeichnungen aus der Zeit um 1850, dass damals jährlich ein wie auch immer gearteter Plan abgehalten wurde. In neuerer Zeit wurde nur zweimal vom zehnjährigen Modus abgewichen. 1920 wurde das Fest wegen der beginnenden Inflation auf das Jahr darauf verschoben. Und 1940 fiel es wegen des Zweiten Weltkriegs gänzlich aus, da die jungen Männer des Ortes fast alle zum Kriegsdienst eingezogen worden waren.

1950 wurde das Planfest jedoch wieder gefeiert. Leo Erhard war als Planbursch dabei. Die Kriegsheimkehrer haben ein großes Fest improvisiert, erinnert er sich. Er selber hatte als damals 18-jähriger noch nicht viel zu sagen. 20 Mark musste damals jeder Planbursch als Beitrag für das Fest zahlen. Ein stolzer Betrag, der manchen davon abhielt mitzumachen. Dennoch tanzten schon damals 62 Paare um den Baum. Die heutigen Planburschen entrichten 150 Euro.

Brauch war es schon vor 60 Jahren, dass die Planmädchen ihrem Burschen ein Hemd und eine Krawatte schenkten. Der Bursche hält im Gegenzug sein Mädchen während des gesamten Fests frei.

Beinahe hätte es 1950 beim Fest ein Unglück gegeben, denn die auf einen Kiefernstamm angeschäftete Fichtenspitze brach ab und stürzte auf die Tanzenden. Aber nur eine Tänzerin wurde leicht verletzt. Das Fest konnte fortgesetzt werden.

1960 wurde aus dem Gedächtnis die Satzung neu niedergeschrieben, nachdem die alte nach dem Tod des Vorsitzenden Karl Erhard verloren gegangen war. Beim Planfest 1970 wichen die Rannunger von einer Tradition ab. Statt des Pferden zogen Traktoren den Baum durch den Ort. Das wurde 1980 aber wieder anders. Leo Erhard war inzwischen Bürgermeister des Ortes. Sein schriftliches Ansinnen an die Schulen der Umgebung, die jüngeren Plantänzer am Montag vom Unterricht zu befreien, wurde abschlägig beantwortet. In die Schule ging trotzdem niemand, berichtet er. Der montägliche Plantanz fand wie in alten Zeiten statt.

1990 wurde letztmals in Handarbeit ein Loch für den Planbaum ausgehoben. Für das Fest 2000 wurde ein Betonfundament geschaffen, das Sicherheit bietet. Traditionell kommen einige zeitgemäße Beigaben und eine Kiste Wein in das Loch für den Baum. Von der Güte des Jahrgangs können sich die Burschen in zehn Jahren überzeugen.

Traditionell wird der Planbaum am Samstag gefällt. Die Burschen ziehen dann schon um 2 Uhr in den Wald, denn vor dem 6-Uhr-Läuten muss er in den Ort gezogen werden. Beim Aufstellen packen fast alle Rannunger mit an. Schon im Vorfeld knüpft der Planverein Seile und besorgt Keile für den Baum. Die Mädchen binden Kränze.

Der Ablauf des Festes orientiert sich an alten Vorgaben. Am Donnerstag wird das Loch für den Planbaum freigelegt, am Freitag der Festplatz hergerichtet, am Samstag der Baum aufgestellt. Abends ist Kommersabend. Am Sonntag und Montag wird dann ab Mittag um den Baum getanzt. An Silvester wird der Planbaum eingeholt und versteigert. Der Erlös wird für einen guten Zweck gestiftet. Darüber hinaus hat sich der Planverein seit 1980 verpflichtet, alljährlich den Christbaum vor der Kirche aufzustellen.

Erst 2019 wird die Gemeinde die nächste Versammlung zur Gründung eines Planvereines einberufen. Dann sind vielleicht schon einige Planmädchen mit dabei, die heute als Kinder den Planpaaren zur Seite gestellt werden. An ihnen wird es liegen, diese Tradition fortzuführen, denn mitmachen dürfen nur unverheiratete junge Männer und Frauen aus Rannungen oder solche, die fest mit Rannunger Burschen liiert sind.

Sollte sich eine solche Planbindung später lösen, wird das für den Planbursch teuer. Er muss seinen Mittänzern einen ausgeben. Und sollten die jungen Rannunger des Plantanzes müde werden, geht das Recht zur Ausrichtung für immer auf die jung verheirateten Paare über, sieht die Satzung vor.

Plantänzer 1990. Foto: Jens Brambusch
Feierlicher Zug zum Plan im Jahr 1950. 62 Paare tanzten damals um den Baum. Foto: Repro MP
Ab 2000: Betonfundament. Foto: Balling
Seile für den Planbaum 1990. Foto: P. Rauch
Der große Kranz für den Planbaum. Historische Aufnahme von 1990. Foto: Michael Petzold
Am Planbaum. Foto: M. Petzold
Tänzer und Zuschauer 1990. Foto: M. Petzold
Prosit der Burschen am Baum. Foto: Petzold

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