Hammelburg

Ende für Hammelburger Energiepioniere

Nach mehr als 20 Jahren löst sich die Hammelburger Solarstromgesellschaft auf. Sie war ein vielbeachteter Vorkämpfer für Öko-Strom.
Dank Hans-Josef Fell (rechts) entstand in Hammelburg eine beispielgebende Solarinitiative. Foto: Archiv/ privat
Dank Hans-Josef Fell (rechts) entstand in Hammelburg eine beispielgebende Solarinitiative. Foto: Archiv/ privat
Die Sache war es Henning Braun wert, mit seinen zwei Söhnen nach Hammelburg zu fahren. Vor mehr als 20 Jahren hatte Braun als Student seine Ersparnisse abgeschöpft, um sich an der Hammelburger Solarstromgesellschaft (HSG) zu beteiligen. Nun feiert er in der Markthalle mit anderen Gesellschaftern das Ende der HSG und ihre Pionierleistung.

Damals, Anfang der 1990er Jahre, war Fotovoltaik teuer und nicht weit verbreitet. Doch es gab Menschen, die überzeugt waren, dass man diese Technik fördern muss. Der Klimaschutz und die Ablehnung der Atomenergie standen als Motive dahinter, erklärt Hans-Josef Fell. Auf dessen Initiative entstand 1994 die HSG. Sie sollte Kapital sammeln, um in Fotovoltaik zu investieren und die Technik auf dem Markt anzuschieben.

Die Mindesteinlage betrug 2000 DM. "Ich habe damals zu meinem Mann gesagt: Du findest doch keinen, der dir 2000 DM gibt", erzählt Annemarie Fell, die spätere Geschäftsführerin der HSG. Doch 70 Menschen aus der Region und von auswärts traten der HSG bei. So kamen 210 000 DM zusammen.

"Die Beteiligung war mit einem hohen Risiko verbunden", erklärt Fell. Denn es fehlten die Erfahrungen. Niemand habe gewusst, ob die Fotovoltaik die erwarteten Erträge bringe.

Die HSG baute Solarmodule auf privaten Dächern, dem Parkdeck und - nach langen Verhandlungen mit der Diözese - auf dem Vinzenz-Koch-Haus. Die Gesamtleistung beträgt 15 Kilowatt. "Es ist eine kleine Anlage. Heute würde man über sie lächeln", meint Hans-Josef Fell. In den Reihen der Gesellschafter fand er einen jungen FH-Absolventen und Unternehmer, der sich um die Anlage kümmerte. "Man konnte damals nicht einfach zu einem Elektroinstallateur gehen."

Die Investition der HSG basierte auf dem Prinzip der kostendeckenden Vergütung: Die Stadtwerke Hammelburg verpflichteten sich für die Dauer von 20 Jahren zwei DM pro eingespeiste Kilowattstunde zu zahlen. Für das Prinzip der kostendeckenden Vergütung hatte Hans-Josef Fell als Stadtrat lange gekämpft. Er erinnert sich: "Es waren viel Überzeugungsarbeit und viele Einzelgespräche nötig." Ende 1993 unterstützte ihn dann eine Mehrheit aus Nicht-CSU-Fraktionen.

Die kostendeckende Vergütung wurde auf alle Stromkunden umgelegt, indem die Stadtwerke den Stromtarif um 0,15 Pfennige pro Kilowattstunde erhöhten. Hammelburg habe mit Aachen und Freising zu den Pionierstädten gehört, sagt Hans-Josef Fell. Bürgergesellschaften in anderen Städten folgten, die sich an diesen Vorbildern orientierten. Das Prinzip der kostendeckenden Vergütung floss außerdem in das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) von 2000, für das sich Hans-Josef Fell als Bundestagsabgeordneter eingesetzt hatte. Das deutsche EEG wurde wiederum ein internationales Vorbild. Zum Beleg baut Hans-Josef Fell einen ganzen Stapel an Büchern auf. Besonders stolz präsentiert er eine englisch sprachige Ausgabe von National Geographic, die in einem Artikel die Geschichte der Förderung und das Hammelburger Beispiel aufgreift.

Nach wie vor hält Hans-Josef Fell das Modell der Bürgergesellschaften für wichtig, um Akzeptanz für erneuerbare Energien zu schaffen und das Ziel von 100 Prozent Ökostrom zu erreichen. Daher bedauert er, dass die Entwicklung mittlerweile Richtung großer Unternehmen gehe. Hans-Josef Fell glaubt, dass die Mehrheit der Bürger immer noch hinter den erneuerbaren Energien steht. Die Lautstärke der Gegner sei allerdings größer geworden.

Vor wenigen Jahren entstand in Hammelburg eine weitere Bürgersolargesellschaft. Die hat noch einige Jahre vor sich. Die Gesellschafter der nun aufgelösten HSG konnten laut Hans-Josef Fell eine Rendite von drei bis fünf Prozent erzielen. Die Anlagen produzieren weiterhin Strom. Die Fotovoltaik-Module sind jetzt an die Dacheigentümer übergegangen, im Gegenzug dafür, dass diese auf eine Miete für ihre Flächen verzichtet hatten. Die Eigentümer bekommen bis 2020 eine Vergütung nach dem EEG von 2000. Nach ihren Erfahrungen sind sie überzeugt, dass die Technik noch lang so zuverlässig funktionieren wird wie bisher - damals war auch das nicht abzuschätzen gewesen.

Schlagworte

  • Hammelburg
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!