MÜNNERSTADT

Er, sie, es schreibt an die Tafel

Ausgemusterte Schultafel gespendet
(pm) Der ehrenamtliche Deutschkurs der Caritas Münnerstadt bekam eine gebrauchte Tafel der Werntal-Schule Poppenhausen gespendet. In der Grund- und Hauptschule wurde sie wegen Renovierung aussortiert, in der Mürschter Gemeinschaftsunterkunft wird sie dringend gebraucht. Denn die Caritas ist auf Sach- und Geldspenden angewiesen, erklärt Flüchtlingsberaterin Ursula Hartmann (Foto). Abholen musste Tilman Kluge das 500 Kilogramm schwere Ding allerdings selbst. Nach zehn Stunden Hieven und Wuchten stand die Tafel endlich an Ort und Stelle: dort, wo Kluge und drei andere Ehrenamtliche zweimal pro Woche Asylbewerbern die deutsche Sprache beibringen. Sechs weitere Ehrenamtliche unterstützen die Kinder beim Hausaufgabenmachen, Analphabeten beim Schreiben und Lesen oder jeden Hilfesuchenden bei sonstigen Hürden, die der deutsche Staat bereithält. Foto: J. Haug

Die Zettel an der weißen Wand bleiben noch eine Weile hängen. Nötig sind sie für den Unterricht nicht mehr: Seit einer guten Woche steht im Seminarraum in der Bergstraße 6 eine Schultafel. Die hat die Caritas für ihren ehrenamtlichen Deutschunterricht für Asylbewerber von der Werntal-Schule in Poppenhausen gestiftet bekommen.

In der Grund- und Hauptschule wurde sie wegen Renovierung aussortiert, in der Mürschter Gemeinschaftsunterkunft wird sie dringend gebraucht. Denn die Caritas ist auf Sach- und Geldspenden angewiesen, erklärt Flüchtlingsberaterin Ursula Hartmann.

Abholen musste Tilman Kluge das 500 Kilogramm schwere Ding allerdings selbst. Nach zehn Stunden Hieven und Wuchten stand die Tafel endlich an Ort und Stelle: dort, wo Kluge und drei andere Ehrenamtliche zweimal pro Woche Asylbewerbern die deutsche Sprache beibringen. Sechs weitere Ehrenamtliche unterstützen die Kinder beim Hausaufgaben machen, Analphabeten beim Schreiben und Lesen oder jeden Hilfesuchenden bei sonstigen Hürden, die der deutsche Staat bereithält.

Nach langjährigen Diskussionen will die bayerische Staatsregierung das Deutschkurs-Angebot für Asylbewerber künftig erweitern. Bisher haben nämlich nur anerkannte oder geduldete Flüchtlinge das Recht, aber auch die Pflicht, einen Deutschkurs zu machen. Alle anderen Asylbewerber müssen sich selbst ums Deutsch lernen kümmern und für die Kosten aufkommen. Wollen sie sich in die Bundesrepublik integrieren, sind sie auf ehrenamtliche und damit kostenlose Angebote wie das der Caritas oder der Diakonie in Münnerstadt angewiesen.

Rund 20 der 98 Mürschter Asylbewerber (Stand: Ende Februar) besuchen den Deutschkurs der Caritas. Genaues Zählen ist schwer, manche kommen regelmäßig, andere nur hin und wieder und pauken im Stillen. Neun Lernwillige haben an diesem Donnerstag um 15 Uhr den Weg in den Unterrichtsraum gefunden. „Woher kommst du?“ „Ich komme aus . . .“ – Äthiopien, Afghanistan, Tschetschenien oder der Ukraine, so tönen zögerlich die Antworten reihum.

Manche sind erst das dritte Mal im Kurs, andere kommen seit zehn Monaten mehr oder minder ständig. „Das ist die Schwierigkeit“, sagt der Mürschter Thomas Seuberling. Ein einheitlicher Unterricht ist bei den unterschiedlichen Kenntnisständen unmöglich, viel geht über Wiederholen und abgedruckte Bilder, hin und wieder auch über Englisch.

Seit gut drei Jahren ist Seuberling dabei. Der gelernte Erzieher ist gehbehindert und arbeitsunfähig. Mit dem Unterricht für Asylbewerber hat er wieder eine Aufgabe. „Außerdem sehe ich Integration von zwei Seiten.“ Die Menschen sollen sich in Deutschland auch willkommen fühlen. Gemeinsam mit Bärbel Fürst unterrichtet er heute im neu renovierten Raum. Es ist etwas eng, doch einen Platz bekommt hier jeder.

Obst und Gemüse sind heute an der Reihe: Die Karotte. Eine Karotte. Die Karotten. Hanna Tadesse und Tigist Bekele stellen sich gut an. Seit zehn Monaten lernen sie Deutsch. Jeden der fünf Termine pro Woche nutzen die beiden Frauen aus Äthiopien: zwei Mal bei der Caritas, drei Mal bei der Diakonie außerhalb des Wohnheims. Die beiden kennen sich seit einem Jahr aus Zirndorf bei Nürnberg. Dort kommen Asylbewerber an, bevor sie auf die Gemeinschaftsunterkünfte in Bayern verteilt werden.

Egal aus welchem Land die Asylbewerber kommen, die deutsche Sprache ist schwierig. Darin scheinen sich alle einig. Wörter wie Öl oder Brötchen fordern am meisten, Umlaute sind den meisten anderen Sprachen fremd. Doch sollten Hanna und Tigist ihr Leben in Deutschland verbringen, werden sie sie brauchen.

Ehrenämtler gesucht: Wer beim Deutschunterricht oder der Hausaufgabenbetreuung helfen möchte, melde sich bei Ursula Hartmann unter Tel. (09 71) 72 46 27.

„Ich koche . . .“: Von der Bohne bis zur Zucchini lernen bei Bärbel Fürst (von links) Asylbewerber wie Hanna Tadesse, Tigist Bekele und Khadizhat Saidova das nötige Wissen, um sich im deutschen Alltag zurechtzufinden. Foto: Julia Haug

Schlagworte

  • Julia Haug
  • Asylbewerber
  • Caritas
  • Deutsch-Unterricht
  • Deutsche Sprache
  • Diakonie
  • Ehrenamtliches Engagement
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!