BAD KISSINGEN

Favorit der Jury und des Publikums

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Gruppenbild mit Sieger: Jorge Gonzalez (sitzend), umringt von (von links) Maxim Lando, Marie-Ange Guci, Shizhe Shen, Clayton Stephenson und Julia Kociuban. Foto: Thomas Ahnert

Mit dem großen Abschlusskonzert aller Beteiligten ist der 13. Kissinger KlavierOlymp zu Ende gegangen. Den 1. Preis sprach die Jury dem 21-jährigen Kubaner Jorge Gonzalez zu. Er ist im Kissinger Sommer 2016 ein Solist beim Konzert des Orchestre Philharmonique de Marseille (Leitung Lawrence Foster). Die Plätze zwei und drei gingen nach New York und die jüngsten im Sextett: Maxim Lando und Clayton Stephenson. Der Publikumspreis, der von Besuchern vergeben wird, ging ebenfalls an Jorge Gonzalez. Mit der Veranstaltung waren OB Kay Blankenburg und Kari Kahl-Wolfsjäger sehr zufrieden. 110 Besucher, wieder einige mehr als im Vorjahr, kamen im Schnitt zu jedem der sieben Konzerten. Aber auch die Zahl der Abonnenten, die alle Konzerte gebucht haben, stieg. Die Auftritte:

Shizhe Shen

Es ist nicht leicht, bei einem Wettbewerb wie dem Klavierolymp im Rossini-Saal den Eisbrecher zu spielen. Dass die 20-jährige Shizhe Shen, die seit 2011 bei Arie Vardi in Hannover studiert, nicht die großen Begeisterungsstürme erhielt, lag weniger daran als an ihr selbst. Was sich bei Chopins Nocturne op. 1 – und später auch bei op. 48/1 – schon abzeichnete, war überreichlicher Pedalgebrauch.

Die Gestaltung wurde distanziert, was für die Spannung nicht förderlich war. Absofunkinlutely des Amerikaners David Rakowski war ein witziger, souverän gespielter Virtuosenzauber, aber als Vorbereitung auf Beethovens Waldsteinsonate etwas irritierend. Für sie selbst vielleicht auch. Sie war nicht frei in ihrem Spiel, kämpfte mit der Technik, ließ manches aus. Bei Liszts h-moll-Ballade und der Rhapsodie espagnole konnte sie technisch punkten. Sehr gut geriet Debussys Feu d'artifice.

Clayton Stephenson

Er wurde vor 16 Jahren in dem New Yorker Stadtteil East Harlem geboren. Und er wurde bemerkt: Mit zehn Jahren erhielt er ein Stipendium der Juilliard School Pre College Division. Vor zwei Jahren wurde er in die Förderstiftung von Lang Lang aufgenommen. Clayton Stephenson ist an einem interessanten Punkt. Technisch ist er ziemlich weit. Jetzt muss er nur noch zeigen, dass er da ist. Bachs Präludium und Fuge Nr. 5 D-Dur spielte er noch mit einem wunderbar trockenen Non-Legato. Aber dann zog er an, setzte vor allem auf Tempo und Lautstärke. In Beethovens Sonaten Les Adieux und Waldstein hatte er gute Ansätze und kluge Deutungen, aber sie gingen meist im Lärm unter.

Bei Liszts Dante-Sonate und h-moll-Ballade war die ganze Kraft besser begründbar. Und bei den viersätzigen Gargoyles des New Yorkers Lowell Liebermann hatte sich Stephenson beruhigt, hatte zu sich und seiner Expressivität gefunden.

Maxim Lando

Nun gut, er ist nicht mehr der Zwölfjährige, als der er angekündigt wurde: Seit dem 5. Oktober ist er 13. Aber das hilft nicht entscheidend weiter: Maxim Lando ist ein Pianist, der ratlos macht, wenn man ihn das erste Mal hört. Er hat eine technische und musikalische Reife, die einem ein bisschen die Sprache verschlägt. Man fragt sich, wann er das alles gelernt haben will. Das erinnert an Kit Armstrong, der nicht viel älter war, als er zum Klavierolymp kam. Aber Maxim Lando ist jetzt schon besser. Seine Eltern sind Musiklehrer. Aber die eigentliche Triebfeder ist in ihm selbst. Nicht nur, weil er immer dann leicht lächelt, wenn's am schwersten wird, weil er Vergnügen an technischen Herausforderungen hat. Liszts Leggierezza-Etüde und Ungarische Rhapsodie Nr. 12 oder Bizets Carmen-Variationen in der höllischen Fassung von Horowitz spielt er, als wäre es nichts und macht noch Musik daraus. Aber das Sensationelle an Maxim Lando ist sein reifes musikalisches Verständnis. Wie er Beethovens Sonate op. 31/1 spielt, das hat ihm kein Klavierlehrer beigebracht.

Marie-Ange Guci

Nach zwei Vertretern der modernen amerikanischen Klavierschule eine Vertreterin der französischen Tradition: Die 18-jährige Französin Marie-Ange Guci ist erstaunlich abgeklärt und hatte ein ziemlich „kalorienreiches“ Programm zusammengestellt. Marie-Ange Guci begann mit Ligeti, mit seinem Autonne a Varsovie und L'escalier du diable, zwei technisch ungemein schwierigen Sätzen. Aber Marie-Ange Guci gelang es, diese Schwierigkeiten in den Hintergrund zu rücken zugunsten wunderbarer, sprechender Klangfarben und -bilder. Auch Chopins Introduktion und Rondo op. 16 spielte sie mit so lockerem Zugriff, dass man in der Musik des bleichen Polen plötzlich Humor entdecken konnte. Durchaus ein großer Wurf war Bach/Busonis Chaconne d-moll.

Julia Kociuban

Mit 23 Jahren gehört die Krakauerin Julia Kociuban zu den Senioren des Klavierolymps. Wer ihre Biografie liest, kann unschwer erkennen, dass die Schülerin von Pavel Gililov nicht nur viel Erfahrung und auch schon internationale Wettbewerbe gewonnen hat. Aber so ganz wollte sich der Eindruck von Erfahrung nicht bestätigen. Sie hatte ein kluges Programm mit Beethovens Sonate op. 27/1, Schumanns Kreisleriana, Skrjabins 9.

Sonate und Chopins h-moll-Sonate. Aber die Umsetzung litt darunter, dass sie sich und die Musik ständig unter Druck setzte, dass sie ständig Tempo und eine relativ flache Dynamik forcierte, dass sie sich erstaunlich viele, mitunter sinnentstellende Fehler leistete. Wirklich überzeugend war Kociuban bei Skrjabin. Seiner Schwarzen Messe wurde sie mit kompromisslosem Zugriff absolut gerecht, zumal der Komponist schrieb, dass er in dieser Sonate so heftig wie nie zuvor mit dem Satanischen in Berührung gekommen sei. Die Begegnung wurde hörbar.

Jorge Gonzalez

Das war eine echte Premiere: Aus Kuba war noch nie ein Teilnehmer zum Klavierolymp gekommen: Gut, Jorge Gonzalez wurde 1994 in Havanna geboren und bekam dort auch die Grundlage seiner pianistischen Ausbildung. Aber vor fünf Jahren ging er nach Paris und studiert seit 2014 bei Hortense Cartier-Bresson am Conservatoire National Supérieur de Musique.

Jorge Gonzalez war von Anfang an überzeugend mit seiner Interpretation von Bachs schwieriger e-moll-Toccata BWV 914, die außerordentlich klug nach dem Prinzip der Steigerung disponiert war und in eine klanglich fantastisch verdichteten Fuge mündete. Mozarts D-dur-Sonate KV 311, mit lockerer Hand gespielt, erwies sich als Zeugnis der Freude an der musikalischen Geste, an Charme und Witz. Spätestens bei Chopins F-dur-Ballade mit ihren herausragenden Übergängen zeigte sich, dass Gonzales dieses Mal der Einzige war, der für jeden Komponisten eine Klangsprache fand, wie bei Brahms' schlichter, nach innen gewendeter H-dur-Ballade, Szymanowskis schwerelosen Masques op. 34/1 oder dem kantigen, rhythmisch vergnüglichen „El Polo“ von Albeniz. Großes Kino für die Ohren waren Schumanns Fantasiestücke op. 12 und Liszts Apres une lecture de Dante. Da konnte er sein Publikum endgültig fesseln.

Unabhängig von der Platzierung werden alle sechs im Kissinger Sommer 2016 zu erleben sein.

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