Greifvögel in großer Gefahr

Erschlagen, vergiftet: Schutzzonen sollen den Rotmilan und andere Greife vor dem Tod durch Rotorblätter bewahren. Deswegen werden die Vögel gelegentlich von Menschen verjagt oder getötet, die mit der Windkraft ein Geschäft machen wollen.
Rotmilan

Die Energiewende hat zahlreiche Nebenwirkungen, mehr oder weniger dramatische. Geschützte Greifvögel bringt sie in Lebensgefahr. Das gilt besonders für den Rotmilan (Lat.: Milvus Milvus), der – obgleich erheblich bedroht – in Nordbayern noch häufiger kreist als in anderen Teilen Deutschlands und Europas. Den Greifen gefährlich werden nicht nur die Rotorblätter der Windräder. Sondern auch Menschen, denen Geld wichtiger ist als Artenschutz.

Der Landesbund für Vogelschutz (LBV), der Naturschutzbund Nabu und das Komitee gegen den Vogelmord haben eine erschreckende Bilanz vorgelegt. In 39 Fällen bundesweit aus den Jahren 2010 bis 2015 sehen die Verbände dringenden Verdacht auf die illegale Zerstörung von Großvogelhorsten in der Nähe von bestehenden und geplanten Windkraftanlagen. Bei drei Tötungsdelikten liegt ein Zusammenhang nahe, heißt es. Die Dunkelziffer sei hoch, da sind sich die Verbände sicher.

Greifvögel sind in Deutschland streng geschützt. Ihre illegale Verfolgung stellt eine Straftat dar, die eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren nach sich ziehen kann. Neun von 14 regelmäßig in Bayern brütenden Arten stehen auf der Roten Liste. Einige Bestände haben sich zuletzt stabilisiert, so das Landesamt für Umwelt (LfU), rückläufige Trends gibt es noch bei Habicht und Turmfalke.

Immer wieder gibt in der Nähe von Windkraftanlagen Totfunde. Greife lernen nämlich nicht, die Nähe der Rotoren zu meiden, das haben Forschungen an der Bielefelder Universität ergeben. Ein Rotorblatt ist für sie etwas, was entweder weit weg ist und nichts macht – oder aber zuschlägt und tötet, sagt der Bielefelder Verhaltensforscher Oliver Krüger.

Dass der Rotmilan häufiger als beispielsweise der Bodenbrüter Wiesenweihe zum „Schlagopfer“ wird, hat noch einen Grund. Der Milan jagt exakt in der Höhe, in der sich die Rotoren drehen, weiß Marc Sitkewitz, Leiter der Geschäftsstelle Unterfranken des Landesbundes für Vogelschutz (LBV).

Unterfranken ist diesbezüglich Bayerns gefährlichster Regierungsbezirk. Hier drehen sich rund ein Viertel der Windräder in Bayern. Aktuell sind 207 Anlagen in Betrieb und 59 weitere genehmigt, teilt die Regierung von Unterfranken mit. Brigitte Ziegra-Schwärzer von der Höheren Landesplanungsbehörde kennt das große Konfliktpotenzial zwischen Windkraft und Artenschutz und unterstreicht die Bedeutung der Regionalplanung. „Die sorgfältige Festlegung von geeigneten Vorrang- und Vorbehaltsgebieten (für Windkraft) und der Ausschluss von naturunverträglichen Standorten stellt eine ganz wesentliche Stellschraube dar, um negative Auswirkungen zu vermeiden oder gering zu halten.“

Für den besonders gefährdeten Rotmilan bedeutet das: Einen Kilometer um einen Brutplatz herum darf keine Windanlage genehmigt werden. Der Bereich bis zu 1500 Metern gilt als Vorbehaltsgebiet. Wer hier ein Windrad errichten will, der muss mit einem Artenschutz-Gutachten nachweisen, dass der Vogel nicht gefährdet wird.

Ähnlich streng sind die Regionalplaner beim Schutz von Wespenbussard und Rohrweihe, vor allem auch bei der Wiesenweihe, deren zuletzt 161 Brutpaare in Unterfranken und angrenzenden Gebieten besonders hohe bundesweite Bedeutung für den Erhalt der Art haben, so Ziegra-Schwärzer.

Naturschützer bemühen sich um bessere Brutbedingungen für die Großvögel, 2015 starteten sie ein länderübergreifendes Projekt zum besseren Schutz des Rotmilans in der Rhön. Aber auch Windkraftgegner sehen sie gerne kreisen und machen auf ihre Horste aufmerksam. Schon manche der ungeliebten „Windmühlen“ ließ sich so verhindern.

Vom strengen Schutz der bedrohten Großvögel sind Personen betroffen, die mit der Windkraft Geld verdienen wollen und nun nicht können. Personen, denen der Greifvogel Pachteinnahmen für ihr Land oder die Einspeisevergütung für den Strom vermasselt hat oder zu vermasseln droht. Menschen, die unter ökonomischem Druck stehen und denen die Ökologie nicht so wichtig erscheint, pfeifen schon mal auf Recht und Gesetz. Und starten den Versuch, die geschützten Vögel beziehungsweise deren Brutplatz aus dem Weg zu räumen.

2013 fällte ein Unbekannter einen Baum im Roßbacher Forst bei Bad Brückenau (Lkr. Bad Kissingen), auf dem Schwarzstörche ihren Horst gebaut hatten. Im gleichen Jahr starben im Rhön-Grabfeld-Kreis fünf Rotmilane und ein Schwarzmilan, weil sie Giftköder gefressen hatten. LBV-Mann Marc Sitkewitz kennt weitere Fälle aus Unterfranken, in denen die Motorsäge, Gift oder Fallen zum Einsatz kamen. Natürlich sind das Einzelfälle – wie auch der Tod von Greifen durch eine „Vogelschredder“ beziehungsweise „Windmühle“. Aber auch seltene Todesfälle können bei seltenen Tieren die Population nach unten drücken. Und bayernweit gibt es nur noch 750 bis 900 Brutpaare des Rotmilans. „Stark gefährdet“ sind die Großvögel auch durch Stromleitungstrassen und den Straßenverkehr sowie durch harten Winter.

Übrigens führt nicht nur der Konflikt um Windenergieanlagen zu Vogelmord. Mindestens 51-mal wurden Greifvögel in den vergangenen 15 Monaten illegal verfolgt, so der LBV, 44 Tiere kamen dabei zu Tode. Für Schlagzeilen sorgten auch tote Luchse und Biber.

Naturschützer fordern seit Jahren von der Politik eine konsequente Verfolgung der Straftaten. „Wir brauchen zumindest eine ordentlich geschulte Polizei“ beantwortet Marc Sitkewitz die Frage nach der Notwendigkeit einer Sondereinheit zur Bekämpfung von Umweltkriminalität, wie sie in Nordrhein-Westfalen aufgestellt wurde. Der LBV-Experte sieht durchaus die momentan enorme Beanspruchung der Beamten durch Flüchtlinge und Demonstrationen und die Folgen: „Wenn ich vom Pegida-Aufmarsch komme und soll einen toten Uhu aufnehmen – ich glaube, das funktioniert nicht.“

Immerhin erkennen die Naturschützer des LBV in Bayern erste Tendenzen zur Besserung. „Aufgrund der illegalen Übergriffe, nicht nur auf Greifvögel, sind wir 2015 in Bayern eindringlich auf die Politik und die Polizei zugegangen. Seitdem arbeiten und ermitteln die zuständigen Behörden bei derartigen Vorfällen nun deutlich konsequenter und zielführender“, so der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer.

Seit 2004 erfassen die Verbände anhand von Behördenangaben und eigenen Daten Fälle von Greifvogelverfolgung. In den vorangegangenen zehn Jahren wurden dabei 800 Fälle mit mehr als 1200 toten Greifvögeln dokumentiert.

„Der Rotmilan jagt exakt in der Höhe, in der sich die Rotoren drehen.“
Marc Sitkewitz, Geschäftsführer beim Landesbund für Vogelschutz

Schlagworte

  • Bad Kissingen
  • Bad Neustadt
  • Tilman Toepfer
  • Artenschutz
  • Greifvögel
  • Naturschützer
  • Regierung von Unterfranken
  • Tod und Trauer
  • Tötung
  • Vogelschutz
  • Windenergie
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
3 3

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!