Bad Kissingen

Heimathafen Bad Kissingen

Vor sechs Jahren gaben sie "Haus und Hof" in Göttingen auf. Seitdem ist das Ärztepaar Irene und Alexander Wiesner bei seiner Mutter in der Hartmannstraße gemeldet. "Wir sind Wahl-Kissinger." Klingelt man allerdings an der Wohnungstür, wird man die beiden dort nur selten antreffen. Denn seit 2007 fahren sie als Schiffsärzte um die ganze Welt und sammeln nebenbei Spenden für ihre Stiftung "Ärzte unter Segeln". Ab 2015 wollen sie nämlich "dort helfen, wo sonst keiner hilft".
Aus Frust fanden sie ihre Lebensaufgabe. Denn bis Ende 2006 arbeiteten die Internistin Irene (42) und der Allgemeinmediziner Alexander Wiesner (49) als Fachärzte in einem Krankenhaus in Hannoversch-Münden. Doch die Arbeit in dem vom Gesetzgeber allzu reglementierten Gesundheitswesen entsprach nicht ihrem Idealbild von der hilfreichen Aufgabe eines Mediziners. "Man füllt heute mehr Formulare aus, als dass man Menschen hilft."
Anweisungen der Krankenkassen seien oft unsinnig, so die Mediziner. Deshalb suchten sich beide eine Aufgabe, die ihnen mehr Erfüllung schenken sollte. Sie kündigten im Krankenhaus und ihre Göttinger Wohnung.
Seitdem versorgen sie Kreuzfahrtgäste - zuerst auf der "Vistamar", seit einem Jahr auf der "Hamburg". Auf dem Kreuzfahrer sind die zwei Ärzte nicht nur für 400 Passagiere und 170 Crew-Mitglieder verantwortlich. Immer wieder müssen die Wiesners bei Landausflügen in kleine Karibik-Dörfer, in Siedlungen an der Küste Lateinamerikas oder entlang des Amazonas die Dorfbewohner medizinisch versorgen. Denn Ärzte gibt es dort keine. "Dann wird im Gemeinschaftshaus der Altar zum OP-Tisch umfunktioniert."

Abgelegene Siedlungen

Kaum ist ihre Ankunft in der Amazonas-Siedlung bekannt, strömen hilfesuchende Bewohner von überall her zum deutschen Ärztepaar. "Es gibt keine Straßen in diese Siedlungen, deshalb auch keine ärztliche Versorgung." So kam den Wiesners ziemlich bald jene Idee, die ihr bisheriges Leben verändern wird: Sie wollen an Bord einer zur "schwimmenden Arztpraxis" umgebauten Segelyacht diese Alleingelassenen in der Karibik und in Lateinamerika medizinisch versorgen.
Vor drei Jahren gründeten sie deshalb ihre gemeinnützige Stiftung "Ärzte unter Segeln" und kauften dann in Kiel die 15 Meter lange "Sealady". Momentan liegt die hochseetaugliche und aus Aluminium gebaute Deckshausyacht noch in der Marina in Oberhausen. Dort müssen die komplizierte Elektrik installiert, neue Motoren eingebaut und der zum Wohnen und Praktizieren erforderliche Innenausbau abgeschlossen werden.

Testfahrten im Sommer

"Im Sommer 2014 machen wir Testfahrten", ist Irene Wiesner sicher Ein Jahr später will das Ehepaar sein Schiff in die Karibik überführen. "Ende November 2015 werden wir unsere schwimmende Praxis in Lateinamerika eröffnen."
Doch bis sie in See stechen können, müssen die Wiesners noch Geld für ihre von einem Wiesbadener Treuhänder verwaltete Stiftung sammeln. Irene Wiesner: "Der Treuhänder sorgt für die ordnungsgemäße Verwendung der Gelder." Auch für die medizinische Ausstattung brauchen sie Materialspenden. So fehlen beispielsweise noch ein tragbares Ultraschallgerät und ein EKG. Für das Boot können sie noch Reserve-Segel und anderes mehr gebrauchen.

Sellten zuhause

Es gibt also noch viel zu tun. In jeder freien Minute, die sie nicht auf ihrem Kreuzfahrtschiff Dienst haben, arbeiten die Wiesners deshalb mit vollem Einsatz für ihre Stiftung. Selbst im Urlaub, wenn das Paar in der Hartmannstraße wohnt, planen und organisieren sie. Hin und wieder nutzen sie ihre Urlaubszeit auch für Vertretungsdienste, um Geld für ihre gemeinsame Lebensaufgabe zu sammeln. "Wir sind zwar selten in Bad Kissingen", betont Alexander Wiesner, "aber unsere Steuern zahlen wir hier." Sie hätten auch nicht alles aufgegeben, widerspricht der Arzt. "Wir haben doch die Medizin."
Erst einmal wollen die Wiesners mit ihrer "Sealady" in zwei Jahren in der Karibik anfangen. Doch schon heute planen sie weit in die Zukunft: Wenn ihre Stiftung gut läuft, wollen sie eine ganze Flotte aus Segelyachten aufbauen und gemeinsam mit gleichgesinnten Ärzten ihr Einsatzgebiet auf Südost-Asien ausweiten. Aber egal, wo sich die Wiesners dann aufhalten werden: "Unser Heimathafen bleibt Bad Kissingen."

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