BAD KISSINGEN

Kaiser, Könige und Schwarzkittel

Herbert Howert stellt bei Rakoczy Badpächter Friedrich von Hessing dar. Er gehört damit zu den Schwarzkitteln des Fests. Foto: Siegfried Farkas

Bei den Historischen des Kissinger Rakoczy-Fests lebt die ständische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts weiter. Kaiser und Könige genießen mehr Ansehen als Schwarzkittel.

Herbert Howert ist einer von diesen Schwarzkitteln. Und er ist es mit Stolz und Überzeugung. Als Darsteller des Orthopäden und Badpächters Friedrich von Hessing gehört er zu jenen im Kreis der Historischen Persönlichkeiten des Rakoczy-Fests, die zwar wichtig sind, weil sie für die Weltbadzeit und damit für das Kernthema der ganzen Veranstaltung stehen. Aber nicht sonderlich auffallend, weil sie nur im schwarzen Frack auftreten.

Sisi ist der Magnet

Unter anderem bei der Autogrammstunde am Rakoczy-Sonntag sei der Unterschied deutlich auszumachen. Figuren, die ein opulentes Kleid oder eine schneidige Uniform tragen, kämen beim Publikum einfach besser an. „Sisi ist der Magnet“, sagt er über die Historische Persönlichkeit, die nach seiner Beobachtung Favorit des Publikums ist. Viele Festbesucher denken dabei aber wohl eher an die Sissi der Filme mit Romy Schneider und weniger an die echte Sisi, die Kissingen mehrfach besuchte. Das letzte Mal in Schwarz und wenige Monate vor ihrem Tod.

Howert glaubt sogar, dass sich die Hierarchie der vom Adel dominierten Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg ein wenig in der Gruppendynamik der Historischen des Rakoczy-Fests abbildet. Die meisten Darsteller nähmen ihre Figur sehr ernst, berichtet er. Sie beschäftigen sich mit der Geschichte der Person und versuchen ihrem Charakter und ihrer Bedeutung gerecht zu werden. Kaiser und Könige in glänzender Uniform fühlten sich so Bürgerlichen gegenüber eben wie Kaiser und Könige.

Psychologie der Rolle

Im Grunde funktioniert die Psychologie der Rolle, in die er da für ein Wochenende schlüpft, bei Herbert Howert aber genauso. Der 71-Jährige hat sich über seinen Friedrich von Hessing informiert. Er hat sich überlegt, wie er ihn angemessen verkörpert. „Er war ein knallharter Unternehmer“, sagt Howert über Hessing: „Er war klein und musste das irgendwie kompensieren. Er war ein klassischer Entscheider und am Ende so vermögend, dass er auf niemand Rücksicht zu nehmen brauchte.“

Das wolle er beim Fest auch dem Publikum „rüberbringen“. Sein Hessing sei einer, der „selbstbewusst ist, auch nachdenklich, und seinen Weg geht, ohne sich beeinflussen zu lassen“. In der historischen Persönlichkeit steckt in der Tat Potenzial. Der Badpächter hat viel in Kissingen investiert, mehr als er hätte müssen. Sein Alter Ego beim Fest ist überzeugt, dass er so die wichtigen staatlichen Investitionen seiner Zeit mit ausgelöst hat.

Die Reichen geschröpft

Was seine Einnahmen angeht, meint Howert, habe Hessing die Großen und Reichen seine Zeit „geschröpft“. Die „ganz Armen“ dagegen hätten nichts bezahlt bei ihm. Und dann gibt es da ja auch noch mannigfaltige Gerüchte um die zahlreichen Kinder, die von Hessing in die Welt gesetzt haben soll. Ein privater Zug des Badpächters, der beim Rakoczy-Fest in Bad Kissingen kaum eine Rolle spielt.

Zum Darsteller des Badpächters geworden ist Howert übrigens recht kurios. Sein Vorgänger habe ihn mal darauf angesprochen. Um Mitternacht, bei einer zufälligen Begegnung auf der Straße. Er habe sich das dann überlegt, den damaligen und schnell überzeugten Cheforganisator Hubertus Wehner angesprochen und dann sogar ein neues Kostüm gekommen.

Überwältigender Festzug

Am faszinierendsten war und ist Rakoczy für den in Oberhessen geborenen Rentner während des Festzugs. Die Begegnung mit dem Publikum und was von den Menschen zurückkommt, etwa wenn man sie grüßt, das sei einfach „überwältigend“.

Howert gibt übrigens auch zu, dass er sich sehr gefreut hätte, wenn er, also Friedrich von Hessing, aus Anlass des 100. Todestags in diesem Jahr das Gesicht des Fests auf dem Pin geworden wäre, den Besucher als eine Art Eintrittskarte kaufen müssen. Früher, sagt er, hätte es das nicht gegeben. Da sei es Tradition gewesen eine Figur mit Jubiläum auf dem Pin abzubilden. In diesem Jahr kämen dafür unter anderem auch noch Ludwig I. und Rossini in Frage.

Beim Pin an ein Jubiläum gedacht

Bruno Heynen von der Staatsbad GmbH, der das Fest zusammen mit Thomas Lutz von der Stadt verantwortlich organisiert, hat bei der Entscheidung für Minnesänger Otto von Botenlauben und Gemahlin Beatrix von Courtenay aber auch an ein Jubiläum gedacht. Der Heimatverein Reiterswiesen, der Graf Otto und seine Zeit unter anderem beim Burgfest auf der Botenlaube feiert, werde heuer 30 Jahre alt. Die Entscheidungen seien oftmals schwierig, es gebe viele Argumente, an die man da denken müsse. Mit dem Umstand, dass Friedrich von Hessing zu den Schwarzkitteln zählt, habe die Entscheidung jedenfalls nichts zu tun.

Vorbehalte gegen die befrackten Männer der Weltbadzeit hat Heynen ohnehin nicht. Die letzte Figur, die neu zu den Historischen hinzukam, der Architekt Max Littmann, ist ja auch ein Schwarzkittel.

„Eine gelungene Truppe“

Auf die Frage, ob der Kreis der Historischen Persönlichkeiten des Fests geschlossen ist, sagt Heynen, für Ergänzungen sei er immer offen. Aktuell sei aber keine geplant. Den Kreis der Figuren, die dauerhaft zu den Historischen gehören, zu erweitern sei aber schon wegen des zusätzlichen logistischen Aufwands bei Auftritten nicht ganz einfach. „So wie er jetzt ist, ist der Kreis ja auch eine gelungene Truppe.“ Aber punktuell, bei einem besonderen Anlass, sehe er kein Problem, auch mal eine zusätzliche Figur zu präsentieren.

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