Maßbach

Maßbach: Kauf der Synagoge steht bevor

Seit Jahren bemüht sich die Kommune, das einstige jüdische Gebetshaus, das in einem verschachtelten Gebäude-Ensemble steht, zu erwerben. Das soll nun endlich klappen.
Bürgermeister Matthias Klement an der Rückseite der früheren Maßbacher Synagoge. Im Hintergrund die Misrach-Wand (gen Osten).
Bürgermeister Matthias Klement an der Rückseite der früheren Maßbacher Synagoge. Im Hintergrund die Misrach-Wand (gen Osten). Foto: Isolde Krapf

Lange Zeit verhandelte die Marktgemeinde in Bezug auf den Erwerb des etwas zurückgesetzten Hauses an der Poppenlaurer Straße hinter den Kulissen. Jetzt scheinen die Pläne, den einstigen jüdischen Sakralbau wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, aufzugehen. Die Kommune wird jetzt den gesamten Gebäude-Komplex, in den die Synagoge eingebettet ist, kaufen und dort ein Museum einrichten.

"Wir haben jetzt die einmalige Chance, aus der bestehenden Substanz des Hauses ein Mahnmal für die Nachfahren zu machen", sagt Bürgermeister Matthias Klement im Gespräch mit der Redaktion. Dies werde immer wichtiger in einer Zeit, in der rechtsextreme Parteien wieder versuchten, in der Politik Fuß zu fassen. Was unter dem Banner des Nationalsozialismus mit den Juden geschah, dürfe sich nicht mehr wiederholen, unterstreicht Klement die Bedeutung des Maßbacher Vorhabens.

Jahrzehnte des Schweigens

Dass die Synagoge erst 2009, rund 70 Jahre nach dem Juden-Pogrom, wieder ins öffentliche Bewusstsein rückte, mag auch damit zu tun haben, dass nach Kriegsende, über Generationen hinweg, die Erinnerungen an die Judenund ihre gesellschaftliche Verwurzelung verdrängt worden waren. Denn schließlich hatten sich einst an den Pogromen auch Ortsansässige beteiligt. In Maßbach sollen, nach Quellenangaben, damals 60 SA-Männer aus dem Ort, gemeinsam mit etlichen Ortsbewohnern, die neun jüdischen Wohnungen gestürmt haben.

Heute sind viele Zeitzeugen in Maßbach nicht mehr am Leben. Eine andere Generation von Bürgern ist nachgewachsen, darunter etliche, die das Gedenken an die einstigen jüdischen Mitbürger neu beleben möchten. Selbst Bürgermeister Klement rätselte, warum das jüdische Leben im Ort so lange kein Thema war. Dass im Anschlussgebäude des einstigen Schuhhauses Geiling einst Juden ihre Gottesdienste abhielten, mögen viele ältere Maßbacher noch gewusst haben, sagt Bürgermeister Klement, der selbst Geburtsjahrgang 1968 ist. Den Jüngeren sei das Haus aber kein Begriff mehr gewesen. "Als Kind und Jugendlicher habe ich zum Beispiel davon nichts gewusst."

Mit dem Rad fuhr Klaus Bub 2016 nach Theresienstadt, um dort Steinchen für die aus Maßbach und Poppenlauer deportierten Juden abzulegen.
Mit dem Rad fuhr Klaus Bub 2016 nach Theresienstadt, um dort Steinchen für die aus Maßbach und Poppenlauer deportierten Juden abzulegen. Foto: Klaus Bub

Die Geniza auf dem Dachboden 

Als Museumsleiter Klaus Bub 2004 auf dem Dachboden der Synagoge eine Geniza (liturgische jüdische Schriften) fand, kam der Stein zur Aufarbeitung eines Teils der Maßbacher Geschichte schließlich ins Rollen, sagt Klement. Denn Bub fielen auch Briefe und Fotos von Maßbacher Juden in die Hände - und er machte sich an die Recherche.

Auch vor dieser Zeit hatte man freilich das Gedenken  an die einstigen Mitbürger hochgehalten.  So hatte zum Beispiel der verstorbene Bürgermeister Erhard Klement am christlichen Friedhof einen Gedenkstein setzen lassen und unter seinem Nachfolger Johannes Wegner wurden die ersten Stolpersteine verlegt. Zu Matthias Klements kommunalem Vermächtnis wird es später zählen, dass unter seiner Ägide die alte Synagoge wieder sichtbar gemacht wurde.

1920 hatte ein gewisser Karl Geiling, von Beruf Sattlermeister, das Haus neben der Synagoge gekauft und sich dort eine Werkstatt eingerichtet. Er, der als Freund der Juden galt, musste im Jahr 1938 die Zerstörung der Synagoge mit ansehen. 1942 gelang es ihm, das Gebetshaus zu erwerben. Sein Sohn Hermann Geiling eröffnete später in dem Laden an der Hauptstraße ein Schuhgeschäft. Bis vor 20 Jahren hatten die verschachtelt angeordneten Gebäudeteile noch Hermann Geilings Tochter Christa Sauer gehört. 

Klaus Bub hat in der Synagoge provisorisch ein kleines Museum eingerichtet (im Bild eine Thora-Rolle).
Klaus Bub hat in der Synagoge provisorisch ein kleines Museum eingerichtet (im Bild eine Thora-Rolle). Foto: Foto Dieter Britz

Der Interessent aus Passau

Dann wurde es an einen Privatmann im Schweinfurter Raum verkauft, der Anfang 2017 Insolvenz anmelden musste. Als sein Maßbacher Besitz unter den Hammer kommen sollte, beschlossen die Maßbacher, mitzubieten. Doch mit ihrem Gebot von 60 000 Euro kamen sie bei zwei Terminen nicht zum Zug, obwohl es kaum andere Interessenten gab, sagt Klement.

Als für die Kommune schon alles aussichtslos erschien, tauchte Mitte 2017 plötzlich ein Interessent aus Passau auf, der den Maßbacher Gebäudekomplex kaufen und wieder herrichten wollte. Das Erfreuliche für die Kommune: Er nahm auch mit der Gemeinde Kontakt auf. Von der Synagoge wusste er schon aus den Versteigerungsunterlagen, sagt Klement. Als er von den Absichten der Maßbacher erfuhr, habe er zugestimmt, zunächst das ganze Ensemble von der Bank des Schuldners zu erwerben und später die Synagoge und den Anbau wieder an die Kommune zu verkaufen, während er das frühere Geschäft mit der Wohnung ursprünglich selbst herrichten wollte, erzählt der Bürgermeister.

Kaufpreis wird gefördert

Dass die Verhandlungen für die Maßbacher so erfolgreich ausgingen, hat, nach Klements Eindruck, sicher auch damit zu tun, dass der Investor selbst Jude ist. "Er hat einfach den Bezug zu den historischen Fakten und zu den Funden jüdischen Glaubens in Maßbach."

Der Jüdische Friedhof in Maßbach wurde 1903/04 angelegt. Die letzte Beisetzung war im Jahr 1942 (Jette Grünebaum)
Der Jüdische Friedhof in Maßbach wurde 1903/04 angelegt. Die letzte Beisetzung war im Jahr 1942 (Jette Grünebaum) Foto: Isolde Krapf

Bis der Interessent das Gebäude erworben hatte, ging ein Jahr ins Land. Im März 2019 sei der Mann dann schließlich mit seinem Sohn nach Maßbach gekommen und habe sich vor Ort alles angeschaut. Als er mehr von den Plänen der Kommune hörte, habe er später schließlich zugestimmt, das gesamte Ensemble an die Gemeinde zu verkaufen. "Der Verkauf wird nun gerade vorbereitet", sagt Klement.

80 000 Euro muss die Kommune zunächst aufbringen. Zum Vergleich: Das ursprüngliche Gebot der ersten Zwangsversteigerung hatte bei 127 000 Euro gelegen. Weil die Sanierung der denkmalgeschützten Synagoge 2011 ins städtebauliche Entwicklungskonzeptder Kommune aufgenommen worden war, können die Maßbacher nun schon beim Kaufpreis für das Ensemble mit 60 bis 80 Prozent Förderung rechnen, hat Klement in Erfahrung gebracht. Das würde bedeuten, dass die Kommune im Optimalfall lediglich 16 000 Euro aus der eigenen Schatulle stemmen müsste.

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