BAD KISSINGEN

Mit Bravour und Persönlichkeit

Brillantes Debüt: Die Virtuosin Samira Spiegel (Sulzthal) glänzte im Kissinger Winterzauber. Foto: Frank Kupke

Bei der letzten Verbeugung vor der Konzertpause huschte ein leises Lächeln über das Gesicht von Samira Spiegel. Die Sulzthalerin schien zu ahnen, dass sie schon mit der ersten Hälfte ihrer Matinée classique Außerordentliches geleistet hatte. Denn die 18-Jährige, die an der Würzburger Musikhochschule gleich zwei Instrumente studiert – Klavier und Geige – hatte dem Publikum im sehr gut besuchten Rossini-Saal bereits zu diesem Zeitpunkt fulminante Beispiele ihres großartigen Interpretationsvermögens am Steinway geboten.

Das Sonntagmorgenkonzert war das Debüt von Samira Spiegel beim Kissinger Winterzauber. Und hierfür hatte sie sich ein echtes Mordsprogramm aus gewaltigen Brocken der pianistischen Literatur zusammengestellt, die sie nicht nur mit Bravour meisterte, sondern die sie auch mit so viel Persönlichkeit präsentierte, dass es eine wahre Wonne war.

Zu den Höhepunkten vor der Pause gehörte Beethovens Sonate „Les Adieux“, dessen letzten Satz Samira Spiegel furios und blitzsauber phrasiert vortrug. Und mit Prokofjews a-Moll-Sonate bewies die Solistin, dass man nicht unbedingt aus Russland kommen muss, um durch umwerfende Virtuosität und Authentizität an den Tasten mit russischen Stücken glänzen zu können. Bei Samira Spiegel kam beim Prokofjew noch etwas hinzu, nämlich ihre phänomenale Fähigkeit, mit deutlichen Lautstärke-Abstufungen diesem über weite Strecken wild motorischen Stück eine klare Kontur und damit Verständlichkeit zu verleihen.

Aber wenn die junge Pianistin in vollgriffigen Akkorden schwelgte oder rhythmisch-perkussive Passagen mit der nötigen Schärfe in die Tasten meißelte – wovon sie insbesondere nach der Pause in acht Stücken aus dem zweiten Band von Claude Debussys Préludes einige grandiose Kostproben gab –, so war dies weit entfernt von Kraftmeierei.

Stets agierte sie souverän an der Klaviatur, aus der sie gerade beim Debussy einige funkelnde akustische Kostbarkeiten mit großer Zartheit herauszauberte – so etwa in „Ondine“. Hier, wie auch in Chopins Fis-Dur-Barcarolle kostete sie die ungemeine Flexibilität und Beweglichkeit ihrer linken Hand aus, während sie in der monumentalen B-A-C-H-Fantasie von Franz Liszt den Facettenreichtum beider Hände auskostete.

Wahrlich aus dem Vollen schöpfen konnte Samira Spiegel bei Liszts berühmter 2. Ungarischer Rhapsodie. Wie in Trance und dennoch voller Energie entlockte die Virtuosin eine Tonkaskade nach der anderen dem Flügel. Und wie sie an manchen Themenköpfen das Tempo für einen Augenblick wohldosiert verzögerte, um es gleich darauf wieder aufzunehmen, war meisterlich. Da war es kein Wunder, dass sie am Schluss – ein wenig blass um die Nase, aber still lächelnd an der Bühnenrampe stehend – begeisterten Applaus entgegennehmen konnte. Wofür sie sich mit einer herrlich schmissigen Zugabe bedanke: Liszts „La Leggierezza“, auf Deutsch: „Die Leichtigkeit“ – und das hätte als Motto über dem ganzen Konzert von Samira Spiegel stehen können.

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