Bad Kissingen

Musik und Klimawandel

Rossini erklärt, welche Folgen der Klimawandel im Konzert hat - und wie sie bekämpft werden können.

Angesichts tropischer Temperaturen ist während eines Konzertes die Suche nach Abkühlung ein verständlicher Wunsch. Als Mann hat Rossini es da traditionellerweise schwerer als die musikbegeisterte Damenwelt. Während er von einem kleinen Handventilator träumt – dessen Einsatz sich wegen des damit verbundenen Geräusches in einem Konzert verbietet – können die Frauen auf ein seit Jahrhunderten bewährtes Utensil zurückgreifen: den Fächer. Und hierbei konnte Rossini während des Konzerts des Geigers Christian Tetzlaff markante Unterschiede feststellen. Schon optisch gab es da die ganze Bandbreite: vom üppigen spanischen bis hin zum filigran-asiatischen Modell. Die Handhabung geschah prinzipiell ähnlich. Doch bei der konkreten Ausführung beobachtete Rossini erstaunliche Differenzen. So reichte beim Fächeln das Tempo vom ruhigen gleichmäßigen Adagio über ein lebhaftes Allegretto bis hin zu einem geradezu irrwitzig raschen Prestissimo. Rossini konnte nur neidisch zusehen. Besonders eifersüchtig war er auf jene ein, zwei Männer, die von ihrer weiblichen Begleitung immer mal wieder ein paar Fächerstöße kühler Luft geliefert bekamen. Rossinis Sitznachbarin war indes eine ihm unbekannte Frau, die leider keinen Fächer dabei hatte und ihn in der Konzertpause überflüssigerweise darauf hinwies, dass die momentane Hitze eh auf den menschengemachten Klimawandel zurückführen sei. Rossini nickte und schielte derweil auf einen Mann, der das geradezu unfassbare Glück hatte, dass ihm seine beiden Sitznachbarinnen gleichzeitig und fast synchron wohltuende Brisen zufächerten. Das geschah völlig geräuschlos – ganz im Gegensatz zu jenem Handypiepsen, das den Solisten veranlasste, das Konzert nach wenigen Minuten abzubrechen und, nachdem der akustische Störenfried ausgeschaltet war, noch mal von vorne zu beginnen. Umso überraschter war Rossini, dass die Frauen das Fächeln während des Spiels des Solisten reduzierten. Vermutlich geschah das aus Ehrfurcht vor den musikalischen Darbietungen. Auch möglich, dass die Fächerdamen wegen des stupenden Könnens des Geigers die Hitze einfach vergaßen. Rossini war zwar ebenfalls begeistert. Die Temperaturen merkte er aber doch. Und so tat er es einem Mann gleich, der wenige Reihen vor ihm saß. Er nahm das Programmheft, schlug es in der Mitte auseinander und fächelte sich damit kühle Luft zu. Seine Nachbarin störte es nicht. Und der in die Musik versunkene Solist hatte eh die meiste die Zeit die Augen zu

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