Eußenhausen

Plötzlich roch die Luft nach Trabbi

Am Tag der Deutschen Einheit gehen die Erinnerungen zurück an den 3. Oktober 1990 und den 9. November 1989, als plötzlich der Eiserne Vorhang fiel.
Erinnern Sie sich noch an den 9. und 10. November 1989? Oder an den 3. Oktober 1990? Der 10. November, das war der Tag, an dem im Landkreis Rhön-Grabfeld morgens um 4 Uhr der erste Trabbi über den Grenzübergang Eußenhausen-Henneberg rollte. Arbeiter aus Meiningen wollten "nur mal sehen, ob das auch wahr ist, dass die DDR ihre Grenzen geöffnet hatte". Dann fuhren sie wieder zurück. Im Laufe des Tages und der kommenden Wochen überschwemmten dann die Trabbis und Wartburgs die Landkreise an der Grenze und ganz Franken. Ein Jahr später, am 3. Oktober 1990 feierten Tausende von Menschen aus Ost und West ein großes Wiedervereinigungsfest am ehemaligen Grenzübergang auf der Schanz zwischen Eußenhausen und Meiningen.

Begrüßungsgeld wurde knapp

Als sich die Grenztore geöffnet hatten, wurden nicht nur die Läden regelrecht ausgekauft, sondern auch Begrüßungsgeld, 100 Deutsche Mark, abgeholt. Das musste herangeschafft werden, und der vor zwei Jahren verstorbene damalige Landrat Dr. Fritz Steigerwald erzählte einst, dass er in seinem Auto eine große Menge Geld nach Mellrichstadt transportierte. Günter Krämer aus dem thüringischen Mendhausen erinnert sich daran, dass er zu Hause war und plötzlich seine Schwester hereinkam und ihm sagte "Die Grenze ist auf." Krämer konnte das damals gar nicht glauben, sah dann aber die Ereignisse am Fernseher.

Auf Umwegen nach drüben

Am nächsten Tag machte er sich auf an die Grenze. Um nach Irmelshausen zu den Verwandten zu kommen, musste er über Meiningen und Eußenhausen fahren. Ein kalter Tag sei es gewesen, weiß Krämer, und im Trabant sei es ganz schön kalt gewesen, sodass er froh war, als er endlich bei den Verwandten war. Heute kann Krämer wieder ohne Probleme in den Westen und in das nur zwei Kilometer entfernte Irmelshausen gelangen.

Erste Blicke ins Hinterland

Wenige Wochen später wurde bei Fladungen/Melpers die Grenze geöffnet, und ein Übergang eingerichtet und bei Trappstadt gab es erste Gespräche über eine Grenzübergangsstelle. Der damalige Bürgermeister Erich Werner erinnert sich daran, dass er erstmals mit einem Hauptmann der DDR-Grenztruppen in den Osten konnte und die neue Trasse sah, die hier in Richtung Eicha gebaut werden sollte. Zum ersten Mal sah er da auch den Hinterlandszaun in dem dichten Wald, der in den vergangenen vier Jahrzehnten anstelle der Straße entstanden war.
Anfang Dezember 1989 war es, als Bürger aus der thüringischen Ortschaft Eicha plötzlich in Trappstadt auftauchten. Die Gäste aus dem Osten wurden mit Musik begrüßt. Werner: "Die Leute fielen sich in die Arme und weinten oftmals, denn kaum einer konnte es damals noch glauben, dass die Grenze wirklich offen war." Allerdings wurde der Zaun am Abend wieder geschlossen.

Alte Verbindungswege erneuert

Schließlich war es soweit: Die Arbeiten für einen Grenzübergang bei Trappstadt begannen in West und Ost, und erstmals konnte man damals dann mit den Soldaten der Nationalen Volksarmee sprechen, ja man durfte sogar auf DDR-Gebiet. Etwas, das vierzig Jahre lang unmöglich war. Noch vor der Fertigstellung der neuen Verbindung von Trappstadt nach Eicha öffnete die DDR zwischen Rieth und Zimmerau den Zaun.













Einen Tag vor dem heiligen Abend war dann die offizielle Feierstunde am neuen Grenzübergang Trappstadt. Es gab viele Reden, Geschenke und dann den großen Zug nach Eicha. Dort läuteten die Glocken der Dorfkirche, als der Zug mit den Gästen aus Ost und West in Richtung Kulturzentrum ging. Bereits in der Silvesternacht des Jahres 1989/90 fielen sich dann die Menschen in die Arme. So auch am Grenzübergang Trappstadt-Eicha, wo der Sekt in Strömen floss und man jeden zum neuen Jahr und eine bessere Zeit beglückwünschte.

Der Abbau des Zauns begann

Nach und nach bröckelte das Reich der DDR-Machthaber ab. Es folgte die Öffnung des Grenzzaunes bei Mendhausen, Alsleben/Gompertshausen und Herbstadt/Hindfeld. Und immer war es ein großes Fest. Mit Musik wurden die DDR-Bürger am Grenzzaun abgeholt, ins Dorf geleitet und dort bewirtet. Dann ging ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung: Der Abbau des gefürchteten Todeszaunes begann unter anderem zwischen Eicha und Milz. Meter für Meter wurden abgetragen, wurden Minen geräumt, bis nur noch Fragmente in der Landschaft an das Eingesperrtsein, die Trennung erinnerten.

Bald fuhren wieder die Züge

Alte Verbindungen galt es neu zu knüpfen, wozu auch der Zugverkehr zwischen Mellrichstadt und Meiningen zählte. 1991 war es soweit: Der Lückenschluss war vollendet, der erste Zug mit vielen Gästen fuhr über die einstige deutsch-deutsche Grenze. Wenige Wochen später wurde der Luftkorridor geöffnet. Grund genug für Peter Gehret vom Aeroklub Bad Neustadt, die Freunde in Goldlauter in Thüringen zu besuchen. Ein Jahr später folgte, mit historischer Dampflok, die Wiederaufnahme der Schnellzugverbindung Würzburg-Schweinfurt-Bad Neustadt-Meiningen.
Heute ist sie schon fast in Vergessenheit geraten, die einstige todbringende innerdeutsche Grenze. Dort wo einst Minenfelder lagen, Stacheldraht und Selbstschussanlagen das Land unpassierbar machten, kann man Radtouren unternehmen und vollkommen ungehindert wandern.

Museum für Grenzgänger

An diese Zeit erinnert das Museum für Grenzgänger in Bad Königshofen. Hier wird auch die Nachbarschaft zu Thüringen deutlich. So gibt es Informationen über die Sprache, die Trachten, Religion und Brauchtum. Im ersten Stock zeigen zahlreiche Exponate, wie das einst war, als es noch die DDR gab. Im Außenbereich existieren noch Grenzanlagen am Dreiländereck bei Fladungen, bei Trappstadt am neuen Grenzgänger-Wanderweg, an der ehemaligen Grenzübergangstelle (GÜST) Eußenhausen und bei Rieth in Thüringen, Nicht zu vergessen der Skulpturenpark Deutsche Einheit auf der Schanz, den der aus Niederlauer stammende, Berliner Künstler Herbert Fell immer wieder mit neuen Ideen erweitert und aufwertet.














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