BAD KISSINGEN

Rossini: Geplärr und Geleier

Rossini: Die Nerven  der Cellistin       -  _

Ach, Signore Rossini, wollen Sie gerne ein paar Possen aus der Provinz hören? Diesen ungewöhnlichen Anfang haben wir dem Umstand zu verdanken, dass diesmal eine Frau ein paar Nebengeräusche des Kissinger Sommers aufgeschrieben hat.

Nach dem ungewöhnlichen und hörenswerten Samstagabendkonzert im mäßig besetzten Max-Littmann-Saal „Wurzeln und Äste der Wiener Klassik“ – mit dem Ensemble Resonanz und dem Pianisten Alexander Melnikov unter Leitung von Riccardo Minasi – stellte eine Zuhörerin den Komponisten Johannes Harneit (*1963) im Foyer des Regentenbaues. Zuvor hatte er sein für das Ensemble Resonanz komponiertes „Konzert für Klavier und Orchester“ dirigiert. Erst schmeichelte sie Harneit, sagte ihm, wie nett und sanft er wirke, um dann auszuholen: „Wie können Sie nur so schreckliche Sachen komponieren – schreiben Sie doch bitte mal etwas Schönes.“ Harneit reagierte übrigens souverän und gelassen. Ach, zeitgenössische Künstler haben es oft nicht leicht. Wie damals Johann Sebastian Bachs begabter Sohn Carl Philipp Emanuel. Sein Werk, das vor dem Harneits erklang und nicht zu Ehren Gottes geschaffen wurde, sei „teuflisches Geplärr und Geleier“. Gut, dass der Sohnemann nicht auf den Vater hörte. Die Harneit bekrittelnde Zuhörerin hatte es nämlich freudig beklatscht.

Ein weiterer Indikator, wie wichtig und belebend moderne Musik sein kann, war eine ältere Dame. Bei Carl Philipp Emanuel Bachs Werk schlief sie ständig – gut hörbar – ein. Bei Harneits Werk war sie hellwach und nickte nicht einmal weg. Übrigens: Nach der Pause blieb ihr Platz leer – obwohl jetzt Mozarts Es-Dur-Symphonie erklang.

Auch die Temperaturen empfand an diesem Abend jeder anders. Während eine Zuhörerin wild und unablässig mit ihrem Fächer wedelte, übrigens außerhalb jedes Taktgefühls, zog sich eine andere Zuhörerin ihr Schultertuch über den Kopf. Ob es sie fröstelte ob der tonalen eingängigen Mozart-Komposition? Es war jedenfalls ein spannender, kommunikativer Konzertabend. Er hätte Ihnen gefallen, Signore Rossini. Angelika Silberbach

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