BAD KISSINGEN

Saiten und Seiten wechseln

Man sollte, wenn einem das Leben lieb ist, dieses von seinem Ende her denken. Oft genug gilt das auch für Konzerte, erst Recht dann, wenn wir es, wie am Freitagabend, mit Schuberts achter Sinfonie zu tun haben, dem Werk eines Todgeweihten.

Sie füllte den zweiten Programmteil eines denkwürdigen Abends mit dem Violinisten und Dirigenten Leonidas Kavakos und den Wiener Symphonikern. Das Ende dieses Konzertes, der letzte Satz von Schuberts grandioser Sinfonie, war das Ziel dieses Abends, hinter dem einiges andere dann doch verblassen musste. Wobei zu lernen war, dass die Todgeweihten mehr vom Leben wissen als der schale Rest. Leonidas Kavakos, der 2008 beim Kissinger Sommer als Soloviolinist debütierte, legt mittlerweile öfters den Bogen aus und nimmt den Taktstock in die Hand. Dass dies kein Versuch ist, über den Tellerrand des Solisten hinauszuschauen, stellte der Grieche mehr als eindrucksvoll unter Beweis.

Dieser Schubert leuchtete von der ersten bis zur letzten Note ein. Die offensichtliche Lust von Kavakos, nicht nur auf seinen wenigen Saiten, sondern mit einem Orchesterkörper gestalterisch zu wirken, war so eindrücklich spürbar an diesem Abend wie selten. Wenn die tiefen Streicher einen rhythmischen Akzent setzten, dann kam das mit Wucht und Kraft.

Die Rhythmik war der vitale Puls dieser Interpretation der Achten, auf der sich die dicht gewebte Durcharbeitung des kompositorischen Materials entfalten konnte. Dieser oft tänzerische Puls war greifbar über alle Sätze hinweg, vom einleitenden Fanfarenmotiv bis zum grandiosen, fast nicht zu Ende findenden Finale.

Den Faden konnte man nicht verlieren. Und die Wiener Symphoniker ließen sich willig anstecken an der Gestaltungsfreude ihres Dirigenten, der mit der Freude eines Tontechnikers die Register steuerte und die Dynamik stufte. Nach dieser knappen Stunde Schubert blieb die Erkenntnis: Auch von seinem Ende her gedacht ist das Leben ein Fest.

Das ist nicht die Kernaussage von Haydns g-moll-Sinfonie, die vor der Pause erklang. Sie trägt den Beinamne „Die Henne“, wohl wegen eines witzigen, staccatohaften Oboenmotivs im ersten Satz. Der Name täuscht über die spannenden Themenauseinandersetzungen des ersten Satzes hinweg und verschweigt die fast schon burgenländisch-ungarische Melodik im Andante. Kavakos bewies auch hier Sinn für die Gestaltung, seine Generalpausen vor allem im Finalsatz hatten ihren Namen verdient. Allein der Anfang des Konzertes hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Kavakos, Solist und Orchesterleiter in Personalunion, gab ein eher zähes Violinkonzert in G-Dur von Mozart zum Besten. Das Hauptmotiv im ersten Satz haben wir viel beschwingter im Kopf, das ganze Werk zerfledderte etwas in Blöcke.

Diesen Eindruck konnte auch das wunderbar musizierte Adagio nicht nehmen, das Kavakos' Klasse und Nuanciertheit – von ganz wenigen Ungenauigkeiten abgesehen – demonstrierte. Aber, wie gesagt: Diesen dann doch glanzvollen Abend musste man von seinem Ende her denken.

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