Bad Kissingen

Schulhund Milow war für Roman die Rettung

Seit einem Jahr ist Silke Göhl Jugendsozialarbeiterin an der Sinnberg-Grundschule. Ein "Happy End" hat sie mit ihrer hundegestützten Therapie dort schon bewirkt.
Hundegestützte Jugendsozialarbeit gibt es neuerdings an der Sinnberg-Grundschule Bad Kissingen. Foto: Ines Renninger

Es kam der Tag, an dem nichts mehr half. Kein Bitten, kein Drohen, kein Schimpfen. Roman blieb, wo er war. In seinem Zimmer. Hinter verschlossener Tür. Nichts konnte den Drittklässer dazu bewegen, wieder die Schule zu besuchen. 

Seine Mutter wusste sich keinen Rat, die Lehrer drangen nicht zu ihm durch, am Ende informierte die Schule die Polizei. Doch selbst die Beamten zogen unverrichteter Dinge wieder von dannen. Einen Grundschüler mit Gewalt in die Schule bringen? Das brachten die Polizisten nicht übers Herz.

Milow gewann das Herz des Drittklässers

Seit April letzen Jahres arbeitet Silke Göhl als Jugendsozialarbeiterin an der Bad Kissinger Grundschule, im Bild mit Drittklässer Roman und Hund Milow. Foto: Ines Renninger

Was über Wochen keinem gelang, schaffte schließlich Milow. Der acht Monate alte Australian Shepherd Rüde arbeitet seit kurzem als "Co-Pädagoge" an der Sinnberg-Grundschule in Bad Kissingen. Sozialpädagogin Silke Göhlbietet dort hundegestützte Jugendsozialarbeit an. Hund Milow war es, der letztlich Romans Herz gewann und so das Happy End zu einer anfangs hoffnungslos anmutenden Schulverweigerungs-Geschichte schrieb.

Seit April arbeitet Göhl, die nebenbei außerdem als Tierheilpraktikerin in ihrer eigenen Praxis in Waizenbach tätig ist, in Teilzeit als Jugendsozialarbeiterin an der Sinnberg-Grundschule. Träger der Stelle ist die Kolping-Bildung Schweinfurt. Das Beratungsangebot ist kostenfrei.

Die 47-Jährige - die erst Erzieherin gelernt, dann Sozialpädagogik studiert hat - brachte mit dem Konzept der hundegestützten Pädagogik ihren eigenen Schwerpunkt mit an die Sinnberg-Grundschule. Zur Fachkraft für tiergestützte Pädagogik und Therapie hatte sie sich berufsbegleitend weitergebildet. Milow selbst hat eine Grundausbildung in der Hundeschule hinter sich, in Kürze beginnt seine Ausbildung zum Therapiehund.

Anwalt der Kinder und Jugendlichen

"Die Tiere haben mir als Kind schon immer geholfen", erinnert sich Göhl, die selbst auch nicht immer stolperfrei durch die eigene Schulzeit kam. "Die Kinder und Jugendlichen bräuchten einen Anwalt", dachte sie damals schon, "jemanden, der sich um ihre Belange kümmert, als ihr Sprachrohr fungiert, aber selbst kein Lehrer ist". Genau so versteht sie heute ihre Rolle als Jugendsozialarbeiterin. 

Hund Milow im Spiel mit Roman. Foto: Ines Renninger

Hunde, ist Göhl überzeugt, eignen sich ideal als Begleiter einer solchen pädagogischen Arbeit. "Hunde haben keine Vorurteile, gehen freudig auf ihr Gegenüber zu, geben immer direkte Rückmeldung, sind authentisch. Sie schimpfen nicht, sie strafen nicht." Gerade Kinder, die erlebt hätten, dass Bindungen zu Menschen schwierig sind, trauten sich häufig, sich auf dieses neue Bindungsmodell einzulassen.

Wobei Hunde längst nicht in allen ihren Arbeitseinheiten zum Einsatz kommen. "Wichtig ist es auch für Milow Ruhezeiten einzuhalten", sagt Göhl. Bei allem gelte es natürlich die Bestimmungen des Tierschutzgesetzes einzuhalten. Überhaupt sei der Hund nicht das Allheilmittel. Manche Probleme brauchten andere Lösungen. Gute Erfahrungen mit Milow hat sie besonders im Bereich Kleingruppen und deren Gruppendynamik, aber auch bei ADHS-Kindern gemacht.

Das Tier verfolgt keine Ziele, die Pädagogin schon

"Entscheidend ist: Das Tier ist neutral. Es will nichts erreichen", sagt Göhl. Was für den Pädagogen dahinter natürlich nicht gelte. Der verfolge sehr wohl klar definierte Ziele, setzte die tiergestützte Pädagogik etwa als Unterstützung sozialemotionaler Lernprozesse beispielsweise zum Aufbau von Vertrauen oder der Entwicklung kooperativen Verhaltens, kognitiver oder motorischer Kompetenzen ein. Der große Vorteil: Oft passiere das quasi ganz nebenbei, unbemerkt von den Schülern.

"Der Hund ist 'in' geworden", sagt Göhl. Schul- und Kindergartenhunde seien heutzutage nichts außergewöhnliches mehr. Was sie durchaus positiv sieht. Ihre "tiergestützte Pädagogik" oder Therapie unterscheide sich aber von den üblichen "tiergestützten Aktivitäten" mit Kindergarten- oder Schulhunden. Sie verfolge nämlich individuell klar festgelegte Ziele und Lernprozesse . Ein ähnliches Konzept gebe es bislang in der näheren Umgebung nur in der Grundschule Hassfurt.

Erst öffnete Roman die Tür, dann sich

Alleine biss Jugendsozialarbeiterin Silke Göhl bei dem Drittklässer Roman auf Granit. Klar hatte sie den Jungen mehrfach zu Hause besucht, um mit ihm zu sprechen. Seine Zimmertür allerdings blieb stets verschlossen. Erst als sie mit Milow davor stand, öffnete er. Erst die Tür, dann sich.

Anfangs gingen die drei nur zusammen spazieren, dann Frisbee spielen, schließlich zurück in die Schule. Sie sprachen über das Warum, änderten, was sie ändern konnten, einigten sich, dass Vermeiden keine Lösung ist und ergründeten, wie es künftig besser laufen könnte.

Der Drittklässer Roman hat endlich wieder Lust auf Schule, dank Sozialpädagogin Silke Göhl und ihrem Hund Milow.  Foto: Ines Renninger

"Ich gehe gerne in die Schule", sagt Roman heute. Warum? Er habe Freunde gefunden. "Milow ist einer von ihnen", sagt der Junge stolz. Es scheint, die Einschätzung beruht auf Gegenseitigkeit. Betritt der Junge das Zimmer von Silke Göhl, reagiert Milow sofort. Doch beide - Hund und Kind - haben gelernt sich zurückzunehmen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Toben sie dann nach diversen Arbeitseinheiten ausgelassen durch Silke Göhls Zimmer, sieht man ihnen die Freude mehr als an.

In jeder ersten Pause darf Roman "seinen" Milow besuchen. Für jeden Tag regulären Schulbesuch bekommt er ein Hunde-Fleißbildchen. Hat er eine Handvoll zusammen, gibt's zur Belohnung einen gemeinsamen Spaziergang. "Das motiviert." Romans Ordner mit den Bildchen wächst täglich. Und mit dem Ordner auch der Stolz des Jungen auf das Geschaffte.

Das motiviert: Für fünf Fleißbildchen gibt es einen Spaziergang mit Milow. Foto: Ines Renninger

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