Unterhaltung mit Stutzen

100-Jahr-Feier der Mottener Schützen: Die Gründungssatzung des Mottener Schützenvereins ist noch erhalten, in Schönschrift. Auch die Fahne aus den 20er Jahren gibt es noch sowie Abzeichen aus den 30ern.
In der Knorrshecke: Der Kleinkaliber-Schießstand des Schützenvereins Motten. Foto: Repro: Schützenverein Motten

Die Mottener Schützen sind dieses Jahr in Feierstimmung. 100 Jahre wird ihr Verein alt. Doch vor dem Vergnügen kommt die Arbeit. Vorsitzender Michael Herbert hat eine auf zwölf ausführlichen Bänden basierende Kurzchronik erstellt und die Termine für Kommers und Festzug festgelegt.

25 Jahre – Herbert hat den Schützenverein immerhin ein Viertel der Zeit seit der Gründung als Vorsitzender geprägt. Er sagt: „Ich bin stolz, dass es bei uns keine Querelen und Grüppchenbildung gibt.“

161 Mitglieder hat der Verein. Davon sind 50 aktiv: „Das ist okay. Die Stimmung im Verein ist noch gut.“ Herbert spricht das Thema an, weil viele Vereine auch im Altlandkreis Nachwuchsprobleme haben: „Die Jugend ist nicht mehr so interessiert wie früher.“

Im Mottener Schützenverein ist der Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel laut dem Vorsitzenden nicht so gravierend. Aber nach den Amokläufen von Winnenden und Erfurt leide der Schießsport unter „ungerechtfertigter Generalverurteilung“.

Im Jubiläumsjahr dürften diese Probleme in den Hintergrund treten. Für den 11. Mai ist ab 20 Uhr der Festkommers im Schützenhaus geplant, am 17. Juni, ab 13.30 Uhr, der Festzug. Er findet im Rahmen des Kreisschützenfestes statt, das größtenteils in der Willbräu-Halle steigt.

Genau genommen ist das genaue Datum des 100. Gründungsjubiläums schon vorüber. Der Schützenverein wurde am 3. März 1912 von 24 Männern als Zimmerstutzenverein ins Leben gerufen. Sie trafen sich zur Gründungsversammlung im Max Will'schen Gasthaus, also der Brauerei-Gaststätte. „Von dieser Versammlung existieren in unseren Chroniken die Originalabschriften“, sagt Herbert. Erster Vorsitzender war Förster Lothar Schmitt.

Der Verein sollte den Mitgliedern „durch Veranstaltung von Schießabenden mit Stutzen im Saale des Max Will'schen Gasthauses daselbst, gesellige Unterhaltung bieten.“

Noch am Gründungstag wurde an das Königliche Bezirksamt Brückenau Antrag auf „gütige Genehmigung“ gestellt und wurden die Statuten hinterlegt. Am 6. März teilte der damalige Mottener Bürgermeister Konstantin Drüschler dem Verein mit, dass vom Bezirksamt keine Einwände gegen die Gründung bestehen.

Die Aufnahmegebühr betrug damals 50 Pfennig, der Jahresbeitrag eine Mark. Frauen durften mitmachen, was zu dieser Zeit nicht selbstverständlich war.

Während des Ersten Weltkrieges ruhte das Vereinsleben. Erst 1919 fand eine Jahresversammlung statt. 1922 wurde der in Motten stationierte Förster Graßel Vorsitzender.

Das erste Preisschießen wurde 1926 abgehalten und der Kassierer wurde ermächtigt, dafür Preise im Wert von 20 Reichsmark einzukaufen.

Bei der Jahresversammlung 1927 wurde unter Vorsitz von Franz Drüschler beschlossen, eine Vereinsfahne anzuschaffen. Eine Sammlung unter den Anwesenden erbrachte knapp 100 Mark. Die Fahne wurde sofort angeschafft. Der Verein zahlte dafür damals mehr als 600 Mark.

Fahnenweihe wurde zusammen mit einem Stiftungsfest am 28. August 1927 unter den Kastanienbäumen am Brauereikeller gefeiert. Der Bürger- und Schützenverein Brückenau übernahm die Patenschaft.

1933 wurde beschlossen, einen Kleinkaliberschießstand zu errichten. Franz Drüschler stellte das Gelände an der Knorrshecke kostenlos zur Verfügung. Die Einweihung erfolgte an Pfingsten 1935.

In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg fand außer normalem Übungsschießen jährlich ein Königs- und Preisschießen statt. Meisterschaften oder Rundenwettkämpfe gab es zu der Zeit noch nicht. Die Proklamation des Schützenkönigs erfolgte auf einer eigenen Tanzveranstaltung des Vereins.

Die letzte vor dem Krieg war 1938. Schützenkönig wurde Leopold Vogel, Vorsitzender war Johann Klüh. In den 30er Jahren – genau ließ sich das nicht mehr feststellen – wurde das erste Vereinsabzeichen angeschafft. Davon sind heute noch drei Exemplare vorhanden.

Im Krieg wurden 13 Vereinsmitglieder getötet oder sind vermisst. Fahne und Zimmerstutzen wurden über die Wirren des Kriegsendes gerettet, das Kleinkaliber-Gewehr ging aber verloren. Nach dem Krieg berief Vorsitzender Klüh erst am 25. November 1951 wieder eine Versammlung ein. 23 neue Mitglieder wurden aufgenommen. Ein neuer Zimmerstutzen wurde angeschafft, der Schießbetrieb wieder aufgenommen. 1964 kaufte man das erste Luftgewehr.

Entscheidende Veränderungen ergaben sich 1967. Der Schützenverein trat nach langer Beratung dem Hessischen Schützenverband bei und beteiligte sich im damaligen Schützenkreis Gersfeld an Wettkämpfen mit Luftgewehr, Luftpistole und später auch Sportpistole. 1968 erhielt der Verein die Genehmigung für einen Schießstand mit fünf Ständen im Saal der Will-Bräu-Gaststätte. Eine Übergangslösung.

Zwei Jahre später wurden acht Schießstände im Keller der Gaststätte genehmigt. Den Vorsitz übernahm Lothar Möller.

Es folgte ein imposanter sportlicher Aufschwung. Dafür wesentlich verantwortlich war Fritz Nitz, bis 1980 Schützenmeister des Vereins. Er hatte schon 1969 die Luftgewehr-Gaumeisterschaften nach Motten geholt.

Damals wurde schon für ein eigenes Schützenhaus in der Heufeldhohle mit 25-Meter-Stand geplant. Die Arbeiten begannen 1971. Doch es gab Probleme mit Erdrutschen und Wassereinspülungen.

Eine Baufirma sollte die Erde beseitigen. Dabei gab es am 6. Mai 1972 einen schweren Unfall. Ein 18-Jähriger blieb mit seiner Baumaschine an Betonblenden hängen; diese stürzten ein. Der Mann wurde unter den Trümmern begraben und starb.

Die Bauarbeiten am Schießstand wurden eingestellt. Auch weil man über einen Stand im geplanten Sportzentrum nachdachte.

1972 brachte aber auch gute Nachrichten: Im August wurde die olympische Fackel auf ihrem Weg nach Kiel durch Motten getragen. Im Brauereihof erfolgte die Übergabe von Läufern des BLSV an die des Hessischen Sportverbands. Läufer des Sportclubs und des Schützenvereins brachten die Flamme ins Hessische.

1973 begann der Bau des Sportzentrums der Gemeinde. Der Schützenverein half mit, schuf alle für ihn bestimmten Räume selbst. Am 19 Juli 1974 war offizielle Übergabe des Gebäudes durch Bürgermeister Josef Will mit dreitägigem Fest.

Mit dem Aufbringen des Außenputzes im Herbst 1975 war der Bau zu Ende. Die neue Schießstätte wirkte sich auf Vereinsleben und sportliche Leistungen sehr positiv aus.

1980 wurde die Vereinsfahne erstmals restauriert. Eine Würzburger Firma besserte die Stickereien aus. Dabei kam ein bayerisches Staatswappen zutage, wie es von 1835 bis 1923 geführt wurde. 2005 wurde die Fahne noch einmal komplett erneuert. Alle Stickereien wurden auf ein neues Fahnentuch übertragen.

Die 1970er- und 1980er-Jahre waren die Zeit, in der der Schützenverein tolle Faschingsveranstaltungen und Büttenabende mit großem Zuspruch veranstaltete. Schon 1978 war ein Grillplatz mit offenem Kamin gebaut worden.

1981 wurde der Vorstand mit Schriftführer und stellvertretendem Vorsitzenden auf fünf Personen erweitert. Den Schießbetrieb leitete fortan Friedel Schuhmann.

Erstmals wurde ein Dorfkönigsschießen durchgeführt. Es wurde 1983 vom Vereineschießen abgelöst. Das war so erfolgreich, dass es über 25 Jahre hinweg wiederholt wurde. Bis zu 68 Teams beteiligten sich im Jahr an diesem Luftgewehrwettkampf.

Als im gleichen Jahr die Schützengemeinschaft Eichenzell neu gegründet wurde, wurden die Mottener zu Paten. Es wurden gebrauchte Scheibenzuganlagen abgegeben und man half mit Rat und Tat.

Wegen der vielen Gewehrschützen bekam der Verein im Lauf der Zeit Probleme. Sechs Stände waren zu wenig. Außerdem mussten durch die gleichzeitige Nutzung als Sportpistolenstand die Zuganlagen ständig auf- und abgebaut werden.

Schützenmeister Friedel Schuhmann und Pistolenwart Norbert Schleicher halfen. 1988 wurden die Zuganlagen in einer Eigenkonstruktion an der Decke angebracht, die Anzahl der Stände auf zwölf verdoppelt. Ein Schütze konnte in wenigen Minuten den Stand von zehn Metern Schießentfernung auf 25 Meter umbauen. Das war so innovativ, dass einige Hersteller von Zuganlagen das System inspizierten.

In den vergangenen 25 Jahren wurde viel gebaut: 1997 wurden Gastraum und Fassade erneuert und getüncht. Im Jahr darauf bekam das Haus nach drei Einbrüchen eine Alarmanlage.

Seit 1998 dürfen Vereinsmitglieder mit dem Unterhebelrepetiergewehr schießen, auch Winchester genannt, nachdem mehrere erfahrene Wiederladerschützen ablehnende Gutachten von Landratsamt und Landeskriminalamt in Zweifel zogen.

Eine Komplettsanierung der Toiletten und des Flurs mit Wasserleitungen, Abflüssen, Heizungen und Elektroanlagen wurde 2003 nötig.

Verschärfte Gesetze machten 2009 eine Modernisierung des Sportpistolenstandes nötig. Ein neuartiger, patentierter Kugelfang, bei dem keine Bleistäube mehr entstehen können, wurde eingebaut. Das Eröffnungsschießen des neuen Standes fand im Januar 2010 statt.

Und heute: Neben Training, Wettkämpfen und Meisterschaften werden jährlich zwei Preisschafkopfturniere abgehalten. Eines seit 1987, das andere speziell für die Frauen.

Dazu kommen das Ostereierschießen, ein Sommergrillfest, alle fünf Jahre ein mehrtägiges Schützenfest und das jährliche Königs- und Pokalschießen. Fester Programmpunkt für die Mottener Schützen ist seit Jahren das Internationale Westernschießen in Lauterbach.

Umzug im Dorf: Anlass war die Fahnenweihe des Schützenvereins im Jahr 1927. Foto: Repro: Schützenverein Motten
Schönschrift: Die von Hand geschriebene Satzung des Schützenvereins Motten. Foto: Repro: Schützenverein Motten
Kennzeichen der Mottener Schützen: das Vereinsabzeichen. Foto: Schützenverein Motten

Schlagworte

  • Bezirksämter
  • Gaststätten und Restaurants
  • Königinnen und Könige
  • Luftgewehr
  • Paraden und Festzüge
  • Schützenvereine
  • Stände
  • Vorsitzende von Organisationen und Einrichtungen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!