BAD KISSINGEN

Was Friedrich von Hessing Kissingen hinterließ

Krugmagazin
Das Krugmagazin in der Kurhausstraße ist das Symbol für die Reste des einst blühenden Heilwasserversands. Foto: Siegfried Farkas

Die Kissinger haben ihre eigene Art, jener Menschen zu gedenken, die sie in der Geschichte ihrer Stadt für wichtig halten. Sie reihen sie unter die Historischen Persönlichkeiten des Rakoczy-Fests ein. Bei Friedrich von Hessing ist die Bedeutung für Kissingen aber größer als die Rolle beim Rakoczyfest. Als Badpächter war der Pionier auf dem Gebiet der Orthopädietechnik die zentrale Unternehmerpersönlichkeit der Bad Kissinger Weltbadzeit. Hessing starb am 16. März vor 100 Jahren.

Bei Rakoczy in der zweiten Reihe

Wenn zu Rakoczy die Reichen, Schönen und Mächtigen aus den glanzvollen Kapiteln der Kissinger Stadtgeschichte vorgestellt werden, ist das Raunen des Volkes bei den Wittelsbachern oder bei Sisi und Franz Josef deutlich lauter als bei Friedrich Ritter von Hessing. Das mag daran liegen, dass die strahlend blauen Uniformen der bayerischen Könige und die rauschenden Röcke der österreichischen Kaiserin einfach publikumswirksamer sind als von Hessings schwarzer Frack. Es hat aber bestimmt auch damit zu tun, dass vielen Kissingern nicht klar ist, welch große Bedeutung die Leistungen dieses körperlich kleinen Mannes über Jahrzehnte für die Lebensgrundlage dieser Stadt hatten.

Eberhard Gräf ist einer, der die nachhaltige Wirkung der Entscheidung des bayerischen Königreichs einschätzen kann, Hessing mit Wirkung vom 1. Oktober 1900 die Pacht der Bäder Kissingen und Bocklet zu übertragen. Der langjährige Rechtsdirektor der Stadt und stellvertretende Landrat führte bis zu deren Verschmelzung mit der Kurverwaltung zur Staatsbad GmbH zum Jahreswechsel 1998/99 die Bäder ohG. Die Bäder oHG, eine gemeinsame Gesellschaft der Stadt Bad Kissingen und der Von-Hessing-Stiftung Augsburg, hatte 1925, nach dem förmlichen Ende des Vertrags mit Friedrich von Hessing die Pacht der Kuranlagen übernommen.

Jahre der Investitionsfreude

Die Zeit nach der Übernahme der Badpacht durch den 1838 bei Rothenburg ob der Tauber in einfache Verhältnisse hinein geborenen Hessing beschreibt Gräf als „Jahre der Investitionsfreude in Bad Kissingen“. Hessing habe vor allem in die Infrastruktur Bad Kissingens investiert. Nach den Angaben im Buch zum 1200-Jährigen der Kurstadt gab er dabei sogar erheblich mehr aus als ihm der Vertrag mit dem Königreich Bayern eigentlich vorschrieb.

Wie Kissingens Kulturreferent Peter Weidisch im 1200-Jahr-Buch erklärt, war für die Investitionen zur Verbesserung des Kurwesens eine Million Mark in zehn Jahren festgeschrieben. Tatsächlich investiert habe Hessing aber 1,6 Millionen Mark. Zu den Leistungen „der Ära Hessing“ rechnet Weidisch unter anderem die Erweiterung des Luitpoldbads, den Umbau des Salinenbads, die Erneuerung der Soleleitungen, den Bau der Zentralwäscherei an der Unteren Saline, das Salinencafé und das Rindencafé.

Das Fundament trug Jahrzehnte

Hessing, der nach Gräfs Angaben eine sehr gute Verbindung zu Prinzregent Luitpold pflegte und das Königshaus medizinisch betreute, habe durch seine Investitionen die Grundlage für Jahrzehnte wirtschaftlichen Gedeihens der Kissinger Kur gelegt. Getragen habe dieses Fundament im Grunde bis in die 1970er und 1980er Jahre hinein. Erst dann hätten die Investitionen der örtlichen Kliniken in eigene Bäder und Therapieeinrichtungen sowie staatliche Gesundheitsreformen der vorherigen „zentralen Versorgung mit Kurmitteln“ die Bedeutung genommen. Die Zahl der Anwendungen dort ging Schritt für Schritt zurück.

In der Folge seien auch begleitende Betriebe, wie etwa die zentrale Wäscherei an der Unteren Saline oder die Werkstätten diverser Handwerke, die noch bis in die Siebziger intensiv genutzt wurden, nicht mehr zu halten gewesen. Groß ist daher die faktische Bedeutung der Hessing'schen Hinterlassenschaften in Bad Kissingen heute nicht mehr.

Was von Hessing blieb

Die markanten Schmuckfenster in den beiden Südlichen Eckrisaliten des Luitpoldbads habe von Hessing herstellen lassen, berichtet Gräf. Sie gerieten erst jüngst durch den Umbau des Luitpoldbads zum Behördenzentrum wieder in den Blickpunkt. Er gebe auch die Hoffnung nicht auf, dass die Abfüllung und der Versand von Kissinger Heilwasser eines Tages doch wieder aufleben. Die Staatsbad GmbH sorge dafür, dass die in diesem Zusammenhang nötigen Rechte beim Rakoczy und beim Bitterwasser nicht verfallen. Potenzial, als Werbung für Bad Kissingen in die Welt hinauszugehen, hätten die Heilquellen nach wie vor. Ein kleiner hilfreicher Schritt sei die für das umgebaute Kurhausbad geplante Heilwasser-Schauabfüllung. Auch für die Weltkulturerbebewerbung als Teil der Great Spas of Europe könne der Verweis auf anhaltende Bedeutung des Heilwassers von Nutzen sein.

Andernorts wirken von Hessings Leistungen bis heute intensiv nach. Die 1868, also vor 150 Jahren, gegründete Hessing-Klinik in Göggingen, heute ein Stadtteil von Augsburg, gilt als eines der führenden Orthopädie-Kompetenzzentren Europas. Getragen wird die Klinik von der Hessing-Stiftung, in die Hessings Vermögen nach seinem Tod übergegangen war.

Mit einem Augenzwinkern

Nicht belegt, aber, wie es heißt, in Augsburg begleitet von Augenzwinkern immer wieder mal zu hören, sind Gerüchte, Hessing habe viele uneheliche Kinder hinterlassen. Wenn das beim Rakoczy-Fest bekannter wäre, dürfte Herbert Howert, Hessings Darsteller beim Rakoczy-Fest, bestimmt auf mehr Zuspruch aus dem Publikum hoffen. Bunte Vögel fallen einfach stärker auf.

Beim Rakoczy-Fest wird Friedrich von Hessing von Herbert Howert dargestellt. Foto: Siegfried Farkas
Die ehemalige Wäscherei an der Unteren Saline hat Friedrich von Hessing errichten lassen. Mit dem Bedeutungsverlust der zentralen Kurmitttelabgabe war auch sie irgendwann nicht mehr zu halten. Foto: Siegfried Farkas
Friedrich von Hessing Badpächter in einer historischen Aufnahme Foto: Wildbad Rothenburg
Die Schmuckfenster in den Eckpavillons des Luitpoldbads ließ Friedrich von Hessing herstellen. Foto: Siegfried Farkas

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