BAD NEUSTADT

„Wir brauchen keinen übergestülpten Nationalpark“

Die besseren Perspektiven für Rhön bietet nicht ein Nationalpark, sondern die Stärkung des Biosphärenreservats, ist Landtagsabgeordneter Sandro Kirchner überzeugt.
Die besseren Perspektiven für Rhön bietet nicht ein Nationalpark, sondern die Stärkung des Biosphärenreservats, ist Landtagsabgeordneter Sandro Kirchner überzeugt. Foto: Sonja Demmler

Die Diskussion um einen möglichen Nationalpark Rhön geht weiter, auch wenn viele die jüngsten Äußerungen von Markus Söder als das Aus für das Projekt werteten. Einer, der sich schon länger gegen einen Nationalpark ausgesprochen hat, ist der CSU-Landtagsabgeordnete Sandro Kirchner. In seinem Wahlkreis dürften große Teile eines Nationalparks ausgewiesen werden. Er ist nun mit einem Alternativvorschlag an die Öffentlichkeit gegangen. Wie der aussieht und wie er den Stand der Diskussion wertet, erläutert Kirchner im Interview.

Frage: Sie waren beim Besuch von Markus Söder in Bad Kissingen dabei. Seine Aussagen wurden als Aus für einen Nationalpark Rhön gewertet. Sehen Sie das auch so?

Sandro Kirchner: Der Minister hat in Bad Kissingen keine finale Aussage zum Thema Nationalpark getroffen. Er hat aber mit Blick auf die Widerstände seine Skepsis klar zum Ausdruck gebracht. Als zentralen Punkt für mich hat er festgestellt: Sollte es am Ende nicht zu einem Nationalpark kommen, dürfe die Rhön nicht als Verlierer dastehen, dann müsse das Biosphärenreservat gestärkt werden.

Söder hat erklärt, die Entscheidung werde in den nächsten eineinhalb bis zwei Monaten fallen.

Kirchner: Man kann das Thema nicht ewig diskutieren und Leute ewig hinhalten. Ich begrüße die Ankündigung von Markus Söder, nun sehr rasch zu einer Einigung zu kommen.

Sollte man das Dialogverfahren (Online-Umfrage usw) schon jetzt stoppen?

Kirchner: Wenn man irgendwelche Verfahren laufen lassen möchte, müsste man zum Beispiel beim Thema Gebietskulisse wissen, über was man überhaupt redet. Insofern sehe ich da die Grundlage überhaupt nicht.

Sie fordern schon seit Längerem, das Thema Nationalpark zu beenden. Warum?

Kirchner: Ich bin seit Sommer in die Öffentlichkeit gegangen und habe die Realisierbarkeit infrage gestellt. Die Rhön ist eine Kulturlandschaft. Der Mensch ist ein Teil davon und soll es bleiben. Die ökologische Qualität und Vielfalt rührt ja auch von seinem Tun. Für einen Nationalpark sind schlicht die Voraussetzungen nicht gegeben. Das zeigt sich doch schon daran, dass menschlich geprägte Nadelwälder und sogar landwirtschaftliche Nutzflächen in die Kulissenüberlegungen einbezogen werden, oder dass die Fläche zwangläufig zersplittert bleibt. Ich fordere deshalb: Stoppt die spaltende Nationalparkdiskussion in der Rhön und stärkt stattdessen das Biosphärenreservat!

Fühlen Sie sich durch die aktuelle Entwicklung bestätigt?

Kirchner: Mich hat die Erklärung von Markus Söder sehr gefreut, dass das Biosphärenreservat gestärkt werden muss. Das deckt sich genau mit meiner Sichtweise und der vieler anderer aus der Region. Wir haben doch das Biosphärenreservat erst 2014 erweitert. Das war auch eine gemeinschaftliche Kraftanstrengung: allein fast 4000 Hektar Kernzonen wurden verteilt über die Rhön ausgewiesen und der natürlichen Entwicklung überlassen. Die Evaluierung der Biosphäre durch die UNESCO hat uns ein prima Zeugnis ausgestellt. Damit haben wir ein Pfund, mit dem wir wuchern könnten. Da brauchen wir keinen krampfhaft übergestülpten Nationalpark, der passt nicht zu unserer Kulturlandschaft.

Enttäuscht wären sicherlich die Nationalparkbefürworter in der Rhön. Wie wollen Sie auf die zugehen?

Kirchner: Ich hoffe sehr, dass wir uns alle hinter dem gemeinsamen Ziel der Stärkung des Biosphärenreservates wieder vereinen können. Die vielen Naturschätze, die wir in der Rhön haben, müssen unbedingt erhalten werden. Sie können aber nicht alle in der Kulisse eines Nationalparks liegen. Wenn dem Biosphärenreservat die Mittel dazu gegeben werden, sind die entsprechenden Entwicklungsmaßnahmen möglich.

Der zentrale Punkt für Sie ist also eine Stärkung des Biosphärenreservats.

Kirchner: Mit einer Stärkung des Biosphärenreservats könnten wir drei entscheidende Interessenlagen zusammenbringen. Wer mehr Naturschutz will, bekommt ihn mit einem gestärkten Biosphärenreservat. Ebenso, wer sich mehr Tourismus versprochen hat. Und schließlich hat das Biosphärenreservat auch bei den Gegnern des Nationalparks den maximalen Zuspruch, der für seine Weiterentwicklung erforderlich ist. Das könnte eine Lösung sein, die der Region wirklich weiterhilft.

In anderen Regionen wie in Berchtesgaden ergänzen sich Biosphärenreservat und Nationalpark, warum nicht in der Rhön?

Kirchner: Das Berchtesgadener Land ist mit der Rhön nicht vergleichbar. Dort sind es zwei völlig unterschiedliche Kulissen. Dort findet die Biosphäre dort statt, wo der Mensch ist, der Nationalpark findet in teils unzugänglichen Hochgebirgsbereichen statt, womit Interessenkonflikte in wesentlich geringerem Umfang auftreten.

Konkret fordern Sie zum Beispiel einen eigenen Haushaltstitel von fünf Millionen Euro jährlich für das Biosphärenreservat. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Kirchner: Die Summe, die der Freistaat derzeit direkt für die Verwaltung des Biosphärenreservats aufbringt, beträgt etwa 2,2 Millionen Euro im Jahr. Für jedes konkrete Projekt musste sich die Biosphärenreservatsverwaltung bislang auf die Suche nach Mitteln machen. Mit dem Fünf-Millionen-Haushaltstitel bliebe nun eine freie Finanzspanne von knapp drei Millionen Euro. Die könnten dann vor Ort zur Weiterentwicklung des Biosphärenreservats investiert werden. Und immer mit der Gewissheit, dass diese Summe planbar in jedem Jahr vorhanden ist.

Nach unseren Recherchen fließen schon jetzt mehr als fünf Millionen Euro jährlich in das Biosphärenreservat.

Kirchner: Da bitte ich die Dinge zu differenzieren. Ins Gebiet des Biosphärenreservats fließen Mittel für Naturpark, Vertragsnaturschutz Landschaftspflege und ähnliches. Diese Leistungen fließen aber unabhängig vom Biosphärenreservat und sind daher den geforderten fünf Millionen nicht zuzuordnen. Ziel ist es, der bayerischen Verwaltungsstelle eine verlässliche und gut ausgestattete freie Finanzspanne für die Entwicklung des Biosphärenreservats anbieten zu können.

Mit einem eigenen Haushaltstitel ist sichergestellt: Das ist das Konto der Rhön.

Es gilt als höchst schwierig, das Finanzministerium dazu zu bewegen, einen neuen Haushaltstitel oder ein neues Haushaltskapitel zu eröffnen. Wie wollen Sie das beim Thema Biosphärenreservat Rhön erreichen?

Kirchner: Sehr wichtig ist hier, dass sich die politischen Vertreter der Region gemeinsam für dieses Ziel einsetzen, was der Bad Kissinger Kreistag, Oberelsbachs Bürgermeisterin Birgit Erb oder auch die unterfränkischen Abgeordneten meiner Fraktion schon getan haben. Das Bayerische Kabinett hat im Übrigen im letzten Sommer ein Paket „Natur.Heimat.Bayern“ beschlossen, an dem wir teilhaben wollen. Sehr zuversichtlich machen mich auch die positiven Äußerungen von Minister Söder. Damit wird eine wichtige Türe aufgemacht. Das Umweltministerium tut sich noch etwas schwer, aber die die Forderungen sind adressiert, und ich bin sicher, wenn die Region zusammensteht, haben wir Erfolg.

Derzeit wird der nächste Doppelhaushalt aufgestellt. Sind Sie schon entsprechend aktiv geworden?

Kirchner: Der Doppelhaushalt 2019/20 wird zwar erst in der nächsten Legislaturperiode beschlossen. Aber jetzt ist die Zeit, in der man die Weichen stellt. Die Forderung, wie gesagt, ist formuliert. Jetzt müssen wir, in erster Linie die Region selbst, den Konsens finden, dass wir das auch haben wollen. Dann werden wir das auch erreichen.

Gibt es schon konkrete Überlegungen, was dann im Biosphärenreservat angegangen werden soll?

Kirchner: Das müssen in erster Linie die Kommunen und natürlich Fachleute wie Michael Geier (Leiter der bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats: Amerk. d. Red) festzurren. Dann gibt es das neue Rahmenkonzept mit vielen Vorschlägen. Für mich ist wichtig, dass Mensch und Natur profitieren, und das in der gesamten Rhön! Zunächst müssen aber auch die alten Versprechungen erfüllt werden.

Und die wären?

Kirchner: Mit der Erweiterung des Biosphärenreservats 2014 wurde zugesichert, dass eine weitere Umweltbildungseinrichtung im Erweiterungsgebiet im Landkreis Bad Kissingen eingerichtet werden soll. Nach vier Jahren darf man da schon mal darauf hinweisen. Als Standort wäre das Saaletal naheliegend. Mit der Umweltbildungseinrichtung ist ein weiteres Informationszentrum verbunden, das ebenfalls im Erweiterungsbereich entstehen soll. Das könnte an einem zweiten Standort, der von touristischen Seite attraktiv ist, geschehen. Zudem sollte ja mit der Erweiterung notwendigerweise auch die Verwaltung des Biosphärenreservats personell gestärkt werden – als Basis für Projekte und Aktivitäten im gesamten Biosphärenreservat.

Sandro Kirchner (42) ist Diplom-Ingenieur, verheiratet und Vater zweier Kinder. Die Familie lebt in Premich. Seit 2013 vertritt er für als CSU-Abgeordneter den Stimmkreis 603 Bad Kissingen, der den Landkreis Bad Kissingen und Teile des Landkreises Rhön-Grabfeld umfasst, im Landtag.

Einen eigenen Haushaltstitel für das Biosphärenreservat einzurichten, lautet die klare Forderung von Sandro Kirchner.
Einen eigenen Haushaltstitel für das Biosphärenreservat einzurichten, lautet die klare Forderung von Sandro Kirchner. Foto: Gerhard Fischer

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