BAD KISSINGEN

Wolf in der Rhön: Jäger gegen Abschüsse

Die ersten Wölfe sind in der Rhön aufgetaucht: Wie soll mit dem Tier umgegangen werden? Durch einen Gesetzesentwurf soll der Wolf jetzt leichter geschossen werden dürfen. Jäger sehen das kritisch.
Wolf
Das Bundeskabinett beschloss, dass der Wolf in bestimmten Fällen abgeschossen werden darf. Das sieht so mancher kritisch. Im Bild ein Tier aus dem Wildpark Neuhaus. Foto: S. Pförtner/dpa

Heidi Sattes-Müller macht sich Sorgen, wenn sie von Aura aus in die Rhön fährt. Dort ganz normal ihrer Arbeit nachgehen? „Das ist nicht mehr möglich“, sagt sie. „Wir wissen, dass er da ist.“ Er – das ist der Wolf. Heidi Sattes-Müller hält gemeinsam mit ihrem Mann insgesamt 1000 Merinoschafe in der Rhön. Eine ihrer Herden grast derzeit im Truppenübungsplatz bei Wildflecken. Der ist seit Neustem Wolfsland. Vom Vorstoß der Regierung, den Wolf im Ernstfall schneller zu töten, hält sie – und mancher Jäger auch – nicht viel.

Für die Schäferin ist der Kabinettsbeschluss in vielen Punkten unklar. „Wer soll denn den Wolf schießen?“, fragt sie. Laut Gesetzesentwurf hat der Jagdausübungsberechtigte – also beispielsweise der Jagdpächter – eine Art Erstzugriffsrecht auf den Wolf. Das heißt: Wenn der Jagdpächter zustimmt, einen Problemwolf in seinem Revier zu erschießen, ist er durch die für Naturschutz und Landschaftspflege zuständige Behörde nach Möglichkeit vorrangig zu berücksichtigen.

Dem stehen Jäger teils ablehnend gegenüber. Denn zuständig für den Wolf ist der Jäger eigentlich nicht. „Wir sind nicht die Exekutive, der Wolf ist kein jagdbares Wild“, sagt Dr. Helmut Fischer, der Vorsitzende des Bad Kissinger Jägervereins. Denn das Tier unterliegt strengen artenschutzrechtlichen Bestimmungen. Daher liegt die Zuständigkeit nicht bei den Jagdpächtern, sondern beim Landratsamt.

Die Behörde kann laut dem Entwurf „berechtigte Dritte“ für den Abschuss beauftragen. Wer das ist? Das ist derzeit noch unklar. Das Landratsamt Bad Kissingen könne noch keine Auskunft erteilen, „weil die Untere Jagdbehörde noch keine weiteren Informationen und Vorgaben erhalten hat“.

Unklar ist bislang außerdem, wann der Wolf geschossen werden darf. Bislang war das erst bei erheblichem Schaden möglich. Die Lage musste für den Weidevieh-Besitzer also existenzbedrohend sein. Der Gesetzesentwurf soll den Abschuss jetzt allerdings schon bei „ernstem Schaden“ ermöglichen.

Was sich hinter dem Begriff verbirgt, ist noch nicht klar. „Den gilt es mit Leben zu füllen“, sagt eine Sprecherin des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Für das Ministerium sei der Begriff eng gefasst. Schon ein über den Zaun springender Wolf, der die Schafherde in Panik versetzt, wodurch ein trächtiges Schaf ihr Ungeborenes verlieren würde, gelte für das BMEL als ernster Schaden. Letztlich würden jedoch die zuständigen Landesbehörden die Entscheidung treffen. Das sorgt für Skepsis bei Eric Imm von der Wildland-Stiftung Bayern. „Der Knackpunkt ist die Entnahme. Das Streifgebiet eines Wolfs ist erheblich größer als das Jagdrevier eines Jägers“, sagt er. Entnahme heißt nichts anderes, als das Tier zu erschießen.

Daraus folgt, dass ein Wolf-Abschuss nicht mit einer Person zu realisieren ist. „Auf dem Papier klingt das alles einfach – in der Praxis sieht das aber anders aus.“
Enno Piening, Vizepräsident des Bayerischen Jagdverbands

„Der Wolf lässt sich nicht wie ein Reh oder ein Wildschwein bejagen“, sagt Enno Piening. Der Kissinger Anwalt ist der Vizepräsident des Bayerischen Jagdverbands. Fakt sei jedoch, dass der Wolf in der Region anwesend ist, weshalb sich Jäger, Landwirte und die Gesellschaft mit ihm arrangieren müssten. Persönlich schwebt Piening ein Wolfsmanagement nach finnischer Art vor. Dort halten Jäger die Population durch jährlich festgesetzte Abschussquoten auf einer stabilen Größe.

Oswald Türbl, Vorstandsmitglied der Kreisgruppe Bad Kissingen des Bundes Naturschutz, ist von der neuen Gesetzesinitiative nicht überzeugt. „Es gibt andere Wege “, sagt er. Für ihn hat der Herdenschutz Priorität. Allerdings: „Verglichen mit anderen Bundesländern, zeigt sich die bayerische Regierung sehr bedeckt, was Zuschüsse und Fördergelder angeht.“

Mancher Rhöner Landwirt sieht den Herdenschutz kritisch. „Wolfssicher einzäunen lassen sich hier viele Areale nicht. Die Flächen sind einfach zu groß“, sagt Michael Voll, der sein Weidevieh auf den Hängen des Feuerbergs hält. Die Folgen hätten letztendlich Landwirte mit kleinen Betrieben zu tragen. „Wie sollen die das finanzieren?“ Für ihn ist klar: „Der Wolf muss scheu gehalten oder verjagt werden.“ Bei der Rhön handle es sich um eine dicht besiedelte Kulturlandschaft, in der Konflikte zwischen Mensch und Tier programmiert sind.

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