Bad Kissingen

Als der Terror nach Bad Kissingen kam

1970 tobt der Vietnamkrieg, die Beatles trennen sich, Jimi Hendrix stirbt und in Bad Kissingen hat die Rote Armee Fraktion eine Autopanne. Das ist jedoch nicht die einzige Verbindung der Terrorgruppe in die Rhön.
Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin - hier auf einem Fahndungsplakat, waren Mitglieder der RAF. Meinhof hielt sich 1970  in Bad Kissingen auf. Im Hintergrund das Versteck: die damalige 'Villa Sanitas'. Foto: Johannes Schlereth, Steckbrief: Repro DPA       -  Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin - hier auf einem Fahndungsplakat, waren Mitglieder der RAF. Meinhof hielt sich 1970  in Bad Kissingen auf. Im Hintergrund das Versteck: die damalige 'Villa Sanitas'. Foto: Johannes Schlereth, Steckbrief: Repro DPA
| Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin - hier auf einem Fahndungsplakat, waren Mitglieder der RAF. Meinhof hielt sich 1970 in Bad Kissingen auf. Im Hintergrund das Versteck: die damalige "Villa Sanitas".

Die beiden Automechaniker wussten von nichts. Im Dezember 1970 schleppten sie ein Auto bei der Eisenbahnunterführung in Richtung Arnshausen ab. Die Insassen: Terroristen der Roten Armee Fraktion ( RAF ). Die Mechaniker erfuhren erst nach mehr als einem Jahr von der Polizei , wen sie damals abgeschleppt hatten. Doch das war nicht die einzige Geschichte, die die Terrororganisation mit der Kurstadt an der Saale verbindet. Für einige Tage versteckten sich Ulrike Meinhof , Beate Sturm, Holger Meins und weitere Mitglieder der RAF in einem alten Sanatorium. Den Bad Kissingern blieben die Ereignisse vor 50 Jahren zunächst verborgen. Die Terroristen verhielten sich unauffällig. Dass der Aufenthalt in der Kurstadt überhaupt bekannt ist, liegt an einem Gerichtsverfahren aus dem Jahr 1972 und dem Bericht des Nachrichtenmagazins "Spiegel".

Sanatorium als Unterkunft

Den Entschluss, das Hauptquartier nach Bad Kissingen zu verlegen, fassten die Mitglieder der RAF am 13. Dezember 1970. Aus der Zwei-einhalb-Zimmer Wohnung in Frankfurt ging es in ein altes, leerstehendes Sanatorium in der Bergmannstraße. Die Eigentümerin der "Villa Sanitas", die Psychologin Monika Seifert-Mitscherlich war eine Bekannte von Ulrike Meinhof . Im Prozess, der 1972 stattfand, äußerte sie sich zu der Beziehung mit der Terroristin : "Wir mochten uns schon sehr." Kennengelernt hatten sich die beiden gegen Ende der 50er Jahre in Münster. Das Haus habe sie der Bande jedoch nicht wissentlich überlassen. "Wir haben den Schlüssel wahllos jedem gegeben, der da hinfahren wollte", teilte Seifert-Mitscherlich dem Spiegel mit. Das Aufschließen einer Haustür war nicht zwingend erforderlich, boten doch Kellerfenster zahlreiche Einstiegsmöglichkeiten.

RAF-Terroristen in Bad Kissingen mussten ihre Unterkunft bewohnbar machen

Weil die Immobilie heruntergekommen war, mussten die Terroristen die Räume zunächst in einen bewohnbaren Zustand versetzen. Dafür waren Karl-Heinz Ruhland und Astrid Proll verantwortlich. Während Ruhland nie zum Kern der RAF gehörte, war Proll Mitbegründerin der Terrorzelle . Ruhland sagte vor Gericht als Kronzeuge aus, dass er zu diesem Zweck Ölföfen kaufte und diese im Haus installierte. Am 16. Dezember trafen dann Ulrike Meinhof , Holger Meins und Beate Sturm in der Bad Kissinger Bergmannstraße ein.

Marianne Engels, vom Hotel Saxonia in der direkten Nachbarschaft, zog 1983 nach Bad Kissingen . Der Vorbesitzer des Hauses erzählte ihr von seinen Erlebnissen im Jahr 1970. "In einer Nacht wollten Polizisten das Gebäude stürmen." Dazu seien Beamte aus Bamberg, Schweinfurt und Würzburg vor Ort gewesen. Laut Engels müsse es damals einen Maulwurf gegeben haben, der die Information an die Terroristen weitergegeben hat. Denn: "Als die Polizei nachts stürmen wollte, waren die Terroristen weg."

Anschläge in der Kurstadt hatten die Terroristen wohl nicht geplant. Viel mehr ging es in dem alten Sanatorium um Pläne für zukünftige Vorhaben. Nicht alle Ideen waren wohl konkret. Laut Sturm sei dort "auch viel gesponnen" worden.

Pläne, um Gefangene freizupressen

Dabei ging es beispielsweise um Geiselnahmen , deren Ziel es sein sollte Gefangene freizupressen. Eines der möglichen prominenten Opfer sei Franz Josef Strauss gewesen. Allerdings erschien dessen Entführung den Terroristen nicht sinnvoll. Die Bande sah davon ab, weil auf Strauss Freilassung kein Wert gelegt werden würde - nahmen sie an. Im Fokus standen laut dem Artikel des Spiegels aus dem Jahr 1972 noch andere Prominente, wie etwa der Hamburger Verleger Axel Springer und sogar der damalige Bundeskanzler Willy Brandt .

Wurde in Bad Kissingen eine mögliche Entführung des Bundeskanzlers geplant?

Zu dem Vorhaben gehen die Meinungen auseinander. Im Spiegel kommt Ruhland zu Wort, der betont, dass die Entführung von Bundeskanzler Willy Brandt als nützlich und unproblematisch zugleich bezeichnet worden sei. Eine solche Aktion sei "ernsthaft erörtert" worden. Der Spiegel zitiert Sturm, die anderer Meinung war. Sie hielt Entführungen für Spinnereien. Einig sind sich die Ruhland und Sturm darin, dass Banküberfälle ernsthaft in Betrachtung gezogen wurden. Die ausgespähten Ziele lagen in Nürnberg, Oberhausen und Gladbach. Ziel war es laut Ruhland, eine Summe von circa 500 000 Mark zusammen zu bekommen.

Das Vorhaben misslang. Ruhland und Sturm sollten mit einem weiteren Mann die Bank in Oberhausen überfallen . Im Vorfeld gerieten sie in eine Polizeikontrolle, bei der sich Ruhland stellte. Sturm und dem Komplizen gelang die Flucht.

Am 27. Januar 1971 stürmten Polizisten die Wohnung von Seifert-Mitscherlich. Bundesanwalt Alwin Kuhn ermittelte wegen Unterstützung der RAF gegen sie. Seine Ermittlungen verliefen allerdings im Sande.

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