Staatsbad Brückenau

American Way of Schicksal

Lou Hoffner und Hansi Kraus brachten im Lola-Montez-Saal Love Letters von Albert Ramsdell Gurney auf die Bühne.
Nicht besonders ansprechen war die Bühnenausstattung zu "Love Letters" mit dem  Schauspielerduo Lou Hoffner und Hansi Kraus im Lola-Montez-Saal. Foto: Gerhild Ahnert
Nicht besonders ansprechen war die Bühnenausstattung zu "Love Letters" mit dem Schauspielerduo Lou Hoffner und Hansi Kraus im Lola-Montez-Saal. Foto: Gerhild Ahnert

"Love Letters" oder " Liebesbriefe ", das ist ein Kammerdrama für eine Schauspielerin und einen Schauspieler , das der Amerikaner A. R. Gurney (1930 bis 2017) am 27. März 1989 am Broadway herausbrachte. Es wurde zu einem seiner größten Erfolge, wurde für den Pulitzerpreis nominiert und in viele Sprachen übersetzt - bis hin zum Chinesischen. Viele der großen amerikanischen Schauspieler haben es zur Aufführung gebracht, unter ihnen William Hurt , Christopher Reeve , Lynn Redgrave , Elizabeth McGovern , Larry Hagman, Barbara Eden , Mel Gibson Elizabeth Taylor und viele andere. Der Grund ist ein einfacher: Es bedarf so gut wie keiner Vorbereitung. Man braucht zwei Tische und zwei Stühle, die man den ganzen Abend nicht verlassen muss, und man muss nicht eine einzige Zeile auswendig lernen. Eine Bühnenhandlung gibt es nicht. Denn der Text besteht aus Briefen, sie sich zwei Menschen über einen Zeitraum von gut 50 Jahren geschrieben haben.

Worum geht es darin? Albert Ramsdell Gurney Jr. - so sein voller Name - hat eine Geschichte geschrieben, die sich aus zwei Vorlagen speist: aus den "Zwei Königskindern", die nicht zusammenkommen können, und "Romeo und Julia" vor dem Hintergrund ihrer Familien. Andrew Makepeace Ladd und Melissa Gardner, beide besuchen die 2. Klasse, lernen sich 1937 bei ihrem Geburtstag kennen. Beide haben enorme Begabungen, aber in vollkommen verschiedenen Bereichen. Andy schreibt gerne; sein Lieblingsspielzeug ist sein Füller, den er das ganze Leben lang behält. Melissa oder Mel lehnt schreiben ab; sie drückt sich lieber in Zeichnungen aus, die man freilich nicht immer enträtselt wie "Känguru, das über ein Glas Orangensaft springt". Dafür hat nun wiederum Andy kein Verständnis, auch wenn er gelegentlich so tut. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein, nicht nur, weil der ernsthafte Andy, der immer alles richtig machen will, aus kleineren Verhältnissen kommt, während Melissa als Neureichentochter ihre Launen ausleben kann. Sie spielt mit Andys Naivität und Eifersucht, berichtet von anderen Jungs, die sie angemacht haben, in der Schule und auf dem College, lässt ihn durch Schweigen am ausgestreckten Arm verhungern, um ihm dann wieder ein paar Köder zuzuwerfen.

Eigentlich liebt sie ihn ja, aber das will sie ihm auf keinen Fall sagen. Natürlich begegnen sie sich auch immer wieder. Aber als sie das erste Mal miteinander schlafen wollen, geht das komplett daneben, weil "zu viele Beobachter im Zimmer waren". Ihre Wege trennen sich. Melissa wird eine erfolgreiche Künstlerin, die in den USA und Europa herumreist und ausstellt. Andy macht erst Karriere bei der US Navy und wird nach einen Jurastudium in Yale ein erfolgreicher Anwalt. Beide heiraten und haben Kinder, aber beide Ehen gehen krachend schief. Und trotzdem ziehen sie nicht die einzig sinnvolle Konsequenz. Statt sich zusammenzutun, tun sie alles, um sich zu verfehlen. Und als Andy republikanischer Senator wird, kann er sich eine Affäre einfach nicht mehr leisten. Melissa, die sich längst in den Alkohol geflüchtet hat, stirb an gebrochenem Herzen. Erst jetzt kann Andy öffentlich bekennen, dass er sie geliebt hat.

Das klingt vielleicht alles ein bisschen kitschig und vorhersehbar, und das ist es auch mitunter ein bisschen, vor allem am Schluss: The American Way of Schicksal . Und man muss auch sagen, dass Gerney sein Stück nicht einen Tag später hätte schreiben dürfen, denn solche Menschen wie die beiden sind heute eigentlich nicht mehr anzutreffen, denn Facebook ist flüchtig. Aber es ist ihm ein außerordentlich dichtes Geflecht von Beziehungen und Beobachtungen, von Aggressionen und Verletzungen und von Erinnerungen, die einen starken Zusammenhalt schaffen.

Und damit auch das Kürzen des Textes nicht einfach machen. Das war ein wenig das Probleme der Aufführung von "Love Letters" mit der das Schauspielerduo Lou Hoffner und Hansi Kraus in den Lola-Montez-Saal gekommen waren. Zwei Stunden Lesezeit sind eine ganze Menge (es gibt auch 75- und 80-minütige Aufführungen). In der etwas nervenden Phase der Pubertät hätte man vielleicht das eine oder andere weglassen können, weil sich die Verhaltensmuster wiederholten. Aber dann hätten hinten raus mache Rückbezüge Probleme gemacht.

Es war freilich insofern verzeihlich, als Lou Hoffner ganz in ihrer Rolle aufging. Mit wenigen Gesten sprechender Mimik und expressiver Sprache wandelte sie sich im Laufe des Abends vom trotzigen Kind und dem eingebildeten College-Girl über die frustrierte Ehefrau zur völlig kaputten Alkoholikerin - und das in einer geradezu beängstigenden Bruchlosigkeit. Auch Hansi Kraus spielte den immer eifrig korrekten, etwas humorlosen Buben, der immer alles richtig machen will und der Schwierigkeiten hat, seine eigene Welt mit der ihn umgebenden abzugleichen, mit geradezu anrührender Ernsthaftigkeit. Aber der Hans Kraus - oder Andrew Makepiece Ladd - der späteren Jahre, der er ohne die "Flegel von der ersten Bank" und die "Lausbubengeschichten" heute noch wäre, war gespalten. Natürlich war es plausibel, dass er nach außen mit der ungerührten Neutralität eines Nachrichtensprechers zu seiner Affäre auf Distanz ging, aber er ließ nichts erkennen, was in ihm vorging. So kalt kann ihn der Absturz seiner doch eigentlich immer geliebten Mel nicht gelassen haben. Da wäre mehr drin gewesen. Und - das muss man auch sagen - in seiner Lesegenauigkeit. Es war ja nicht das erste Mal.

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