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Ausgerechnet Florida!

Zufälle gibt es nicht - oder warum es richtig ist, über die Feiertage zu arbeiten
Der Ausschnitt der Karte zeigt Florida.   Foto: Repro Anja Vorndran       -  Der Ausschnitt der Karte zeigt Florida.   Foto: Repro Anja Vorndran
Der Ausschnitt der Karte zeigt Florida. Foto: Repro Anja Vorndran

Ausgerechnet Florida! Sophia schluckte. Klar, der Konzern war wichtig, aber, musste das jetzt sein? Ein Einsatz in Florida und dann noch über Weihnachten ? "Ich verlasse mich auf Sie", sagte ihr Chef, Werner Schmöger, schüttelte ihr die Hand und reichte ein "Sie machen das schon" hinterher. Mit beschwingten Schritten eilte er zur Tür ihres Büros und schaffte es gerade noch "Frohe Feiertage " zu wünschen, bevor er in den Flur entschwand.

Noch acht Tage bis zum Abflug, dann war vom 20. bis zum 27. Dezember Arbeiten angesagt. Weder Packen noch das Esta-Verfahren schreckten Sophia, sie war im Frühjahr bereits in die USA gereist und die Formulare trugen noch den Gültigkeitstempel, Kleidung, Kosmetik, Reiseapotheke, alles kein Problem. Wie aber um Himmels Willen sollte sie das ihrer Familie beibringen? Ihre Eltern und ihre jüngere Schwester verbrachten jedes Jahr die Weihnachtsfeiertage zusammen. Seit die beiden Mädels ausgezogen waren, wechselten sie sich ab: Mal feierten sie daheim bei den Eltern , mal bei ihrer Schwester, mal bei ihr. Dieses Jahr stand die Feier bei Sophia auf dem Plan. Augen zu und durch! Sie wollte bei der OGM (Otto Grand Merchandises) Karriere machen, also dann eben Weihnachten in Florida. Hier, in einer der größeren Niederlassungen des global ansässigen Unternehmens, gab es Personalengpässe. Sie sollte den neuen Generalmanager in die Tiefen der Firmenstrukturen einführen "ungestört von dem alltäglichen Trubel, weil über Weihnachten ohnehin fast niemand arbeitet", so hatte es ihr Chef formuliert. Pünktlich saß sie im Flieger und dachte an das Gespräch mit den Eltern und Carina, ihrer Schwester, es war seltsamerweise weniger anstrengend verlaufen, als sie gedacht hatte.

Pünktlich verließ sie die Rolltreppe am International Airport in Miami, schnappte sich nach dem Einreisecheck ihren Koffer vom Band und rief ein Taxi. "To late", rief ein Typ, sie schätzte ihn kaum älter als sie selbst, sprang vor ihr in den Wagen und brauste davon.

Unruhige Nacht

"Idiot", blaffte Sophia den Rücklichtern des Taxis hinterher. "Sie können bei mir mitfahren", bot ein Mann, der sie aus der heruntergekurbelten Scheibe des nächsten Taxis anschaute, an "ich fahre Richtung Downtown." Sophia stieg ein, nannte die Adresse ihres Hotels und freute sich über den kurzweiligen Smalltalk während Palmen, Häuser und Straßen am Fenster vorbeiflogen. Der Fremde wirkte sympathisch. Doch bevor sie es sich versah, standen sie in der Einfahrt des Hotels, sie verabschiedete sich, dankte dem Mitfahrer für die Kostenübernahme - das hatte er sich nicht nehmen lassen, immerhin führte sein Weg am Hotel vorbei hin zu dem Unternehmen, in dem er - ausgerechnet über die Feiertage - zum Arbeiten verdonnert war.

Nach einer, dank des Jetlags, unruhigen Nacht machte sich Sophia am nächsten Tag auf den Weg zur Firma. Vorher stoppte sie, ganz American Style, vor einem Burgerladen, holte sich einen Kaffee, der in ihren mitgebrachten Becher gefüllt wurde und setzte sich mit einem Sandwich an das Fenster. So gestärkt traf sie auf dem OGM-Gelände ein. "20. Dezember und 27 Grad im Schatten" dachte sie noch, bevor der Pförtner sie das klimatisierte Gebäude eintreten ließ. 16. Stock, Zimmer 16001, sie dockte ihren Laptop an, schaltete ihn ein, ließ die Lamellenvorhänge zur Seite gleiten und warf einen Blick aus dem Fenster: einfach genial! Atlantik, soweit das Auge reicht, große Schiffe winzig klein von oben, endloser Strand. Bevor Sophia sich in das weitere bunte Sammelsurium vertiefen konnte, ertönte ein manierliches Klopfen. Kaum hatte sie "Come in" ausgesprochen, trat der neue Mitarbeiter ein. Sie lachte, vor ihr stand der Fremde aus dem Taxi. "Gestatten, Frank Wismer", stellte er sich vor. "Es gibt keine Zufälle", dachte Sophia noch an den Spruch ihrer Freundin Rita, die felsenfest überzeugt war, dass man seinem Schicksal nicht entrinnen konnte - besonders, wenn es positiver Natur war. Nach Tagen intensiven Einarbeitens, Gesprächen beim Abendessen, die sich auch in den privaten Bereich ausdehnten, klappte Sophia am späten Nachmittag den Rechner zu. "Feierabend, heute ist Weihnachten ." Sie standen beide auf und gingen zum Aufzug, Frank drückte den Knopf ins Erdgeschoß, die Türen schlossen sich, die Kabine rumpelte los.

"Wollen wir den Abend gemeinsam verbringen?" fragte Frank als das Taxi um die Ecke bog. "Na klar!" rutschte es Sophia eine Spur zu schnell heraus, sie hatte sich längst in ihren smarten Geschäftspartner verliebt. "Ich glaube nicht an Zufälle" sagte Frank bei der Fahrt und legte sachte seine Hand auf ihre. Vor dem Hotel stiegen sie aus und betraten die Lobby. "Fröhliche Weihnachten !" Sophia traute ihren Augen kaum, ihre Eltern , ihre Schwester und Rita standen samt ihren Koffern am Empfang und musterten neugierig den fremden Mann an ihrer Seite. Kurzerhand hatten ihre Lieben über die Feiertage frei genommen und im gleichen Hotel eingecheckt.

"Was für ein Fest!", schoß es Sophia durch den Kopf. "Fröhliche Weihnachten Herr Schmöger" fügte sie in Gedanken noch hinzu, bevor sie sich mit Frank in die Arme ihrer Familie stürzte.

Anja Vorndran

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