Bad Brückenau

Bad Brückenau: "Wir brauchen eine regionale Energieversorgung"

Greta Thunbergs Kampf gegen den Klimawandel ist in aller Munde. Wie aber sehen diejenigen ihre Bewegung, die schon seit Jahrzehnten ein Umdenken fordern?
Franz Zang steht seit acht Jahren der Kreisgruppe des Bundes Naturschutz vor. Im Sommerinterview skizziert er seine Vorstellung einer nachhaltigen Energiewirtschaft. Foto: Katharina Probeck
Franz Zang steht seit acht Jahren der Kreisgruppe des Bundes Naturschutz vor. Im Sommerinterview skizziert er seine Vorstellung einer nachhaltigen Energiewirtschaft. Foto: Katharina Probeck

Franz Zang ist 71 Jahre alt. Der Vorsitzende der Kreisgruppe des Bundes Naturschutz (BN) hat schon Kröten über die Straße getragen, als Greta Thunbergs Eltern noch in den Kinderschuhen steckten. Im Interview mit der Saale-Zeitung spricht er über die Stromtrasse P43, eine Grüne Stadtratsliste und darüber, was er den Menschen antwortet, die den Klimawandel anzweifeln.

Herr Zang, Sie sind seit mehr als 40 Jahren im Naturschutz engagiert. Hätten Sie sich vorstellen können, dass einmal weltweit junge Menschen für eine bessere Klimapolitik demonstrieren?

Franz Zang: Vor zehn oder zwölf Jahren haben die Verantwortlichen beim BN schon verstanden, dass es ohne politischen Druck und rechtliche Mittel nicht geht. Da können wir noch so viele Kröten sammeln und Fledermäuse retten, wie wir wollen, und dabei zusehen, wie viele Arten sterben.

Aus Ihren Worten spricht nicht gerade Euphorie. Bewegt Sie Fridays for Future nicht?

Wissen Sie, es ist toll, dass diese Themen jetzt mehr in die Medien kommen. Aber das wurde doch alles schon einmal von anderen gesagt. Wenn Sie mit 30.000 oder 40.000 Menschen in Berlin für eine Wende in der Agrarpolitik demonstrieren und es bewegt sich nichts - und Sie machen das schon zum fünften Mal - dann haben Sie einen anderen Blick darauf. Ein anderes Beispiel: Wir haben die Gymnasien im Landkreis angefragt. Zu unserer Solar-Aktion in der Fußgängerzone von Bad Kissingen war genau ein Schüler da.

Die aktuelle Diskussion um den Klimawandel verschafft den Grünen Aufwind. Unterstützen Sie eine Grüne Liste bei der Stadtratswahl im kommenden Jahr?

Ich kenne eine Reihe von Menschen, die sich für ein Engagement im neuen Stadtrat interessieren, darunter auch einige, die eine eigene Grüne Liste gründen wollen. Ich selbst bin mit meiner Arbeit beim BN eigentlich genug beschäftigt.

Im Zuge des Netzausbaus könnte eine 380-kV-Freileitung durch den Landkreis gebaut werden, die P43. Aktuell sammeln die Gemeinden Unterschriften gegen das Projekt. Wie steht der BN dazu?

Wir lehnen das ab, weil die P43 nur gebaut wird, weil Südlink gebaut wird. Und wir lehnen Südlink ab, weil es nichts mit den Klimazielen und der Energiewende zu tun hat. Ganz im Gegenteil. Überdies, die Steinkohlekraftwerke, deren Brennstoff ja komplett importiert wird und die deshalb eher im Norden Deutschlands in Hafennähe zu finden sind, werden in den nächsten Jahren zurückgebaut. Dann wird in Norddeutschland der Großteil der Windenergie auch dort gebraucht werden.

Wie meinen Sie das?

Der Netzausbau beruht im Wesentlichen auf dem Energiekonzept der Bundesregierung aus dem vergangenen Jahrtausend. Die Ziele der Pariser Klimakonferenz im Jahr 2015 werden darin nicht berücksichtigt, genauso wenig wie die Notwendigkeit einer dezentralen Energiewende . Deshalb fordert der BN, das Energiekonzept gänzlich neu zu überdenken. Wir brauchen eine regionale Energieversorgung.

Laut Energie-Atlas Bayern werden im Landkreis Bad Kissingen bereits 63 Prozent des Gesamtstromverbrauchs aus erneuerbaren Energiequellen erzeugt. Sind 100 Prozent aus Ihrer Sicht realistisch?

Schöner wäre, wenn wir mehr als 100 Prozent bekämen. Jeder Bürgermeister müsste vorangehen und seine Leute zum Mitmachen motivieren. Unser Landkreis könnte einen Überschuss an Strom aus erneuerbaren Energien produzieren und damit andere Regionen versorgen. Das hätte auch eine wirtschaftliche Komponente in unserem eher ländlich geprägten Raum.

Manche Menschen haben den Eindruck, dass sie den Thesen zum Klimawandel nicht trauen können. Was antworten Sie ihnen?

Ich kann das nachvollziehen, weil die Nähe zu den Veränderungen eine Rolle spielt. Und wir sind hier einfach noch nicht so stark betroffen, auch wenn sich in Unterfranken in den vergangenen Jahrzehnten ein durchschnittlicher Temperaturanstieg von 1,9 Grad Celsius erkennen lässt. Was weltweit passiert, ist zum Beispiel der so genannte Albedo-Effekt. Wie sonst wollen wir verstehen, warum den Eisbären am Nordpol so schnell das Eis unterm Hintern wegtaut und es in Sibirien durchaus auch mal 30 Grad heiß werden kann?

Was verbirgt sich hinter dem Albedo-Effekt?

Zwei Zahlen müssen wir dazu wissen: Eine Eisfläche reflektiert 90 Prozent des Sonnenlichts, offenes Meer nur 10 Prozent. Je weniger Eis es gibt, umso wärmer wird das Meer im Polargebiet. Und je wärmer das Meer wird, umso schneller schmilzt das Eis. Ein Rückkopplungseffekt also, der eine solche Dynamik entfaltet, dass es in absehbarer Zeit kein Polareis im Sommer mehr geben wird.

Gibt es noch einen Aspekt zum Klimawandel, der Ihnen wichtig ist?

Über ein Thema haben wir überhaupt noch nicht geredet: Verzicht. Wir haben einen Lebensstil, der weit über die Ressourcen unserer Erde hinausgeht. Meine Kinder haben in ihrer Wohnung zwei Kühlschränke und zwei Gefriertruhen. Das ist heute wohl normal. Aber es macht keinen Sinn, energiesparende Techniken zu entwickeln und dann doppelt so viele Geräte in seine Wohnung zu stellen. Es ist interessant, dass die Geräte nur noch die Hälfte an Energie verbrauchen, der Energieverbrauch der Haushalte aber jedes Jahr ansteigt.

Das Gespräch führte Ulrike Müller.

Hintergründe zum Gespräch:

Person Franz Zang stammt aus dem Vorspessart, aus Goldbach bei Aschaffenburg. Der 71-Jährige war 40 Jahre lang Lehrer am Franz-Miltenberger-Gymnasium in Bad Brückenau für die Fächer Mathe, Sport und Ethik. Nach jahrzehntelanger Mitgliedschaft übernahm er im Jahr 1998 den stellvertretenden Vorsitz der Kreisgruppe Bad Kissingen des Bundes Naturschutz. Seit acht Jahren ist er Vorsitzender.

Netzausbau Die P43 ist eine Wechselstromleitung, die eine Spannung von 380 Kilovolt (kV) hat. Sie soll von Mecklar, nördlich von Bad Hersfeld, nach Bergrheinfeld führen. Sie ist nötig, um die Hochspannungsgleichstromübertragungsleitung (HGÜ) Südlink abzusichern, die eine Spannung von 500 kV hat und Windstrom vom Norden in den Süden Deutschlands transportieren soll. Südlink wird unter der Erde verlegt und durchquert den Landkreis Bad Kissingen.

Albedo-Effekt Die Eis-Albedo-Rückkopplung erklärt einerseits vergangene Eiszeiten, verstärkt andererseits die Erderwärmung . Wasser und Boden absorbieren ungefähr 90 Prozent der eingestrahlten Energie, während von Schnee und Eis bedeckte Flächen ungefähr 90 Prozent der Energie abstrahlen. Wenn nun immer mehr Eis schmilzt, erwärmen sich die Polarregionen schneller. Breiten sich Schnee und Eis aus, wird mehr Energie abgestrahlt und der Boden kühlt weiter aus.

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