Bad Kissingen

Bad Kissingen: In Zeiten von Corona ist Trauer auch Isolation

Trauerbegleitung von Angesicht zu Angesicht ist bei der Presl-Stiftung auch jetzt noch nicht möglich. Dennoch sehen Trauernde langsam wieder Licht am Ende des Tunnels.
Wer einen geliebten Menschen verloren hat, tut sich schwer mit Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren.
Wer einen geliebten Menschen verloren hat, tut sich schwer mit Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren. Foto: Foto Eyetronic Fotolia

Die Corona-Krise wirft so manchen auf sich selbst zurück. Besonders spürbar ist die Vereinzelung zu Hause, wenn man gerade in Trauer ist. Für Anette F. (Name von der Redaktion geändert), die in einer Gemeinde im Landkreis wohnt, war es in den vergangenen Wochen sehr schwierig, ohne soziale Kontakte auszukommen. Vor allem fehlte ihr, wie sie sagt, die Unterstützung aus der Freundesgruppe der Presl-Stiftung.

"Die Trauer bleibt trotz Corona, sie ist sogar viel spürbarer", sagt Maritta Düring-Haas, Sozialpädagogin bei der Presl-Stiftung, welche es sich vor 13 Jahren Jahren zur Aufgabe machte, Menschen zu begleiten, die den Verlust eines geliebten Menschen verkraften müssen. Dass man während des anfänglich strikten Lockdown niemanden mehr treffen konnte, wurde als Verlust von Freiheit wahrgenommen, sagt Düring-Haas. Auch jetzt, nachdem die Ausgangsbeschränkung von Seiten des Freistaats in eine mildere Kontaktbeschränkung umgewandelt wurde, darf die Presl-Stiftung die Trauergruppen noch nicht öffnen.

Stimmungen nicht erkennen

Freilich habe sie und ihre Kollegin während der Ausgangsbeschränkung bei Telefon-Terminen mit den Trauernden versucht, das Leid zu teilen. Doch etliche Klienten hätten sich beim Sprechen über die Entfernung schwer getan. "Es fehlt einfach das Gesicht gegenüber. Auch wir nehmen die Mimik unserer Gesprächspartner dann nicht mehr wahr, sehen nicht, wenn die Tränen kommen." Und wenn sich neue Klienten telefonisch melden, fehle das "komplette Bild", so Düring-Haas.

Wer um einen Menschen trauert, wird sich später vermutlich umso intensiver daran erinnern, wie die Seelenlage vor und nach dem vom Freistaat verordneten Lockdown war. "Eigentlich fühlte ich mich zuvor schon ganz gut gefestigt", sagt Anette F. im Gespräch mit dieser Redaktion. Denn sie hatte in der Trauergruppe der Presl-Stiftung bereits gute Freundinnen gefunden, mit denen sie sich austauschen konnte.

Von anderen gespiegelt werden

Im Februar 2019 war ihr Mann, nach längerer Krankheit gestorben. Nach 37 Jahren gemeinsamer Lebenszeit dann alleine klar zu kommen, sei für sie furchtbar schwer gewesen. "Wir waren Herzensmenschen", beschreibt die 61-Jährige die innige Beziehung zu ihrem langjährigen Lebenspartner. Eigentlich habe sie gedacht, sie sei eine starke Frau, aber dieser Verlust habe sie anfangs "wie ein Häufchen Elend" zurückgelassen. "Und ich hatte keinen Mechanismus, um da herauszukommen."

Erst im Kreis der Witwen, die sie bei der Presl-Stiftung traf, habe sie sich wieder etwas fangen können. "Man kann sich mit den anderen austauschen und das Leben neu einordnen", beschreibt sie den Kontakt zur Gruppe. "Es ist, als ob man in einen Spiegel schaut und erkennt, wie die Dinge liegen. Und das tut unheimlich gut." Die Trauerarbeit in der Gruppe sei für sie "60 Prozent der Therapie".

Maske als Bedrohung gesehen

Als dann die Ausgangsbeschränkung kam, sei das Leben für sie plötzlich wieder "unglaublich schwer" gewesen, sagt Anette F. "Corona hat mich total isoliert", beschreibt sie die Situation während dieser Zeit.  Freilich konnte sie das Haus verlassen und spazierengehen. "Aber mein Mann fehlte mir umso mehr."

Die Telefonate mit den Freundinnen aus der Gruppe und den Sozialpädagoginnen der Presl-Stiftung hätten gut getan. "Aber man braucht einfach Menschen, die man treffen kann." Auch die Maskenpflicht habe sie zunächst als "sehr schlimm" empfunden. Man sei dadurch "äußerst heftig" auf eine Bedrohung hingewiesen worden. "Da war ich teilweise wieder ganz unten."

Angenommen werden, wie man ist

Zum Glück gehe das Ganze nun wieder in eine andere Richtung. Jetzt, nachdem man sich in begrenztem Maß wieder mit anderen treffen darf, habe sie sich bereits öfter mal mit einer der Freundinnen verabredet, und es habe beiden Seiten sehr gut getan, wieder ins direkte Gespräch zu kommen. "Der soziale Kontakt hat uns wieder aufgefangen." Auch die Telefonate mit den Gesprächspartnerinnen der Presl-Stiftung habe sie wieder stabilisiert.

"Es ist so toll, dass es diese Stiftung gibt." Man werde dort so angenommen, wie man ist. "Es war ganz wichtig für mich, dort zu erfahren, dass ich, egal wie ich mich fühle, ein Recht auf meine eigene Art zu trauern habe." Seit den ersten Begegnungen mit den Freundinnen habe sie wieder eine Zukunftsperspektive, sagt die 61-Jährige.

Erinnerungen wieder zulassen

Inzwischen könne sie auch besser emotionale Erinnerungen an ihren geliebten Mann zulassen. Denn die ganze Zeit sei es ihr zum Beispiel schwer gefallen, Orte aufzusuchen, an denen gemeinsame Erinnerungen haften. Inzwischen sehe dies jedoch anders aus: "Vor kurzem bin ich in die Stadt gefahren, in der mein Mann geboren ist, und hab' mich gefreut, dort seine Spuren zu lesen."

Rückblick

  1. Zwei neue Corona-Fälle in Rhön und Grabfeld
  2. Tourismus an der Mainschleife: Gute Umsätze trotz Corona
  3. Veitshöchheim: Weitere Testergebnisse nach Corona-Fall bekannt
  4. Fall Veitshöchheim: Warum kamen Kinder nicht in Quarantäne?
  5. Mellrichstadt: Ein Coronafall, zwei Lokale geschlossen
  6. Unvernünftige Badegäste: Droht dem Geomaris die Schließung?
  7. Sommertour von Anja Weisgerber: Corona-Sorgen und Politik-Frust
  8. Vom Lockdown bis heute: Wie die Krise Schweinfurt verändert hat
  9. Pflegestift und Corona: "Angst ist ein ganz schlechter Begleiter"
  10. Erstmal keine Verbote: Stadt Würzburg setzt auf Vernunft der Bürger
  11. Medizintechnik: Wie eine Wertheimer Firma durch Corona wächst
  12. Coronakrise: Kunstkaufhaus läuft gut, Pflasterklang abgesagt
  13. Wie die Würzburger Clubs unter der Coronakrise leiden
  14. Alte Mainbrücke: Kein Alkoholverbot, aber mehr Kontrollen
  15. Zeugnisse und Preise vom Fließband
  16. Diskussion in Würzburg: Was kann gegen Fake News getan werden?
  17. Wie steht es um die geplanten Weinfeste in Würzburg?
  18. Wie das Stramu in Würzburg trotz Corona dennoch stattfinden soll
  19. Gurkenernte im Corona-Jahr: Wenn Abstand halten schwierig ist
  20. Corona in Würzburger Kita: Keine weiteren positiven Tests
  21. Veitshöchheim: Coronafall in Schüler-Mittagsbetreuung
  22. Shoppen und Schöppeln: Ist Corona in Würzburg schon vergessen?
  23. Kommentar: Mutige Politiker müssen auch mal Spaßbremse sein
  24. Corona: Braucht es ein Alkoholverbot auf der Alten Mainbrücke?
  25. Zeil am Main: Das erwartet die Kinofreunde beim "Open Air"
  26. Ob ÖPNV oder Parkplätze: Wie die WVV durch die Coronakrise kommt
  27. FOS/BOS: Im Stadion und im Abendkleid zur  Zeugnisübrergabe
  28. Schlosspark Werneck ab 15. August wieder für alle geöffnet
  29. Weinprinzessin ohne Weinfest
  30. Mallorca und Corona: "Die Leute sind total verunsichert"
  31. Wegen Corona gestrandet: Französische Familie wieder daheim
  32. Trotz Corona: Ein Rügheimer wagt den Schritt in die Selbstständigkeit
  33. Trotz Corona: Arbeitsmarkt und Kreishaushalt stehen gut da
  34. Erthal-Schule in Haßfurt: Es bleibt bei einem Corona-Fall
  35. Rhön-Grabfeld: Derzeit kein bestätigter Corona-Fall
  36. Soziologe zu Corona: Warum die Krise Strukturen nicht verändert
  37. Weihnachten mit Corona: Wie sich Unterfranken vorbereitet
  38. Aufatmen an Schweinfurter Gymnasium: Alle Corona-Tests negativ
  39. Corona-Folgen: Zahl der Sozialhilfe-Anträge steigt
  40. Fahrrad-Boom in der Corona-Zeit: Was E-Biker wissen sollten
  41. Corona: Ergebnis der Testreihe in Würzburger Seniorenheim da
  42. Corona: Söder kündigt höhere Strafen bei Hygiene-Verstößen an
  43. Stattbahnhof: Tipp-Kick statt Pogo-Cup
  44. Corona-Impfstoff: Würzburger Professor hat "gute Nachrichten"
  45. Corona-Abstand: Gedränge vielerorts in  Mainfranken
  46. Kindergartenkinder: Alle Testergebnisse sind negativ
  47. Corona in Unterfranken: So können wir eine 2. Welle verhindern
  48. Maininselbad: Wie funktioniert das Schwimmen mit Abstand?
  49. Kommentar zu Corona: Wir dürfen jetzt nicht leichtsinnig sein
  50. Corona in Unterfranken: Kommt der 2. Lockdown?

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Bad Kissingen
  • Isolde Krapf
  • Coronavirus
  • Drohung und Bedrohung
  • Elend
  • Freude
  • Glück
  • Männer
  • Schäden und Verluste
  • Trauer
  • Trauerarbeit
  • Witwen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!