Oerlenbach

Bad Kissingen: Und plötzlich bist du mittendrin

Weil bei einer Stadtratssitzung ein Teilnehmer positiv auf Corona getestet wurde, bekam Redakteur Thomas Malz auch einen Anruf vom Gesundheitsamt. Er ließ sich in Oerlenbach testen. Ein Erfahrungsbericht.
In Schlangenlinie steht Auto an Auto auf der Teststrecke in Oerlenbach. Rechts stand ich vor einer Viertelstunde, bis ich getestet werde, wird eine weitere halbe Stunde vergehen. Foto: Thomas Malz       -  In Schlangenlinie steht Auto an Auto auf der Teststrecke in Oerlenbach. Rechts stand ich vor einer Viertelstunde, bis ich getestet werde, wird eine weitere halbe Stunde vergehen. Foto: Thomas Malz
| In Schlangenlinie steht Auto an Auto auf der Teststrecke in Oerlenbach. Rechts stand ich vor einer Viertelstunde, bis ich getestet werde, wird eine weitere halbe Stunde vergehen. Foto: Thomas Malz

Es gibt Tage, die sollte man ganz schnell wieder vergessen. Erst habe ich die Lampen nicht bekommen, die ich am Samstag in meiner Wohnung montieren wollte, und dann hat mein Handy am Nachmittag komische Sachen gemacht. Ein Anruf, den ich so auch noch nicht hatte. Münnerstadts Bürgermeister Michael Kastl hat sich über Facebook-Sprachanruf gemeldet, es war mir neu, dass das überhaupt geht. Das Stadtoberhaupt entschuldigt sich,dass er mich an einem Samstagnachmittag stört. Kein Problem, versichere ich und höre dann von ihm, dass ich jetzt doch eins habe. Und nicht nur ich. Bei der Stadtratssitzung eine Woche zuvor war ein Gremiumsmitglied anwesend, das jetzt positiv auf Corona getestet wurde.Oje, da war ich als Berichterstatter auch, und genau deswegen ruft Michael Kastl an.

Handynummer gefragt

Er brauche meine Handynummer für das Gesundheitsamt . Der Bürgermeister ist kurzerhand zum Krisenmanager geworden, unterstützt das Gesundheitsamt beim Kontaktieren der Betroffenen. Noch am Vormittag dieses Samstags saß der Stadtrat schon wieder zusammen. Nichtöffentlich, wie immer bei einer Haushaltsklausurtagung. Die Sitzung wurde verkürzt, als die Nachricht über den Infizierten kam. Nichtöffentlichkeit kann für einen Journalisten durchaus auch Vorteile haben, denke ich mir.

Der Bürgermeister gibt mir noch ein paar Informationen und verweist auf das Gesundheitsamt , das mich sicher gleich anrufen wird. Es ist nach 16 Uhr am Samstag. Ist da noch jemand anwesend? Ja. Bei Bedarf ist das Amt über die normalen Dienstzeit hinaus besetzt, erfahre ich später vom Landratsamt. "Auch samstags und sonntags sind Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamts im Einsatz, die Dienstzeiten hängen von der Lage ab", heißt es. Der Bedarf ist derzeit gegeben.

Anruf vom Gesundheitsamt

Wenig später klingelt das Handy erneut. Es ist das Gesundheitsamt . Die freundliche Anruferin klärt mich auf, dass ich Kontaktperson der Stufe 2 bin. Das heißt, keine Quarantäne , aber erhöhte Vorsicht und Kontakte vermeiden. "Darf ich arbeiten, ich bin momentan sowie allein in der Redaktion?", frage ich. Das darf ich. "Und darf ich auch mal zum Bäcker gehen?" Dann sollte ich keine langen Gespräche führen. "Ich wollte nicht mit dem Bäcker kuscheln", rutscht mir heraus. "Sie wissen, was ich meine", bekomme ich zur Antwort. Natürlich weiß ich das. Manchmal wäre es besser, ich würde einfach meine Klappe halten.

"Wir würden Sie gerne testen", sagt die Anruferin. Am Montag um 13.30 Uhr habe ich einen Termin auf der Teststrecke in Oerlenbach . Meine Adresse möchte sie noch wissen und mein Autokennzeichen. Bis zum Test ist bereits eine Woche seit dem möglichen Kontakt bei der Stadtratssitzung vergangen. Ich soll auf Symptome achten, bei Bedarf den Hausarzt kontaktieren. Wenn ich bis Montag nichts merke, sieht es nicht schlecht für mich aus, weil die Inkubationszeit meist fünf bis sieben Tage beträgt, erfahre ich. Es hat aber auch schon Fälle gegeben, da hat es zwei Wochen gedauert. Also keine Entwarnung, und ich könnte ja auch ohne Symptome das Virus tragen. Der Test ist ohnehin alternativlos.

Auf der Teststrecke

Also fahre ich am Montag nach Oerlenbach . Das Fenster geschlossen halten, steht da geschrieben. Ein Soldat schaut auf mein Kennzeichen und meinen Ausweis, den ich an die geschlossene Scheibe halten muss. "Seit Montag unterstützt uns die Bundeswehr ", sagt Matthias Kleinhenz, der Koordinator der Teststrecke, später. Bis dahin waren Mitarbeiter des Landkreis-Bauhofs und die Bundespolizei vor Ort.

Ich darf auf das Bauhofgelände fahren. Es ist voll, sehr voll. Die Verantwortlichen haben eine Strecke abgesteckt, die vielen Autos bilden eine sich windende Schlange. So begegne ich immer wieder einmal Bekannten, die entweder weiter vorn oder weiter hinten in der Schlage stehen. Ich treffe den Bürgermeister und auch einige Stadträte aus Münnerstadt, aber es sind viel mehr Menschen hier. In manchen Autos sitzen vier Personen. Etwa 100 Menschen werden an einem Tag getestet, an einem Montag können es auch mal mehr sein, sagt Matthias Kleinhenz. Getestet wird derzeit am Montag-, Mittwoch- und Donnerstagnachmittag.

Langsam wird es eng

Es dauert, der Soldat bittet einige Autofahrer, dichter aufzufahren, damit mehr Autos in die Schlange passen. Was ist eigentlich, wenn die Zahlen noch mehr steigen, reicht da das Bauhofsgelände noch aus?, frage ich mich und bekomme die Antwort vom Landratsamt: "Der Bauhof reicht aktuell aus. Sollte es nötig sein, sind wir jederzeit in der Lage, die Kapazitäten hochzufahren - also die Zahl der Mitarbeiter zu erhöhen und die Öffnungszeiten entsprechend anzupassen." Sechs bis acht Personen von der Bundeswehr sind derzeit an einem Testtag vor Ort, dazu ein Arzt und Matthias Kleinhenz vom Gesundheitsamt .

Ich habe es geschafft. In der Halle angekommen, wird der Test gemacht. Schön ist anders, aber es gibt durchaus Schlimmeres. Es bleibt ein beklemmendes Gefühl, die vielen Autos, die vielen Menschen, die in irgendeiner Form Kontakt mit Infizierten hatten. Das Virus hat uns im Griff, bestimmt unser Leben. Da hilft kein Wegsehen und schon gar kein Leugnen.

Der Test ist negativ

In der Regel liegt das Testergebnis innerhalb von 48 Stunden vor, heißt es. So lange muss ich nicht warten. Die Zusammenarbeit mit dem Labor Laboklin sei wirklich gut, sagt Matthias Kleinhenz, als er mir gut 24 Stunden nach dem Test das Ergebnis mitteilt: negativ. Das habe ich gehofft und auch ein wenig erwartet. Zumindest bei der Stadtratssitzung - so ist mein Eindruck - wird sich niemand infiziert haben, da wurde streng auf die Hygieneregeln geachtet. Aber wenn 30 Leute getestet werden, kann immer jemand dabei sein, der sich irgendwo angesteckt hat.

Wie recht ich mit dieser Vermutung habe, zeigt sich wenig später. "Mich hat's erwischt", sagt Bürgermeister Michael Kastl am Telefon. Er geht nicht davon aus, dass er sich bei der Montagssitzung angesteckt hat. Er ist in Quarantäne , die er sich und seiner gesamten Familie bereits am Samstag freiwillig auferlegt hatte.

Die Sache ist für mich erst einmal vorbei. Ich habe gesehen, wie schnell man mittendrin sein kann. Mittendrin in einer Pandemie und dem Kampf, dem Ganzen Herr zu werden. Ich bin durchaus nicht mit jeder Entscheidung aus Berlin und München einverstanden, aber es hat niemand Erfahrung mit einer solchen Situation. Ich habe noch etwas gesehen: Mit einem riesigen Aufwand haben die Verantwortlichen die Lage derzeit im Griff. Noch. Es liegt an uns, dass es so bleibt.

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