Bad Kissingen

Bad Kissinger Zentrum für Telemedizin mischt bei Big-Data-Projekt mit

Freistaat fördert unterfränkisches Projekt zur Digitalisierung in der Präzisions- und Telemedizin.
Udo Heimann und Marion Hümmler vom Zentrum für Telemedizin führen  ein System zur Ferndiagnose vor. Foto: Ralf Ruppert       -  Udo Heimann und Marion Hümmler vom Zentrum für Telemedizin führen  ein System zur Ferndiagnose vor. Foto: Ralf Ruppert
Udo Heimann und Marion Hümmler vom Zentrum für Telemedizin führen ein System zur Ferndiagnose vor. Foto: Ralf Ruppert
Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. In der Medizin könnte sie dabei helfen, die Behandlungsqualität zu steigern und den Arbeitsalltag von Ärzten zu vereinfachen. Wie das genau gehen soll, erforschen das Würzburger Universitätsklinikum, das Institut für Informatik der Uni Würzburg und das Zentrum für Telemedizin Bad Kissingen gemeinsam in einem Projekt. Sie bilden, seit 1. Juni gefördert vom bayerischen Wissenschaftsministerium, das virtuelle "Digitalisierungszentrum Präzisions- und Telemedizin", kurz: DZ.PTM.
"Es geht darum, eine Infrastruktur zu schaffen, um möglichst schnell auf möglichst viele Daten zuzugreifen", sagt Prof. Dr. Christoph Reiners, bis 2015 ärztlicher Direktor am Uni-Klinikum. Ärzte und Informatiker wollen mehrere hunderttausend anonymisierte Patienten-Daten auswerten. "Wir führen die Lehrbuch-Meinung und Erfahrungswerte zusammen", sagt der Professor, und: "Das Projekt soll Ärzten helfen, bessere Entscheidungen zu treffen."
Analysiert wird zum Beispiel, welche Medikamente bei welcher Diagnose besonders gut wirken. Das Stichwort ist "Big Data", also die Auswertung riesiger Datenmengen - unter Berücksichtigung aller Datenschutz- und Sicherheitsaspekte. Konkretes Teil-Projekt ist die Frage, welche radiologische Diagnose bei welcher Erkrankung am sinnvollsten ist: Reicht eine Ultraschall-Untersuchung oder ein einfaches Röntgen-Bild oder muss es ein CT oder sogar ein MRT sein? "Damit lassen sich Mehrfach-Untersuchungen, unnötige Strahlenbelastungen und Zeitverlust vermeiden", betont Reiners. "Überdiagnostik" koste zudem viel Geld: "Etwa alle zehn Jahre verdoppelt sich in Deutschland die Zahl der radiologischen Untersuchungen", berichtet Reiners.

Die Federführung hat das Uniklinikum Würzburg, in einem Teilprojekt ist zudem das Uniklinikum Regensburg beteiligt. Das Vorhaben ist auf fünf Jahre angesetzt und hat ein Volumen von rund acht Millionen Euro. Das Wissenschaftsministerium sagte laut Uniklinikum zunächst für die Jahre 2018 und 2019 Mittel in Höhe von über 2,1 Millionen Euro zu.
"Das Uniklinikum Würzburg ist mit mehreren Millionen von digitalen Patientenakten im Besitz eines riesigen Informationsschatzes, der durch intelligente Datenverarbeitung zum Wohle zukünftiger Patienten und der sie behandelnden Ärzte erschlossen werden kann", sagt Reiners. Ein geschütztes Datenintegrationszentrum solle als "Teststrecke" für die Entwicklung künftiger Digitalisierungsprojekte im Gesundheitswesen dienen.


Netzwerk und Erfahrungen

Und was macht das ZTM? "Wir wollen den Dienst auch Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten zukommen lassen, dazu brauchen wir das ZTM." Zudem sei eine App für die Kunden geplant: "Der Patient soll nicht einfach nur Opfer der Maßnahme sein, sondern in die Entscheidung eingebunden werden", nennt Reiners als weiteres Ziel. Statt mehrseitiger Patienten-Erklärungen könne die App unter anderem den Erkrankten über die Folgen der Behandlung aufklären. Zudem soll eine Plattform zur telemedizinischen Versorgung von Menschen mit seltenen Erkrankungen aufgebaut werden.
Für Sebastian Dresbach, Geschäftsführer des ZTM, ist DZ.PTM eines von aktuell rund 40 Projekten: "Für uns neu ist der Zugriff auf viele tausend Patientenakten." Zwei neue Stellen sind auf fünf Jahre durch das Projekt gesichert. "Mich freut's ungemein, dass wir unsere Erfahrung in der Telemedizin, mit niedergelassenen Ärzten und als App-Entwickler einbringen können", sagt Dresbach.
Das ZTM erhielt erst 2017 die sogenannte institutionelle Förderung: Der Verein kann also jedes Jahr mit 431 400 Euro vom bayerischen Gesundheitsministerium rechnen. Die ZTM-Gesellschaft habe zudem mittlerweile einen Umsatz von rund 1,4 Millionen Euro. 28 Mitarbeiter hat das ZTM laut Dresbach, davon sitzen 15 in Bad Kissingen und acht in Karlsruhe. Sogar ein Büro in Berlin gebe es mittlerweile, außerdem arbeiten vier studentische Hilfskräfte von daheim aus mit.

Gründung Das Zentrum für Telemedizin (ZTM) wurde bei der Sitzung des Bayerischen Kabinetts am 7. Juli 2010 in Bad Kissingen beschlossen. Am 28. Oktober 2010 wurde der gleichnamige Förderverein gegründet. Seine Arbeit nahm das ZTM Anfang 2012 im Rhön-Saale-Gründerzentrum auf.

Mitglieder Dem Verein gehören rund 80 Mitglieder an. Den Vorsitz hat Prof. Bernd Griewing, medizinischer Vorstand der Rhön-Klinikum AG. Im Beirat sitzen Politiker, Mediziner und Vertreter aus Industrie, Krankenkassen, Unis und Rentenversicherung. rr

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Bad Kissingen
  • Arztpraxen
  • Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit
  • Christoph Reiners
  • Digitalisierung
  • Direktoren
  • Patientenakten
  • Peter Deeg
  • Professoren
  • Radiologie
  • Strahlenbelastung
  • Ultraschall-Untersuchungen
  • Unterfranken
  • Ärzte
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!