Münnerstadt

Münnerstadt: Bewährung für schwere Brandstiftung

Weil er eine Gartenlaube in Münnerstadt in Brand gesteckt hat, wurde ein 52-Jähriger zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt.
Am Morgen des 8. November 2019 brannte die Gartenhütte komplett ab. Foto: Robert Müller FFW Münnerstadt       -  Am Morgen des 8. November 2019 brannte die Gartenhütte komplett ab. Foto: Robert Müller FFW Münnerstadt
| Am Morgen des 8. November 2019 brannte die Gartenhütte komplett ab. Foto: Robert Müller FFW Münnerstadt

Mit dem Urteil folgte das Schöffengericht am Amtsgericht Bad Kissingen unter Vorsitz von Richter Reinhard Oberndorfer weitgehend dem Antrag von Staatsanwalt Alexander Liedl. Der hatte dem Angeklagten schwere Brandstiftung in Tateinheit mit Sachbeschädigung vorgeworfen und eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten gefordert. Im Gegensatz zum Staatsanwalt sah das Gericht aber strafmildernde Umstände gegeben. Die Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monate wurde zur Bewährung ausgesetzt. Drei Jahre darf sich Marco S. (Name von der Redaktion geändert) nichts zu Schulden kommen lassen und muss seine psychotherapeutische Behandlung aufrecht erhalten. Verteidiger Holger Schmitz hatte auf fahrlässige Brandstiftung plädiert und eine Geldstrafe von unter 90 Tagessätzen à 25 Euro gefordert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Neben der bei Bewährung üblichen Meldepflicht muss Marco S. auch die Kosten des Verfahrens tragen und den Brandschaden bezahlen, der laut Anklageschrift zwischen 15 000 und 30 000 Euro liegt. Die Gartenhütte in Münnerstadt ist völlig abgebrannt. Reinhard Oberndorfer sprach allerdings angesichts der wirtschaftlichen Verhältnisse von Marco S. von einer eher kosmetischen Weisung des Gerichts, denn es müsse ihm ja das Existenzminimum bleiben. "Es soll zumindest die himmelschreiende Ungerechtigkeit gegenüber der Zeugin verdeutlichen", betonte der Direktor des Amtsgerichts. "Ich fordere Sie auf, nach allen Kräften den entstandenen Schaden wieder gut zu machen, auf welche Weise auch immer." Die Gartenhütte der Geschädigten, die im Prozess als Zeugin auftrat, war nicht versichert. Sie musste die Brandreste aufwendig entsorgen, bis heute hat sie keine neue errichten können, weil sie sich das finanziell nicht leisten kann, wie sie vor Gericht sagte. Marco S. lebt heute in einer offenen Übergangseinrichtung für psychisch Kranke, hat dort Freundschaften geschlossen, fühlt sich wohl, wie er sagt. Auch psychisch geht es ihm recht gut. Das war nicht immer so. Verschiedene Jobs, eine kurze Haftstrafe und immer wieder psychische Probleme bestimmten sein Leben. Bau- und Möbelschreiner hat er gelernt, musste den Beruf aber nach kurzer Zeit aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Er schulte um zum Bauzeichner, arbeitete bis 2004 in seinem neuen Beruf, 2005 musste er sich in eine Drogentherapie begeben. Cannabis, Speed, Heroin und Kokain hat er genommen, also auch die "harten Sachen", wie er auf Nachfrage des Richters bestätigt. Alkohol hat auch oft eine Rolle gespielt. Jetzt nimmt er keine Drogen, und mit Alkohol habe er im Moment auch kein Problem, sagt er. Seit 2014 ist er Rentner.

Im November 2019 wurde Marco S. vermisst, sogar polizeilich gesucht. Er musste zuvor aus seiner Wohnung raus, sagt er. Hat er gewusst, dass er in eine Fachklinik nach Werneck eingewiesen werden sollte, weil er Suizidgedanken geäußert hatte? "Ich habe es geahnt." Er war durchgefroren in jener Nacht. Und es hatte geregnet. Die Geschädigte hatte ihm zuvor den Kleingarten samt Hütte leihweise zur Nutzung überlassen. In jenen Tagen im November 2019 war das Verhältnis aber ein wenig getrübt, weshalb die Geschädigte ein neues Schloss an ihre Gartentür anbrachte. Sie wollte nicht, dass der damals psychisch labile und polizeilich gesuchte Marco S. in der Hütte übernachtet.

Er verschaffte sich Zugang über ein zweites Gartentor, die Hütte selbst war unverschlossen. Gegen 7 Uhr am 8. November 2019 ging die Gasflasche des Katalytofens zur Neige, hatte er schon bei seiner ersten Vernehmung zu Protokoll gegeben. Nach seinen Angaben wollte er ein Feuer an der Feuerstelle im Garten entfachen und habe den Benzinkanister bereits in der Hütte aufgeschraubt. Er sei gestolpert, Benzin sei über den Katalytofen geflossen. Von einer Stichflamme spricht Marco S. und dass er weggerannt ist. Dann brannte die Hütte nieder. Warum er den Kanister denn schon in der Hütte aufgeschraubt hat, wenn er das Feuer doch draußen entzünden wollte?, fragt Reinhard Oberndorfer. "Das weiß ich auch nicht", lautet die Antwort. Am Feuer wollte er seine nassen Sachen trocknen, erzählt der Angeklagte . Sie kennt den Angeklagten schon seit vielen Jahren, sagt die Geschädigte vor Gericht. Gemeinsam engagierten sie sich für einen guten Zweck. Die Zeugin kannte auch die psychischen Probleme , ein Grund, warum sie ihm den Garten überließ. "Er konnte im Garten machen, was er wollte", sagt sie. Zwei Gründe zählt die Zeugin auf, weshalb es dann zu Meinungsverschiedenheiten gekommen ist. Einer davon: Er wollte ihr Auto leihen, aber sie brauchte es selbst. Da habe sie schon gemerkt, dass er beleidigt gewesen sei. Dass er dann aber nicht bei dem gemeinsamen Projekt erscheint, das hätte sie nicht für möglich gehalten. Er schrieb, dass er sich umbringen wolle. Seiner Mutter mehrfach, und auch sie habe ein Schriftstück im Garten gefunden. "Dass wir schon sehen werden, was wir davon haben." Die Zeugin spricht von den Problemen mit der Entsorgung der abgebrannten Hütte. Teilweise ist es Sondermüll. Ihre große Sorge, dass sie die Hütte gar nicht mehr aufbauen darf, war unbegründet. Aber vorerst ist daran nicht zu denken. Sie meint, dass der Brand eine Kurzschlussreaktion des Angeklagten gewesen sein muss. "Das ist in meinem Kopf." Viele Angaben von Marco S. bestätigt sie, er konnte über den zweiten Zugang in den Garten gelangen. Auch den Benzinkanister für die Gartengeräte hat es gegeben. Das alles stand im angebauten Geräteschuppen. Hat es Gespräche zwischen Marco S. und der Zeugin nach dem Vorfall gegeben?, will der Richter wissen. "Bis heute nicht, kein Wort, von ihm nicht und auch von den Spezies nicht", sagt sie. Der Richter empfiehlt ihr, sich an den Betreuer von Marco S. zu wenden, der bei der Verhandlung anwesend ist. Nach dem Vorfall kam Marco S. nach Werneck und wurde dort von einem Beamten der Kriminalpolizei vernommen. "Seine Angaben waren sehr glaubhaft", sagt dieser. Der Angeklagte sei froh über die Hilfe gewesen, die er in Werneck bekommen hat. Er habe eingestanden, dass er die auch gebraucht hat. Es ist nicht das erste Mal, dass Marco S. vor Gericht steht. Vier Monate hat er wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz abgesessen, weil es sich nicht an die Bewährungsauflagen gehalten hat. Fahren ohne Fahrerlaubnis steht im Register und eine Gesamtstrafe, die er vor nunmehr 17 Jahren erhalten hat. Nach der Trennung von seiner Lebensgefährtin ist er gegen sie und ihre Familie vorgegangen. Er hat Reifen zerstochen und versucht, eine Konifere neben deren Wohnung in Brand zu stecken. Dann hat er einen Strohsack im Gartenhaus der Familie in Brand gesteckt, die daraufhin völlig abbrannte. "Kein Ruhmesblatt", kommentierte der Richter die Taten. Damals war viel Alkohol im Spiel, ein Jahr und fünf Monate hat er bekommen, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung. Sachverständiger Dr. Bernd Münzmayer bescheinigt Marco S. eine bipolare affektive Störung, also starke Stimmungsschwankungen. Ein Abhängigkeitssyndrom vom Alkohol hat er nicht festgestellt. Die strafrechtliche Verantwortlichkeit sei gegeben, er könne sich ja auch noch an Einzelheiten erinnern, was am Morgen des 8. November 2019 in der Hütte passiert ist. Als das Feuer ausbrach, hatte Marco S. etwa 1,5 Promille Alkohol im Blut, hat der Sachverständige errechnet, möglicherweise auch ein bisschen mehr. Er sieht bei dem Angeklagten keinen Hinweis auf eingeschränkte Handlungsfähigkeit. Das bedeutet: keine verminderte Schuldfähigkeit und schon gar keine völlige Schuldunfähigkeit. Staatsanwalt Alexander Liedl glaubt die Geschichte von Marco S. nicht. Warum sollte er am Morgen seine Sachen an einem Feuer im Freien trocknen wollen, wenn er die ganze Nacht in einer warmen Hütte saß? Für ihn ist klar: Marco S. hat das Feuer absichtlich gelegt in einer Zeit, zu der sich Personen hätten dort aufhalten können. Dann wäre es schwere Brandstiftung . Der Staatsanwalt sieht auch keinerlei mildernden Umstände. Rechtsanwalt Holger Schmitz sieht das völlig anders. Zwischen dem Angeklagten und der Zeugin habe es keinen Streit, sondern nur Spannungen gegeben. Und wenn Marco S. die Hütte hätte abbrennen wollen, hätte er das von außen gemacht. "Wer macht das von innen?", fragt er. Marco S. hat das letzte Wort: Er beteuert, dass er nicht versucht hat, die Hütte anzuzünden. Der Benzinkanister! Das ist der "ganz entscheidende Punkt", sagt Reinhard Oberndorfer in seiner Urteilsbegründung. Der befand sich normalerweise im angebauten Geräteschuppen. "In keinem Fall im Wohnraum drin." Dort aber wurde das Benzin verschüttet. Für das Schöffengericht ist damit klar, dass es nicht versehentlich passiert ist, sondern mit Absicht. Dafür spricht auch, dass Marco S. danach erst einmal verschwunden war. Aber das Gericht sieht einen minderschweren Fall, lässt den psychischen Ausnahmezustand des Angeklagten mit ins Urteil einfließen und auch, dass keine anderen Menschen gefährdet waren. Bewährung! Es sei für ihn eines der größten Vergnügen, wenn er nach Ablauf einer Bewährungsfrist eine Strafe aufheben darf, sagte der Richter und forderte den Angeklagten auf. "Gönnen Sie mir oder meinem Nachfolger dieses Vergnügen."

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