Bad Kissingen

Blinde und Sehbehinderte in Bad Kissingen: Test am Tast-Modell

Seit einem Jahr steht ein Tast-Modell im Kurgarten, aber die Beschriftung fehlt bis heute: Wir haben es mit Blinden und Sehbehinderten getestet.
Test unter Anleitung: Gisela Schmitt und weitere Mitglieder des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes sagen Reporter Johannes Schlereth auf was er beim Tasten mit Augenbinde achten muss. Vorne notiert Reporter Ralf Ruppert die Eindrücke der Beteiligten.Ulrike Müller
Test unter Anleitung: Gisela Schmitt und weitere Mitglieder des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes sagen Reporter Johannes Schlereth auf was er beim Tasten mit Augenbinde achten muss. Vorne notiert Reporter Ralf Ruppert die Eindrücke der Beteiligten.Ulrike Müller

Nach den Buchstaben des Gesetzes gilt Gisela Schmitt als blind, weil ihr Sehvermögen seit Geburt an unter zwei Prozent liegt: Die 68-Jährige hat einen angeborenen Grauen Star und ein nicht voll entwickeltes Auge, sieht ihre Umwelt nur wie durch dickes Milchglas, ist auf starke Kontraste angewiesen. Trotzdem ist ihr dieses Rest-Sehvermögen sehr wichtig: "Ich sage immer, dass ich fast blind bin, weil ich mich ja zumindest noch orientieren kann", erzählt Gisela Schmitt, und: "Ich habe gelernt, mit meinem Seh-Rest umzugehen." Umso mehr sei sie auf Hilfen im Alltag angewiesen.

Eine solche Hilfe soll das Tast-Modell von Regenten- und Arkadenbau sowie der Wandelhalle im Kurgarten sein. Vor etwa einem Jahr wurde es im Zuge der Neu-Eröffnung der Tourist-Info aufgestellt. Doch das Urteil von Gisela Schmitt ist eindeutig: "Es ist ein wunderschönes Modell, aber nicht für Blinde und Sehbehinderte ." Warum? Auch wenn sich Gisela Schmitt jetzt vorstellen kann, welche Dachform der Regentenbau hat, wie die Arkaden geschwungen sind und wie die Fassaden verziert sind, hilft es nicht bei der Orientierung.

"Das ist eine gelungene Miniatur der Realität, aber eben kein Plan", sagt Kirsten Hüser-Nuß vom ambulanten Reha-Dienst des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes (BBSB). Daran könnten auch die Tafeln nichts ändern, die noch fehlen: "Die Gebäude müssen direkt beschriftet werden", macht die Betreuerin, die in ganz Unterfranken unterwegs ist, einen Verbesserungsvorschlag, und: "Der Standort muss ertastbar sein."

Das bekräftigt Gisela Schmitt, die regelmäßig ehrenamtlich für den BBSB auch nach Bad Kissingen kommt: "Ich weiß, dass es einen Arkadenbau gibt und ich höre Brunnen , aber ich weiß nicht, wo ich hingehen muss." Dabei sei in dem Modell durchaus auf Details geachtet worden, zum Beispiel haben die Saale und die Brunnen , also alle Wasser-Oberflächen, eine einheitliche Struktur, aber ohne Beschriftung oder die Erläuterung eines Sehenden sei das alles nicht zu verstehen.

Mit zum Test hat Gisela Schmitt Carola (55) und Oliver (58) Groß genommen. Vor 18 Jahren zog das Ehepaar mit ihrer Tochter nach Bad Kissingen . Kennen gelernt haben sich die beiden Sehbehinderten bei einer gemeinsamen Umschulung zum Masseur und medizinischen Bademeister. Weil Carola Groß dann eine Stelle in Bad Kissingen fand, wagten sie den Umzug.

Das sei für blinde und sehbehinderte Menschen immer eine besondere Herausforderung, weil jeder Weg und jede Hürde neu ist. Aber es gibt Hilfen: Krankenkassen stellen zum Beispiel Mobilitätstrainer, die das Einleben erleichtern. Gisela Schmitt wirbt dafür, dass diesen Dienst auch alle Menschen in Anspruch nehmen, deren Sicht sich im Laufe ihres Lebens einschränkt, denn: Im Gegensatz zur Gründung im Jahr 1920 als Bayerischer Blindenbund steigt der Anteil der Menschen mit einem mehr oder weniger großen Rest-Sehvermögen. Eine Folge: Nur etwa ein Viertel der Blinden und Sehbehinderten kann die so genannte Braille- oder Punkt-Schrift ertasten. "Wer wegen Diabetes sein Augenlicht verliert, hat auch nicht mehr genug Gefühl in den Fingern", berichtet Gisela Schmitt. Weiteres Problem: Bei der Braille-Schrift gibt es eine Voll- und eine Kurz-Schreibweise.

Deshalb wäre es sinnvoll gewesen, bei den Tast-Modellen im Kurgarten und der Kopie vor der Tourist-Info die großen Flächen für Beschriftungen sowohl in Punkt-, als auch in Großschrift zu nutzen. Oder eine Erläuterung in Großschrift anzubieten. Damit kann das Personal der neuen Tourist-Info aber nicht dienen. Die Staatsbad GmbH verweist jedoch darauf, dass die Mitarbeiter über das Tast-Modell auf Anfrage informieren.

Allerdings müssen dazu Betroffene erst hinein kommen: Die Tourist-Info selbst hat zwar automatische Türen und einen Aufzug für Rollstuhl-Fahrer und Gehbehinderte, aber an die Blinden und Sehbehinderten sei nicht gedacht worden: "Alleine würde ich hier umherirren", fasst Gisela Schmitt denn auch ihren Eindruck beim Betreten des Arkadenbaus zusammen.

Dabei wäre es ganz einfach: "Es müsste ein Streifen in den Teppich eingelassen werden, und die Stufen müssten farblich gekennzeichnet sein", sagt Kirsten Hüser-Nuß, und: "Es ist eigentlich ganz einfach und kostet viel weniger als ein Aufzug, aber man muss halt dran denken." Auch für das Tast-Modell im Vorraum der Tourist-Info hat sie eine ganz einfache Lösung: Das Beratungs-, Informations- und Textservice-Zentrum (BIT) biete selbstklebende Folie mit Punktschrift an. "Die ist durchsichtig und kann deshalb ohne Einschränkungen für Sehende einfach über die Beschriftung geklebt werden." Schnelle Abhilfe könne aus ihrer Sicht auch an der Treppe zur Toilette in der Wandelhalle geschaffen werden: An der obersten Stufe fehle eine kontrastreiche Markierung, während auf dem Podest das für sehbehinderte Menschen irritierende Muster abgedeckt werden müsste.

Zumindest das Tast-Modell ist auch bei der Staatsbad GmbH eine offene Frage: "Wegen der fehlenden Braille-Tafeln arbeitet die Bayer. Staatsbad Bad Kissingen GmbH mit verschiedenen Anbietern an einer Lösung, die zum Saisonstart 2020 am Tast-Modell angebracht wird", teilt Sprecherin Ines Hartmann auf Nachfrage mit. Eine "umfangreiche Barrierefreiheit" sei bei der Neugestaltung der Tourist-Information Arkadenbau ein zentrales Thema gewesen. Das Modell sei deshalb unter anderem in Zusammenarbeit mit Bernhard Schlereth , Stadtratsbeauftragter der Stadt Bad Kissingen für Menschen mit Behinderung, und der Würzburger Blindenschule entwickelt worden.

So richtig zufrieden ist allerdings auch der Würzburger Modellbauer Norbert Klemm nicht. Der 76-Jährige studierte Maschinenbau-Ingenieur hat sich seit Jahren dem Modellbau verschrieben und bereits viele Gebäude in klein abgebildet. Am Modell des Bad Kissinger Kurbereichs hat er nach eigenen Angaben rund 300 Stunden getüftelt, unter anderem kam er mehrfach in die Stadt, um die Maße zu nehmen. 17 Besprechungen habe es gegeben. Immer wieder seien Proportionen verschoben worden, denn: Das Modell ist nicht einfach eine 1:1-Miniatur. Einige Bereiche wurden größer, andere kleiner dargestellt, beim Arkadenbau wurden Bögen gestrichen, der Weg zum Luitpoldbad deutlich verkürzt, um alles auf die vorgegebene Fläche zu bringen.

Norbert Klemm selbst hat erst durch die Anfrage der Redaktion erfahren, dass das Modell längst steht. Den Standort habe er selbst nicht gewusst, deshalb habe er ihn auch nicht ins Modell übertragen können. Und bevor das Bronze-Modell in der Kunstgießerei in Nürnberg gegossen wurde, habe er auch mehrfach die Beschriftung der Gebäude vorgeschlagen: "Die Entscheidungsträger haben das alles vorliegen, aber ich habe keine Rückmeldung bekommen." Deshalb habe es nicht gleich beim Guss geklappt, Klemm hofft aber, dass das noch nachgebessert wird. Zudem habe er vorgeschlagen, das Modell durch eine App zu ergänzen, die bei der Landesgartenschau in Würzburg erstmals eingesetzt wurde.

Auf Nachfrage verweist die Staatsbad GmbH darauf, dass die Tourist-Info Arkadenbau die Zertifizierung "Reisen für Alle" vom Deutschen Seminar für Tourismus Berlin erhalten habe. Dafür sei die Barrierefreiheit sowohl für Menschen mit Gehbehinderung und Rollstuhlfahrer, als auch für Menschen mit Sehbehinderung und blinde Menschen geprüft worden. Durch den Umbau seien insgesamt 1000 Quadratmeter barrierefrei zugänglich. Unter anderem werde außen auf den Geländern mit Braille-Schrift auf die die Tourist-Info hingewiesen. "Auch die Stufen sind farblich gekennzeichnet." Ein Wegleitsystem auf dem Boden im Kurgarten sei am Denkmalsschutz gescheitert. Auch beim Umbau der Tourist-Info sei die Würzburger Blindenschule einbezogen worden.

Auf unsere Anfrage hin lässt die Staatsbad GmbH zudem prüfen, "ob nachträglich der Standort im Tastmodell noch ergänzt wird". Der Standort selbst auf unbefestigtem Untergrund sei jedoch endgültig: "Dieser wurde im Vorfeld mit den Architekten sowie mit der Würzburger Blindenschule und Bernhard Schlereth , Stadtratsbeauftragter der Stadt Bad Kissingen für Menschen mit Behinderung, besprochen."

Trotz aller Hilfen im Alltag gibt es zum Schutz von Blinden und Sehbehinderten noch viel zu tun: Der Straßenverkehr etwa nehme immer mehr zu, aber es gebe zu wenige behindertengerecht ausgerüstete Ampeln. Ein Überweg, selbst wenn es ein Zebrastreifen sei, berge für Blinde und Sehbehinderte aber viele Gefahren. "Ich weiß nie, ob mich alle sehen und anhalten", sagt Gisela Schmitt. Deshalb gehe sie das Risiko auch nicht mehr ein: "Früher bin ich einfach los gelaufen, heute überquere ich stark frequentierte Straßen nur noch in Begleitung."

Das Ehepaar Groß mahnt sogar Verschlechterungen an: "Bei der Beleuchtung auf Bahnhöfen wird oft gespart, und die Durchsagen sind schlechter zu verstehen als früher", nennen sie als Beispiele. Wünschen würden sie sich auch mehr sprechende Einrichtungen, vom Haushaltsgerät bis zum Bus. In Bad Kissingen sei speziell der Nahverkehr ein Problem: Erst jüngst sei eine Haltestelle ohne Vorankündigung verlegt worden, das sei für sehbehinderte Menschen eine Katastrophe. Und der Berliner Platz als zentraler Bus-Bahnhof sei ein "Armutszeugnis" für eine Kur- und Fremdenverkehrsstadt.

Trotz aller Barrieren im Alltag sieht Gisela Schmitt auch viele Fortschritte. "Heute würde ich sicher studieren", sagt die 68-Jährige. In ihrer Jugend sei ihr dieser Weg noch verwährt gewesen: Nach der Mittleren Reife arbeitete sie als Telefonistin und Phono-Typistin, machte eine Ausbildung zur Englisch-Wirtschaftskorrespondentin. 35 Jahre lang arbeitete sie als Ausbilderin, deshalb enagiere sie sich bis heute im BBSB, der rund 80 000 Blinde und Sehbehinderte Menschen in Bayern vertritt.

Schlagworte

  • Bad Kissingen
  • Ausbilder
  • Bayerisches Staatsbad Bad Kissingen
  • Behinderte
  • Behindertengerechtheit
  • Bernhard Schlereth
  • Blinde
  • Brunnen
  • Gebäude
  • Grauer Star
  • Saale
  • Sehbehinderte
  • Sehschwäche
  • Stadt Bad Kissingen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!