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Corona nagt an der Seele

Das Virus und seine Folgen für unseren Alltag und die Gesellschaft bleibt beständiges Gesprächsthema. Was macht Corona mit unserer Psyche?
Die Angst vor dem  Coronavirus macht sich auch bei der Telefonseelsorge bemerkbar. Foto:  Daniel Reinhardt/dpa       -  Die Angst vor dem  Coronavirus macht sich auch bei der Telefonseelsorge bemerkbar. Foto:  Daniel Reinhardt/dpa
Die Angst vor dem Coronavirus macht sich auch bei der Telefonseelsorge bemerkbar. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Ruth Belzner ist überzeugt: "Corona wirkt wie eine Art ,Brandbeschleuniger‘." Die Psychologin und Leiterin der Telefonseelsorge Würzburg glaubt, dass Menschen, die von Grund auf ängstlich und labil sind, besonders stark seelisch auf die Krise reagieren. Mit Psychologie lässt sich auch erklären, warum die Deutschen wie verrückt Klopapier hamstern.

Seit Ministerpräsident Markus Söder am 20. März die Ausgangsbeschränkungen bekannt gab, verzeichnet die Telefonseelsorge mehr Anrufe. "Vor dem 20. März gingen durchschnittlich 32 Anrufe pro Tag ein. Seit der Bekanntgabe sind es im Schnitt 38 pro Tag", sagt Belzner. Dass die Steigerung nicht noch deutlicher sei, läge an Kapazitätsgrenzen der Hotline.

Dauerhafte Ängstlichkeit

"Auch wenn es ein bisher recht kurzer Vergleichszeitraum ist: Es scheint, als steigt die Zahl derjenigen, die zum ersten Mal anrufen." Corona bilde oft ein "Hintergrundrauschen" für Ängste und Ärgernisse aller Art. "Es wird aber von unseren Mitarbeitern nicht als das eigentliche Gesprächsthema wahrgenommen."

Die Bad Kissinger Psychologin Dr. Lena Kornyeyeva sagt: "Eine gewisse Unsicherheit als eine emotionale Reaktion auf eine Bedrohung ist erst mal normal. Wenn die Ängstlichkeit aber zu einem andauernden Zustand wird, dann ist es eine Art Regression."

Mit dem Begriff ist ein psychischer Abwehrmechanismus gemeint, der der Angstbewältigung dient. "Mit der Regression geht oft ein Wunsch nach einer starken Hand einher. Man wünscht sich und den anderen eine Art Eltern-Figur in der Politik, die ,alles in Ordnung‘ bringt und die ,Unordentlichen‘ bestraft", erklärt die Psychologin.

Könnte dieser psychologische Erklärungsansatz begründen, warum der bayerische Ministerpräsident Markus Söder laut dem Meinungsforschungsinstitut Insa in der Bevölkerung immer beliebter wird? Schließlich war es Söder, der eine Ausgangsbeschränkung in Bayern zum Schutz vor Corona einführte. In anderen Bundesländern gab es zu der Zeit weniger starke Eingriffe in Freiheitsrechte.

Auch für weitere Verhaltensweisen, die wir derzeit bei uns und unseren Mitmenschen beobachten, hat die Psychologin eine Erklärung: "Hamsterkäufe sind in jeder Krise erwartbar. Ernährung ist ein Grundbedürfnis. Wenn die Versorgung in Frage steht, wird gehamstert."

Manche handelten dabei höchst irrational. "Das hat mehr mit dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu tun. Dieses ,Alle machen so, also mache ich es auch‘ wurde während der Evolution von einer Generation an die andere weitergegeben, da es dem Überleben der Gruppe diente." Es reiche also, ein paar Bilder über Toilettenpapier-Kauf per Whatsapp oder Facebook zu bekommen, um zu denken, dass das alle machten. "Zudem sind die Toilettenpapier-Packungen relativ voluminös, also für alle im Supermarkt sichtbar", sagt Kornyeyeva.

Und warum halten sich manche Menschen nicht an Hygieneregeln und treffen sich bedenkenlos mit Freunden? "Es ist wie ein Trotzverhalten. Man handelt buchstäblich kindisch. Man blendet wesentliche Teile der Realität aus, will sie nicht wahrhaben." Das Motto sei: "Es stimmt alles nicht, also muss ich mein Verhalten nicht ändern."

Zeit, um Ruhe zu finden

Was für Tipps geben Seelsorger und Psychologen, um gut durch die Krise zu kommen? Die katholische Kurseelsorgerin Ursula Summa sagt: "Ich wünsche mir, dass die Menschen diese ruhige Zeit nutzen, um zu reflektieren und neue Zuversicht zu finden. Es ist eine Riesenchance. Die echten Lebensfragen kommen jetzt auf den Tisch."

Diese Reflexion könne aber auch wehtun. "Da können Konflikte hochkommen. Das ist nicht in zwei Tagen getan. Das dauert mindestens ein paar Wochen oder länger." Problematisch sei es, wenn niemand da sei, der diesen Weg mit einem gehe. Das könne der Partner, die Freundin oder Gott sein.

Summa empfiehlt: "Mach dich auf deinen eigenen spirituellen Weg. Bete nicht die Gebete , die andere dir vorgeben, sondern schreib deine eigenen Gebete . Klage deinem Gott , was diese schwere Situation soll."

Der Umgang mit der Krise sei eine Frage des Blickwinkels: "Es gibt immer schon Menschen, für die ist das Glas eher halbleer als halbvoll. Die bleiben im Negativen hängen."

Was sind positive Seiten der Krise, auf die die Menschen sich besinnen können? Psychologin Kornyeyeva sagt: "Generell werden wir aus der Krise lernen, vor allem, was Hygiene und individuelle Gesundheit betrifft. Wir werden lernen, etwas zu schätzen, was vorher selbstverständlich war." Summa findet, dass es in Politik und Medien eine neue, positive Art gibt, miteinander zu sprechen. "Oder seit wann wünschen die Nachrichtensprecher im Fernsehen ,Bleiben Sie gesund‘?"

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