Münnerstadt

Dem Schicksal Paroli geboten

Roland Kneuer berichtete im Erzählcafé über "ein Leben mit viel Sport - und dann ... Rollstuhl, Lifter usw". Am Ende der Veranstaltung gab es eine Spende von 500 Euro an das Betreute Wohnen.
Aus seinem Leben erzählte Roland Kneuer, der seit sechs Jahren  querschnittsgelähmt ist. Foto: Dieter Britz       -  Aus seinem Leben erzählte Roland Kneuer, der seit sechs Jahren  querschnittsgelähmt ist. Foto: Dieter Britz
Aus seinem Leben erzählte Roland Kneuer, der seit sechs Jahren querschnittsgelähmt ist. Foto: Dieter Britz

"Sie sind ein Stehaufmännchen", bescheinigte Eugen Albert , der Organisator des Erzählcafés im Julius-Spital, dem letzten Referenten im Wintersemester. In der Tat, der 66-jährige Roland Kneuer, seit 2019 Mieter im Betreuten Wohnen des Julius-Spitals, hat ein Leben mit vielen Höhen und auch Tiefen hinter sich. Seit einem schlimmen Motorrad-Unfall vor sechs Jahren in Slowenien ist er querschnittsgelähmt. Deshalb kam er mit seinem Elektro-Rollstuhl zum Erzählcafé, um hier aus seinem Leben zu berichten. Sein Thema lautete "ein Leben mit viel Sport - und dann ... Rollstuhl, Lifter usw".

Aufgewachsen ist Roland Kneuer in der Coburger Straße in Münnerstadt zusammen mit drei Schwestern. Von frühester Jugend an bestimmte Sport sein Leben. Er hat beim TSV Münnerstadt , aber auch in anderen Vereinen viele sehr unterschiedliche Sportarten ausgeübt und dabei beachtliche Erfolge erzielt. Bayerischer Meister im Zehnkampf wurde er mit einer Mannschaft des TSV Bad Kissingen. Den siebten Platz belegte er bei der Deutschen Mehrkampf-Meisterschaft. "Das war zu schlecht für Olympia", bedauert er, das er in anderer Funktion dann doch besuchen konnte.

Weltrekordler

Er ist sogar Weltrekordler: Er war einer von 1000 Polizisten des damaligen Bundesgrenzschutzes (der Vorgänger der Bundespolizei ), die erfolgreich eine 1000-mal-1000-Meter-Staffel liefen. Laut Internet brauchten die jungen Männer dazu 55 Stunden, 26 Minuten und 52 Sekunden. Kneuer spielte auch Fußball und war neun Jahre im Vorstand der AH-Abteilung des TSV Münnerstadt . Tischtennis, Badminton, Squash, Motocross, Radfahren, Joggen, Skifahren, Tanzen - er hat kaum etwas ausgelassen. Auf dem Motorrad fuhr er bis zum fast 3600 Kilometer entfernten Nordkap. Von diesem Erlebnis schwärmt er noch heute.

Ab 1971 absolvierte er eine Ausbildung als Polizeibeamter beim Bundesgrenzschutz im nahen Oerlenbach. Als exzellenter Sportler wurde er im Jahr darauf zum Ordnungsdienst bei den Olympischen Spielen in München eingeteilt. Für ihn gehören diese Tage zu den beeindruckendsten seines Lebens. Das gilt vor allem für die Eröffnungsfeier. Da hatte er keinen Dienst und konnte dabei sein. Als Bundesgrenzschutzbeamter hatten der damals 19-Jährige auch außerhalb seines Dienstes freien Zutritt zu allen Veranstaltungen, Wettkämpfen und Einrichtungen. Auch im Olympischen Dorf war er häufig in seiner Freizeit.

Von Attentat erschüttert

Doch die heiteren Spiele erlebten am 5. September 1972 ihr Fanal - das Attentat der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" auf israelische Sportler. Es begann als Geiselnahme und endete mit der Ermordung aller elf israelischen Geiseln sowie mit dem Tod von fünf palästinensischen Geiselnehmern und eines deutschen Polizisten. Im Vorfeld des Einsatzes bei den Olympischen Spielen hatten die jungen Grenzschutzbeamten solche Szenarien bei der psychologischen Schulung durchgespielt, berichtet Kneuer. "Wir hätten aber nie daran gedacht, dass so etwas wirklich passieren wird." Die Geiselnahme selbst und deren tragischen Verlauf hat Roland Kneuer nur im Fernsehen mitbekommen. Er hat aber die Wohnung, in der die Geiselnahme stattgefunden hat, kurz darauf gesehen. Noch heute ist er vom Anblick erschüttert.

Nach Abschluss seiner Ausbildung kam Kneuer zur Fliegerstaffel des Bundesgrenzschutzes nach Oberschleißheim (Landkreis München). Er wurde dort Landebasisführer, Schirrmeister und Fahrlehrer für alle Klassen. Sondereinsätze unter anderem wegen eines Papstbesuches, wegen der Terroristen der Baader-Meinhof-Gruppe oder wegen eines geplanten Atommülllagers in der Oberpfalz sorgten für viele Überstunden. Die feierte er durch Freizeit ab und arbeitete als Fahrer bei Stadtrundfahrten in München oder bei Busfahrten im In- und Ausland.

Studium als Wirtschaftsinformatiker

Ende 1981 hängte er seinen Job beim Bundesgrenzschutz an den Nagel. 1989 begann Kneuer in Nürnberg ein Studium als Wirtschaftsinformatiker , zum größten Teil auf PCs, die in dieser Zeit immer wichtiger wurden. Im November 1992 kam er zu FAG Kugelfischer nach Schweinfurt. Dort wurde er auf einem Großrechner ausgebildet und arbeitete viel mit alten Betriebssystem DOS und mit Windows. Als Computer-Experte wurde er Dozent an der Volkshochschule Schweinfurt und gab einige Jahre Kurse "EDV für Frauen", für AutoCAD (zum Erstellen technischer Zeichnungen aller Art) oder für das Tabellen-Kalkulationsprogramm Excel. Auslandseinsätze führten ihn zu dieser Zeit nicht nur in europäische Länder, sondern auch nach Kanada und in die USA. 1993 bis 2005 arbeitete er, vor allem als Spezialist für Datensicherung, bei IBM . 2005 allerdings wurde er nach einer Restrukturierung seines Unternehmens arbeitslos. 2007 konnte er im Leopoldina-Krankenhaus in Schweinfurt wieder als Informatiker und Datenverarbeitungs-Spezialist arbeiten.

Schwerer Motorradunfall

Im April 2014 hatte Roland Kneuer in Slowenien einen sehr schlimmen Motorradunfall, der sein Leben stark verändern sollte: Er erlitt eine Querschnittslähmung und ist seitdem auf einen Rollstuhl angewiesen. Noch im Krankenhaus skizzierte er ein rollstuhlgerechtes "Traumhaus", das in der Coburger Straße gebaut wurde. Schon im März 2015 konnte er einziehen. Im Juni dieses Jahres wurde er Rentner. 2019 verkaufte er sein Haus wieder und zog in eine Wohnung im Haus Sankt Michael des Julius-Spitals, die rollstuhlgerecht eingerichtet wurde. Heute beschäftigt er sich unter anderem mit Rollstuhl-Tanz und mit Schachspiel.

Mit diesem Vortrag endete das Wintersemester des Erzählcafés im Julius-Spital, kündigte Eugen Albert an. Andrea Ziska, die Vorsitzende des Helfervereins für das Julius-Spital, nutzte die Gelegenheit, eine Spende von 500 Euro an Karina Dietz , die Leiterin des Betreuten Wohnens zu übergeben. Diese Summe war durch den Kaffee- und Kuchenverkauf während der Erzählcafé-Nachmittage zusammengekommen.

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