Bad Kissingen

Der geigende Dirigent Leonidas Kavakos enttäuscht

Leonidas Kavakos als Solist und Dirigent der Wiener Symphoniker - das war ein bisschen viel an einem Abend. Das Orchester konnte man trotzdem genießen.
Man hatte ja über den mittlerweile auch häufig dirigierenden Geiger oder geigenden Dirigenten Leonidas Kavakos gewaltige Dinge gehört und gelesen, vor allem aus den USA. Aber aus der Nähe sieht die Sache dann doch immer etwas anders aus. Als dirigierender Solist der Wiener Symphoniker konnte er im Großen Saal nicht wirklich überzeugen. Dabei machten die es ihm wirklich einfach.

Mozarts G-dur-Violinkonzert KV 216 gleich zu Beginn zeigte sein Dilemma. Da war er mit dem Dirigieren der Orchestereinleitung so stark beschäftigt, dass er keine Zeit hatte, sich auf seinen eigenen Einsatz zu konzentrieren. Und der war dann auch prompt holprig vergeigt. Aus dem Grund hätte er es auch bleiben lassen sollen, das Orchester dirigieren zu wollen, wenn er auch nur einen Takt Pause hatte. Das war völlig überflüssig. Denn das Orchester hatte seinen Florian Zwiauer, der vom 1. Pult aus den Laden gut zusammenhielt und steuerte.

Sicher wäre das Ergebnis besser gewesen, wenn neben Kavakos ein Dirigent am Pult gestanden hätte, der ihm die Konzentration auf sein Spiel gesichert hätte, der ihm den Druck genommen hätte, sein eigener Partner sein zu müssen. So blieb Kavakos' Spiel flach, dynamisch wenig strukturiert, immer gleich in den Wiederholungen, ohne Spannungsbögen, spitz im Ton - kurz: abgeliefert. Denn Kavakos war immer dann gut, wenn er sicher sein konnte, dass niemand von ihm etwas erwartete: in den Kadenzen. Da war er richtig gut.

Nein, Mozarts G-dur-Konzert hat man auch im Großen Saal schon besser und schöner gehört. Kavakos scheint sein Dirigieren mit einer Stagnation als Geiger zu bezahlen.

Ein bisschen Bewegen reicht nicht

Und der Preis ist zu hoch. Denn mit dem Dirigieren ist das so eine Sache. Kavakos ist kein Organisator, kein Strukturierer, kein Klangkontrolleur, keiner, der beim Dirigieren schon ein paar Takte vorausdenkt und Veränderungen vorbereitet, sondern er modelliert das mit den Händen, was er hört und setzt es mitunter in einen etwas sperrigen Ausdruckstanz um. Ein Orchester hat davon nicht viel außer einem ständigen Unruheherd vorne Mitte.
Man muss den Wienern ein ganz großes Kompliment machen, wie sie unter diesen Bedingungen nicht nur Joseph Haydns Sinfonie Nr. 83 mit dem klangmalerischen Beinamen "Die Henne", sondern vor alem Franz Schuberts große C-dur-Sinfonie spielten. Aber die Qualität dieses Orchesters zeigte sich vor allem in wunderbaren Einzelleistungen, die das Zuhören zum Genuss machten.

Nur ist die Summe von einzelnen Meisterleistungen nicht unbedingt auch ein Meisterwerk. Das Problem war, dass Kavakos eigentlich nie eine präzise Eins schlug. Das hatte zwei Konsequenzen: Wenn der Ton nicht präzise auf die Eins kommt - das weiß man auch aus dem Jazz, wo die Musiker am liebsten sogar noch vor dem Schlag spielen - kann sich keine Spannung aufbauen, weil der Spannungsbogen keinen Ankerpunkt hat. Und außerdem ist die Gefahr groß, dass der Gesamtklang unpräzise mulmig wird. Dass das den Wienern ein paar Mal passiert ist, spricht nicht gegen sie; das kann jedes Orchester erwischen. Die Notwehr der großen Orchester, wenn die Eins ausbleibt, ist, dass es sich selbst organisiert. Das bedeutet, dass sie Fassungen spielen, die sie kennen und "drauf" haben. Und das sind bei den Wiener Symphonikern nicht die schlechtesten

Auf dem kleinen Dienstweg

Wenn es nicht so peinlich für den Dirigenten gewesen wäre, hätte man es genießen können, wie sich die ersten Pulte nahtlos um den Dirigenten herum untereinander verständigten. Nur an einer einzigen Stelle, bei einem Ritardando im ersten Satz, hatte man den Eindruck, das Kavakos das als dirigentische Duftmarke gesetzt hatte. Denn da lächelte er anschließend zu den Violinen wie ein Sieger, dem das große Orchester tatsächlich gefolgt war. Wenn er wirklich hätte überzeugen wollen, dann hätte er erheblich mehr aus der Führung machen müssen, um die Strukturen vor allem der C-dur-Sinfonie zu verdeutlichen.

Leonidas Kavakos sollte sich schon im Interesse seines künstlerischen Eigenwertes für Geigen oder Dirigieren entscheiden. Beides ist vielleicht ein bisschen viel, und es gibt nur sehr wenige Instrumentalisten, die wirklich den Schritt zum Dirigieren geschafft haben, ohne an Substanz einzubüßen. Er sollte sich für die Geige entscheiden. Da hat er bereits die Technik, aus der Musik entstehen kann.

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