Bad Kissingen

Der schnellste Franke

In dünner Luft: Heini Dittmar ging als Pilot an die Grenzen des technisch Möglichen, sowohl beim Segelflug auf der Wasserkuppe als auch mit dem Raketenflugzeug Me 163.  Foto: Bundesarchiv       -  In dünner Luft: Heini Dittmar ging als Pilot an die Grenzen des technisch Möglichen, sowohl beim Segelflug auf der Wasserkuppe als auch mit dem Raketenflugzeug Me 163.  Foto: Bundesarchiv
| In dünner Luft: Heini Dittmar ging als Pilot an die Grenzen des technisch Möglichen, sowohl beim Segelflug auf der Wasserkuppe als auch mit dem Raketenflugzeug Me 163. Foto: Bundesarchiv
An sich sind die Franken ja bekannt dafür, dass sie es gerne gemütlich angehen lassen. Gerade im unterfränkischen Weinland gehört eine gepflegte Langsamkeit ja sozusagen zur Lebensart, zur Kultur. Umso größer ist die Überraschung, wenn man beim Blick in die Weltchronik feststellt, dass eine Zeitlang ein Unterfranke der schnellste Mensch der Welt war: Der Bad Kissinger Heini Dittmar überschritt als erster Pilot die magische Grenze der 1000
Stundenkilometer.
Das Ganze geschah natürlich nicht auf beziehungsweise über der Wasserkuppe in der Rhön, dem Zentrum des Segelflugs in Deutschland, und als Dittmar der Schallmauer näher kam als je ein Mensch zuvor, saß er auch nicht am Steuerknüppel eines seiner von ihm selbst konstruierten Segelflugzeuge. Dittmars Rekordflug war 1941 Teil des von den nationalsozialistischen Machthabern in Deutschland vorangetriebenen Programms zur Entwicklung von "Wunderwaffen".


Rekordflüge über der Ostsee

Der Bad Kissinger Flugpionier stellte sich wie viele seiner Kollegen als Testpilot zur Verfügung. Im Raketenflugzeug Messerschmitt 163 (Me 163) brach Heini Dittmar bei Testflügen in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf der Ostsee-Insel Usedom mehrfach Weltrekorde. Am 2. Oktober 1941 erreichte die "fliegende Bombe" 1003,67 Stundenkilometer, ein Rekord, der erst sechs Jahre später in den USA überboten wurde.
War Heini Dittmar ein Helfershelfer der Nazis, ein Mitläufer? Die Einordnung fällt schwer, zumal die Nationalsozialisten es verstanden, die Popularität von Sportlern, Schauspielern oder eben auch Piloten zu nutzen; ebenso spannten sie die Wissenschaft und die Industrie vor ihren Karren. Opfer oder Täter? Da gibt es oft keine klare Grenzlinie, gerade auch bei den Fliegern, die, begeistert von der neuen Technik, die Möglichkeiten nutzten, die das Regime ihnen bot.


Zwangsarbeiter und Tüftler

Im Fall der "tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten" spiegelt sich das ganze Spektrum der Verflechtungen. Dittmars Rekordflugzeug war von den Messerschmitt-Werken gebaut worden. Deren Gründer Willy Messerschmitt, der in Bamberg aufgewachsen war, steht bis heute in der Kritik, weil er sich nie von den Nazis distanzierte und zumindest in Kauf nahm, dass in seinen Werken Zwangsarbeiter eingesetzt wurden.
Konstruiert hatte die Me 163 der Münchner Alexander Lippisch, der in der Vorkriegszeit im Segelflugzentrum an der Wasserkuppe zahlreiche Prototypen entwickelt hatte. Lippisch hatte sich auf "schwanzlose" Flugzeuge spezialisiert. Sein Wissen nutzt nach dem Krieg die Airforce der USA bei der Entwicklung zahlreicher Düsenjets, deren Konstruktion bis heute wegweisend ist. Lippisch und Dittmar kannten sich aus der Rhön, und zu ihrem Kreis gehörte Hanna Reitsch, die damals bekannteste deutsche Pilotin, die mit Dittmar und anderen bei einer Expedition in Argentinien 1934 zahlreiche Höhen-Weltrekorde mit Segelflugzeugen aufgestellt hatte.
Auch Reitsch saß als Testpilotin am Steuerknüppel. Mehrfach wurde sie schwer verletzt. Als einzige Frau in Nazi-Deutschland erhielt Reitsch das Eiserne Kreuz Erster Klasse. 1944 erläuterte sie Adolf Hitler persönlich ihre Idee, gegen die erwartete alliierte Invasion in der Normandie Selbstmordpiloten nach dem Vorbild der japanischen Kamikaze einzusetzen.


Über den Wolken ...

Von Dittmar sind derlei Gedanken nicht überliefert, und auch politisch blieb der Unterfranke ein unbeschriebenes Blatt. Er war Flieger, begeisterter Flieger, und erwarb sich auch im Ausland durch sein bescheidenes Auftreten hohes Ansehen. Geboren wurde der Rekordpilot am 30. März 1911 in Bad Kissingen. Er folgte dem Vorbild seines Bruders Edgar und besuchte nach dem Schulabschluss das Deutsche Forschungsinstitut für Segelflug an der Wasserkuppe.
Mit 18 legte er 1929 seine Segelflugzeugprüfung ab. Im Alter von 21 Jahren errang er 1932 mit einem selbst gebauten Segelflugzeug ("Condor") den ersten Sieg seiner Klasse im Segelflugwettbewerb in der Rhön. 1934 stellte Dittmar nach dem Höhen- einen Langstreckenweltrekord auf. 1936 gelang ihm die erste Alpenüberquerung im Segelflugzeug. Mit seinem Sieg beim Internationalen Rhönwettbewerb 1937, der später als Weltmeisterschaft im Segelflug anerkannt wurde, krönte Heini Dittmar seine Laufbahn als Segelflieger. Heini Dittmar starb 1960, als er bei einem Probeflug mit seiner Eigenkonstruktion HD-153 Motor-Möwe in der Nähe des Flugplatzes Essen-Mülheim abstürzte. In Mülheim an der Ruhr sowie in Augsburg und Schweinfurt tragen Straßen seinen Namen.
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