Bad Kissingen

Der Sinn der Pandemie

Das Wort zum Sonntag kommt vom evangelischen Pfarrer Martin Hild aus Münnerstadt. Er findet drei Antworten auf die derzeitigen Ereignisse.
Pfarrer Martin Hild an der Skulptur 'Der Denker' bei der evangelisch-lutherischen Auferstehungskirche Münnerstadt. Foto: Karin Hild       -  Pfarrer Martin Hild an der Skulptur 'Der Denker' bei der evangelisch-lutherischen Auferstehungskirche Münnerstadt. Foto: Karin Hild
Pfarrer Martin Hild an der Skulptur "Der Denker" bei der evangelisch-lutherischen Auferstehungskirche Münnerstadt. Foto: Karin Hild

Eines der Merkmale von religiös denkenden Menschen ist, dass sie nach dem Sinn eines Ereignisses fragen. Für Glaubende gibt es einen Gott , der irgendwie in Beziehung zu den Ereignissen auf der Erde steht. Fragen wir die Bibel , sehe ich drei Antwortspuren.

Die eine ist die direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung: Da gibt es ein schlimmes Ereignis wie eine Seuche . Dieses Ereignis kann als eine Strafe Gottes gedeutet werden. In der Geschichte Israels gab es dieses Schema immer wieder: Zum einen in den zehn Plagen gegen den ägyptischen Pharao, damit dieser Israel ziehen lässt in die Freiheit. Zum anderen auch bei den Israeliten selber: Weil sie von Gott immer wieder abfielen, war ihnen gewissermaßen Gottes Rücken zugekehrt. Sie litten unter Feinden und Misswirtschaft und Ungerechtigkeit. Wenn sie sich aber bekehrten zu Gott , dann ging es ihnen bald wieder besser und sie lobten eine Zeitlang dankbar Gott .

Die Gefahr dieses Bildes liegt darin, dass wir Gottes Willen sehr klein machen: Er reagiert quasi automatisch auf unsere Verfehlungen. In Jesus überraschte er aber die Israeliten und die ganze Welt, indem er selbst Leid und Schuld auf sich nahm. Jesus starb stellvertretend für uns am Kreuz. Dadurch dass Gott sich ganz klein machte in einem Menschensohn, wurde er erst wirklich relevant für unser Leben. Im leidenden Jesus sehen wir auch den Corona-Kranken und das verhungernde Kind in Ostafrika. Der mitleidende Gott war eine gute Nachricht, ein Evangelium , für die Menschen, die glaubten, von Gott bestraft zu werden und unwürdig zu sein vor ihm.

Die dritte Antwortspur ist die, Plagen wie Corona als Vorboten einer neuen Zeit zu sehen. Auch dafür finden wir bei Jesus Anhaltspunkte, wenn er uns empfiehlt, auf die Zeichen des Himmelreiches zu achten. Diese Zeichen für das Nahen der Endzeit sind einerseits gute, wie die Auferstehung Jesu und die Pfingstliche Erweckung, also die Gründung der Christenheit . Aber auch die unheilvollen Zeichen künden von Gottes zukünftiger Herrlichkeit bei uns, denn sie symbolisieren den Widerstand des Bösen gegen Gott . Darum wurden die Märtyrer, die um ihres Glaubens willen starben (und in manchen Ländern bis heute dafür sterben), zu Vorboten einer Veränderung der Welt, zu verehrten Vorbildern, ja Heiligen.

Wenn ich nach dem Sinn dieser Corona-Pandemie frage, dann sehe ich diese drei möglichen Antworten aus der Bibel und ich sehe die Welt vor meinen Augen dadurch klarer: Ich beobachte die Spuren des Frühlings in unserer schönen "Saale-Schnitte" wie Zeichen der Güte Gottes , sehr intensiv. Ich sehe auch, wie menschliche Abgründe aufgedeckt werden wie die ungerechten Bedingungen in der agroindustriellen Produktionsweise mit Ausnutzung nicht nur der gequälten Tiere, sondern auch der Leiharbeiter aus anderen Ländern bei uns, aktuell sichtbar in der Corona-Ausbreitung bei einem Großschlachthof. Und ich erlebe, wie sehr wir Menschen eigentlich sozial sind und damit aufeinander bezogen. Wie sehr fehlen den "geschützten" älteren Menschen die Streicheleinheiten und die Umarmungen ihrer Angehörigen! Wie sehr möchten die Kinder wieder miteinander interagieren in Spiel und Schule und Kindergarten! Und erst die Kirche : Der Name " Kirche " im Neuen Testament (ecclesia) bedeutet Versammlung. Wie sehr fehlt es uns, uns zu Gott hin zu versammeln in Gottesdiensten und Chören und Gemeindekreisen!

Der Sinn dieser Sehnsucht mitten in der Pandemie könnte es sein, unsere Hoffnung um so stärker zu machen.

Der barmherzige Gott möge sich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, als nahe erweisen und gütig und freundlich!

Ihr Pfarrer Martin Hild

(Eine Videoandacht erscheint auch auf dem Youtube-Kanal von Pfarrer Hild)

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