Untererthal

Die Tafel soll das Gedenken wachhalten

Untererthal erinnert an vertriebene, verschleppte und ermordete jüdische Mitbürger. Bürgermeister Ernst Stross verbindet damit auch einen Wunsch nach Toleranz im Zusammenleben in der heutigen Zeit.
Als eine seiner letzten Amtshandlungen enthüllte Bürgermeister Ernst Stross in Untererthal eine Gedenktafel "in Erinnerung an die vertriebenen, verschleppten und ermordeten jüdischen Bürger und Bürgerinnen und all die namenlos Gebliebenen". Namentlich sind auf der Tafel 25 Untererthaler genannt mit Geburtsjahr und Todesort. Nach Westheim ist in Untererthal die zweite Gedenktafel enthüllt worden, unterschrieben von der Bürgerschaft des jeweiligen Ortes.

"Es war mir sehr wichtig, dies noch in meiner Amtszeit zu Ende zu bringen", sagte Stross im Gespräch. Etwa 100 Anwesende konnte er zur Gedenkstunde begrüßen, unter ihnen die stellvertretende Bürgermeisterin Elisabeth Wende, einige Stadträte, Kirchenpfleger Georg Beck sowie den neu gewählten Nachfolger im Bürgermeisteramt, Armin Warmuth. Gekommen waren auch Michael und Cornelia Mence, Volker Rieß sowie weitere Mitglieder des Arbeitskreises ‚Letzte Spuren bewahren‘, die sich seit Jahren der Aufarbeitung und Dokumentation der jüdischen Geschichte in der Region widmen.

Über das Zusammenleben

"Die Geschichte eines Ortes ist immer auch die Geschichte des Zusammenlebens von Menschen", sagte Ernst Stross in seiner Gedenkansprache. "Es ist die Verbundenheit über den eigenen Dorfdialekt und die Hofnamen, die Kenntnis von Familiengeschichten. Es ist in Untererthal auch die Geschichte vom Zusammenleben von Dorfbewohnern christlichen und jüdischen Glaubens von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis in die Abgründe der Zeit des Nationalsozialismus."

Todesangst und ihre Folgen

Stross zitierte den Zeitzeugen Karl Heilmann, der davon berichtet hatte, dass jüdische Mitbürger in Untererthal Händler und Handwerker waren, jüdische Metzger, Schreiner und Schuster. "Ein sich verstärkender, latent vorhandener Antisemitismus" habe schließlich dafür gesorgt, dass die jüdischen Mitbürger "zu Feinden der Gesellschaft, zu Unwürdigen" erklärt wurden, sagte Stross. Todesangst habe zu gerade noch möglicher Abwanderung geführt. Der Abtransport in die Konzentrationslager führte in den Tod.

Stadtrat Arnold Eiben gab einen umfangreichen Einblick in die wechselvolle Geschichte jüdischen Lebens in Untererthal durch die Jahrhunderte. Bis zu 65 jüdische Einwohner habe Untererthal gehabt, Angehörige des Fränkischen Landjudentums. Es gab eine eigene jüdische Gemeinde, 1805 wurde in der Judengasse die Synagoge mit Betsaal und Ritualbad fertiggestellt - unweit vom jetzigen Standort der Gedenktafel.

Während in den großen Städten im 19. und 20. Jahrhundert Spannungen aufkamen, habe laut Zeitzeugen Karl Heilmann in Untererthal vor der NS-Zeit ein "sehr gutes Verhältnis" geherrscht. 1942 habe dies ein jähes Ende gefunden mit der Deportation der letzten Bewohner, machte Eiben deutlich. "Die Gedenktafel dokumentiert das Ende jüdischen Lebens in Untererthal", meinte er über dieses "äußerst dunkle Kapitel deutscher Geschichte".
"Mit Hilfe der Tafel können wir die Erinnerung an die jüdischen Bewohner wachhalten", mahnte er, ganz im Sinne der Überschrift auf der Gedenktafel: "Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen" - ein Zitat von Georges Santayana.

25 Namen verlesen

Nachdem Bürgermeister Ernst Stross mit den Stadträten Arnold Eiben und Bernd Hüfner die Gedenktafel enthüllt hatte, lasen mehrere Untererthaler die Namen der letzten 25 jüdischen Bürger vor, ihr Geburtsdatum und den Ort, an dem sie den Tod fanden. In der folgenden Gedenkminute hallten die Namen dieser Orte nach: Izbica, Treblinka, Theresienstadt, Buchenwald, Sobibor, Auschwitz.

Stross verband mit der Enthüllung einen Bogenschlag ins Heute: Die Tafel solle "Mahnung und zugleich Aufforderung für Toleranz und Miteinander in aller Unterschiedlichkeit beim Zusammenleben sein". Nie wieder in der Geschichte dürfe sich eine solche Erniedrigung von Menschen entwickeln. "Jeder von uns kann einen kleinen Teil dazu beitragen".
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