Bad Kissingen

Die Welt ist ein Tanz

Mit einer Galavorstellung aller Gruppen feierte Cathérine Scherner im Kurtheater Bad Kissingen das 36-jährige Bestehen ihres Tanzstudios.
Die kessen Mädchen wecken den träumenden Harlekin (Emilie Heinisch): Lea Grimm-Keßler, Lydia Daecke, Victoria Hofmann, Franziska Keller, Eva Müller und Romy Scherner. Foto: Gerhild Ahnert
Die kessen Mädchen wecken den träumenden Harlekin (Emilie Heinisch): Lea Grimm-Keßler, Lydia Daecke, Victoria Hofmann, Franziska Keller, Eva Müller und Romy Scherner. Foto: Gerhild Ahnert
"36 Jahre Ballettstudio Cathérine Scherner" ist nicht unbedingt ein rundes Jubliäum, aber wie jedes Mal ein absolutes Muss für die Freunde des Tanzes, wenn die Compagnie vom Stationsberg zum Rendezvous - und auch zur Leistungsschau - ins Kurtheater einlädt. Schon lange im Vorfeld gab es keine einzige Karte mehr, aber es waren nicht nur die Angehörigen, die das Theater bis unter das Dach füllten. Schließlich wird viel geboten, denn Cathérine Scherner hatte wieder alle ihre Leute im Boot.


Der Nachwuchs stellt sich vor

Natürlich begann der Nachmittag mit dem Nachwuchs, der seinem Auftritt schon heftig entgegenfieberte. Das sind die Kinder der Pre-Ballett-Gruppen, der Vorstufe und des Kinderballetts, die von Ulrike Lorösch geleitet werden. Die Geschichte, die diese weit über 30 Kinder in mehreren Gruppen vorführten, war gut gewählt - das Kinderbuch "Das kleine Ich bin ich" von Mira Lobe - und erinnerte ein bisschen an das Dschungelbuch: Das "kleine Ich" weiß nicht, wer es ist. Es begegnet Insekten, Fröschen, Fischen, Vögeln, Pferden und Hunden und versucht, sich ihnen anzupassen, um endlich irgendwo dazuzugehören - aber es funktioniert nicht richtig. Bis das kleine Ich erkennt: "Ich bin ich" und mit neuem Selbstbewusstsein und allen Tieren den Kehraus tanzt.

Mariella Mohr war das kleine Ich, das auch die "Selbstfindungssequenzen" zwischen den Auftritten der Tiergruppen tanzte.
Natürlich war es amüsant, die tanzenden Kinder zu beobachten. Aber man konnte auch die farbenfrohen, tierangepassten Kostüme bewundern oder die gut ausgewählte Musik. Und man konnte drei Gruppen von Ballettkindern unterscheiden: die, die schon gelernt haben, was balletttypische Bewegung bedeutet, und sie umsetzen; die, die das gelernt, aber nach ein paar Schritten auch wieder vergessen haben; und die, die das schon alles gesehen, aber noch nicht wirklich auf sich bezogen haben - noch nicht. Und dann auch die, die vor lauter aufgeregter Begeisterung fast ihren Abgang verpasst hätten. Auch Zwerge haben klein angefangen.


Der Aufwand hat sich gelohnt

Aber der enorme Aufwand, der für diese 35 Minuten getrieben werden musste, macht durchaus Sinn: Die Kinder können sich auf der Bühne bemerkbar machen, aber sie lernen gleichzeitig auch, auf andere Rücksicht zu nehmen.
Im zweiten und dritten Teil ging's dann schon heftiger zur Sache mit meist kurzen Sequenzen. Die meisten Choreographien - wie auch die sehr gut passende Musikauswahl aus allen Epochen und Genres - stammte von Cathérine Scherner, zum Teil auch entstanden mit der Gruppe in der Phase der Einstudierung. Sie zeigten sehr gut Möglichkeiten und Erreichtes, etwa bei "I Come From the Ocean", einer Bewegungsstudie mit Tüchern zur Wellenmetaphorik oder bei "Turkey Trot" (Truthahn-Trab) nach der Musik von Leonard Bernstein, der zeigte, wie man das Stolzieren des Federviehs schmunzelnd in das Ballett übertragen kann. Oder bei "Der Querenburger" (Ch.: Ulrike Lorösch), einem rhythmisch markantem Rheinischen im gemütlichen Viervierteltakt, bei dem es vor allem das Stampfen zu synchronisieren galt. Bei der komödiantischen kleinen Spielszene "Arlequinades et taquinades" um Harleqin und Pierrot nach Musik von Mozart gab es das erste Mal Spitzentanz, wenn auch - noch - nicht von allen.


Ein Pas de trois für zwei

"Le parfum déchiré" (Der zerrissene Duft) war ein sehr intensiv getanzter, stark gestalteter Pas de trois für zwei Personen: einen Mann und eine Frau, die allerdings in zwei Phasen der Liebe zu ihm. Benjamin Jorns, der (mit Eva Werner und Ulrike Müller) den Er tanzte, sollte gut behandelt werden. Er ist der einzige (!) Mann der Compagnie.
Cathérine Scherner hatte auch ehemalige Schülerinnen zu Choreographien eingeladen: Gloria Götz entwickelte mit Melanie Dix, Antonia Kugler und Verronika Lenart einen klassischen Pas de quatre auf einen Walzer aus "Coppelia" von Léo Délibes. Und sie erarbeitete eine Gruppenchoreographie zu dem Gedicht "Liebe besiegt die Zeit" von Stefan Zauner. Ina Geisler machte es sichtlich Spaß auf der leeren Bühne ohne jede Behinderung auf die Musik von Johann Strauß ganz für sich eine verspielte, ein bisschen kratzende Katze zu springen und zu tanzen - und alle Welt schaute zu.
"Earnestly Yours" war eine getanzte Studie zwischenmenschlichen Verhaltens von Silke Straub und Nina Voigtländer-Raab. "Digital Natives" hieß die Choreographie von Laura Wolf, eine gruppendynamische Studie über Menschen im Konflikt zwischen Vereinnahmung und Distanzierung gegenüber der digitalisierten Welt.
Es war ein höchst abwechslungsreiches Programm, das trotz seiner drei Stunden Dauer nie langweilig wurde, weil sich nichts wiederholte. Und es war ein Programm, das auf die Elemente des kraftbetonten klassischen Balletts völlig verzichten konnte, auf mächtige Sprünge, auf kraftraubende Hebefiguren, auf schwindelnd machende Pirouetten. Denn es konnte auf die Kraft des erzählenden Tanzes, des Ausdrucks vertrauen.
Obwohl da die 13. Nummer vor dem großen Finale mit allen Beteiligten etwas aus der Reihe tanzte: "Barockreminiszenz in neun Szenen" hieß sie, getanzt von drei Gruppen im Wechsel. Das war ein Streifzug durch das Lehrbuch des höfischen Tanzmeisters mit all seinen Verbeugungen und Drehungen und stolzierendem Schreiten in absoluter Ernsthaftigkeit und zu Förmlichkeit geronnener Humorlosigkeit. Aber das Lächeln in den Gesichtern der Tänzerinnen (und des Tänzers) zeigte sofort, dass das alles nicht so ganz ernst gemeint war. Ein wunderbarer Schluss.

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