Bad Kissingen

Die Welt ist schief

Beginn des Bad Kissinger Kabarettherbstes mit Thomas Reis und seinem Programm "Endlich 50!" im Kurtheater.
Thomas Reis im Bad Kissinger Kurtheater. Klaus Werner
Thomas Reis im Bad Kissinger Kurtheater. Klaus Werner

"Was ist los mit dieser Welt?", fragte der Kabarettist Thomas Reis im Rahmen seines Auftritts im gut besuchten, aber nicht ausverkauften Kurtheater - und mit seinem gnadenlos semantischen Sarkasmus lieferte er selten Antworten, aber genügend Denkanstöße, die die Themenpalette von A wie AFD, bis hin zum männlichen Y-Chromosom, zur Freude des Publikums abdeckte.

Der Start in den Bad Kissinger Kabarettherbst machte dem Namen der Kulturreihe alle Ehre, denn leichte Comedy-Kost wurde weder von den Gästen erwartet noch vom Künstler geboten. Vielmehr war es ein plakativer, aber mit inhaltlicher Tiefe und rhetorischen Feinheiten versehener Ritt durch die aktuellen Schlagzeilen, den nur jemand auf die Bühne bringen kann, der seit über 30 Jahren auf derselben steht. Dabei könnte der Programmtitel "Endlich 50!" zu der Annahme verführen, dass mit einer gewissen Altersweisheit auf solche Entwicklungen geblickt wird. Doch weit gefehlt. Thomas Reis verbindet die Themen so kunstvoll miteinander, dass nach Jogi Löw "höggschde Konzentration" vom Zuschauer gefordert ist, um jede Pointe, jeden Themenwechsel mitzubekommen. Auch wenn Thomas Reis auf der Bühne in sparsamen Gesten sinnlose Resignation inszeniert oder sich in künstlicher Aufregung echauffiert, so überlässt er doch dem Zuschauer die Reaktionen, die vom Lachen über platte Sprüche zu "Melinas Möpsen", über spontanen Applaus zu Aussagen zum AFD-Populismus bis hin zur stillen Betroffenheit reicht, wenn er den "homöopathischen Regierungsstil" Merkels analysiert: "Sie macht nix, aber es hilft."

Thomas Reis nutzt für sein Programm die Wiedererkennbarkeit der Themen und baut darauf, dass das Publikum nur aufgrund von Stichwörtern die Themen zuordnen kann. Ob er die Weihnachtsgeschichte gendert und um "Jesus und Jesui" erweitert, ob er Merkels "S-Störung" mit den Namen von Stoiber, Schröder oder Schulz analysiert, ob er die TV-Köche als "Ingwer-Streichler" bzw. "Schnipsel-Schamane" bezeichnet oder Boris Johnson eine "Insel-Begabung" attestiert - mit nur wenigen Anmerkungen durcheilt er die aktuelle Zeitgeschichte, bevor er sich einem anderen Thema zuwendet. Ausführlicher wird er zu populistischen Strömungen rund um AFD und Pegida , wobei er virtuelle Gespräche mit "Wir-sind-das-Volk-Anhänger" nutzt, um einerseits die Inhaltslosigkeit des Populismus zu entlarven und andererseits die Gefahr der "rechtsdrehenden Radikale" aufzuzeigen. "Wenn man als Demokrat Rücksicht auf Nazis fordert, dann ist das wie Selbstmord aus Todesangst ", so seine ätzende Kritik an Äußerungen von Politikern.

Zielgruppengerecht auf sein eher älteres Publikum abgestimmt sind seine zwischenmenschlichen Themen wie "Kinder aus dem Haus", wenn er verständnisvolles Gelächter mit der Feststellung erntet, dass die 23-jährigen Kinder abends vom ganztägigem Chillen kaputt sind bzw. statt zu leben "vor sich dahin kompostieren". In der Piercing-Manie sieht er die zusätzlichen Löcher als Vorteil für die Ablage, in der Vegan-Hysterie sieht er das vorweggenommene Sterben, "denn die beißen jeden Tag ins Gras", im Tattoo-Trend das Gipfelkreuz auf dem Venushügel als Hilfe für Unaufgeklärte und sieht den Vorteil, dass sich die Glatzenträger durch ausuferndes Tätowieren farblich den Menschengruppen anpassen, die sie nicht nur in ihren Parolen angreifen.

Seinen Sarkasmus verpackt Reis in oft unaufgeregte Wortverdrehungen, deren Betroffenheitseffekt erst mit Zeitverzögerung einsetzt - oft erst nach dem spontanen Abarbeiten des Zwerchfellstimulus. Seinen roten Faden gewinnt dieser humorvolle, durchaus tiefgründige Abend durch diese kreativen Wortschöpfungen und so mancher Erkenntnis in Bezug auf die Ausgangsfrage: "Der Turm ist gerade! Die Welt ist schief!" - so das Ergebnis der neuesten Pisa-Studie.

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