Bad Kissingen

Dracula rockt die Theaterbühne

Umwerfender Ballettabend: Das Ensemble des Theaters Hof begeisterte mit Dracula das Publikum im Kurtheater.
Die Vampire greifen an: In tollen Ensemble-Choreographien in Bewegung, aber auch in romantisch ruhigen intimen Szenen begeisterte das Hofer Ballett das Publikum des Theaterrings.  Foto: Thomas Ahnert
Die Vampire greifen an: In tollen Ensemble-Choreographien in Bewegung, aber auch in romantisch ruhigen intimen Szenen begeisterte das Hofer Ballett das Publikum des Theaterrings. Foto: Thomas Ahnert

Sie haben es mal wieder geschafft, das Ensemble des Theaters Hof! Sie haben das Publikum des Bad Kissinger Theaterrings gerockt, schon in der zweiten Applausrunde aus den Sitzen geholt und mit einem solchen Jubel, Bravos für alle gefeiert, dass so mancher Zuschauer die vorsorglich wegen der vielleicht etwas lauten Rockmusik verteilten Ohrenstöpsel erstmals zu dieser lautstarken Feier eines umwerfenden Ballettabends in die Ohren steckte. Die Mütter dieser Sensation konnten sich leider nicht feiern lassen, denn die Hofer Uraufführungs-Premiere fand schon am 24. Januar im dortigen Großen Haus statt.

Mit Daniela Meneses hatte Theaterleiter Reinhardt Friese eine aus Chile stammende, weltweit aktive Tänzerin und Tanzlehrerin ans oberfränkische Haus geholt und damit nicht nur seinen Zuschauern, sondern offensichtlich auch seiner Compagnie ein Riesengeschenk gemacht. Ihre abwechslungsreiche Choreographie fügte sich aus unterschiedlichen Rocknummern der großen Bands des 20. Jahrhunderts zusammen wie "There's no place for us" von Queen, "Welcome to the jungle" von Guns N' Roses, "Is there anybody out there" von Pink Floyd, "Sympathy for the Devil" von den Stones oder "We shall rock you" von Queen, zu dem das Publikum am Schluss auch auf den Plätzen rockte, zusammen. Und das machte aus Bram Stokers alter Geschichte um den Grafen Dracula ein so dichtes, spannendes Gesamtkunstwerk, dass es eher wie ein geschlossenes Musical als eine Abfolge von Nummern wirkte, wie das beim Ballett doch eigentlich üblich ist.

Phantasievolles Bühnenbild

Meneses machte aus ihrer Geschichte von Dracula ein riesiges Erzählballett, zu dem die Bühnenbildnerin Annette Mahlendorf mit unbändiger Phantasie eine staunenswerte Bühneneinrichtung beisteuerte. Durch Bilder und Filme auf der Rückprojektionsleinwand des Theaters konnten blitzschnell Draculas Schloss, die Fahrt mit einem alten Ozeansegler durch richtige Meereswellen, der Friedhof der Vampire, Minas modernes Krankenzimmer mit Londoner Regen an den Fenstern, durch Öffnen und Schließen der Leinwand bis hin zur hinteren Bühnenwand entstanden immer neue Raumeindrücke für das staunende Publikum. Auch der Aufwand an geschickt eingesetzter Beleuchtung war verblüffend, die Anpassung von der großen Hofer Bühne mit geschwungener Freitreppe an die kleine Kissinger mittels eines Podests war wohlüberlegt, und die verschiedensten Lichtstimmungen, Farben, Spots und Washer überraschten den Zuschauern mit immer neuen Eindrücken, die die über zweistündige Aufführung absolut kurzweilig machten. Annette Mahlendorfs Kostüme wechselten wie die Schauplätze zwischen unserer heutigen Zeit und der düsteren Welt der schaurig-gruseligen Phantasiewelt des spätromantischen 19. Jahrhunderts.

So viele Spielmöglichkeiten, so viel Einfallsreichtum in der Gestaltung zeigte Daniela Menenes auch in ihrer Choreographie. Und es ist ihr damit offensichtlich gelungen, die junge Hofer Compagnie zu begeistern, denn sie ließen die Schwierigkeiten des begrenzten Raumangebots auf der Kissinger Bühne völlig vergessen, hielten das hohe Spieltempo durchgehend aufrecht und zeigten aufgrund der Versiertheit ihrer Choreographien zu Musik des 20. Jahrhunderts großes klassisches Ballett.

Riesige Szenen für die Compagnie als Vampire, Dorfbevölkerung beschäftigten immer wieder die gesamte Compagnie, gaben den Solisten Verschnaufpausen und dem Publikum Sehfutter wie etwa beim fulminanten Auftakt zum 2. Teil mit "Heaven and Hell" von Black Sabbath , nach dem das Publikum in spontanen Szenenapplaus ausbrach: Da gab es zu Lucys Verlobungsfeier eine Riesenbühne, bis zur Rückwand geöffnet und einen schicken Salon oder als Bedrohung des Vampirjägers Van Helsing diesen bedrängenden in dem sechs Paare ihr Können zeigten. Aber auch für ihre Solisten hatte die Choreographin wunderbar romantische Pas-de-deux mit ganz klassischen Hebefiguren, aber auch mit Mitteln des Ausdruckstanzes gestalteten Partien für seine Protagonisten Aurelian Child-de Brocas als Dracula und Kanako Ishiko als Mina, aber auch Draculas Verführungstanz mit Minas Freundin Lucy (Mar Reig Copovi), bei der Dracula der alles verändernde Biss gelingt. Für Dracula und Mina gab es auch Soli, die in der Tradition des 19. Jahrhunderts deren innere Verfassung zeigten.

Wesentliche Rollen wie etwa Norbert Lukaszewski als Jonathan Harker, Andrea Frisano als Doktor von Helsing und David Santos Ollero als Renfield waren ausgezeichnet besetzt; die Männer, aber auch die jungen Damen brillierten mit eindrucksvollen Sprüngen und Präzision in den Zweier- und Dreiergruppierungen. Am Ende verlässt die Choreographie die Traumwelt, Dracula bleibt als unglücklich Liebender zurück, während sich Mina aus seinen Armen in die junge Frau im Krankenbett des Beginns zurückverwandelt, in dem sie sich in den Alptraum vom vampirverseuchten 19. Jahrhundert geschlafen hat; Kanako Ishiko geht im Straßenkleid fröhlich von der Bühne. Und das Publikum tobte, schrie, jubelte so heftig, dass die Tänzer immer überraschter schauten angesichts der vielen älteren Semester im Parkett. Die Hofer haben mal wieder für einen Meilenstein in der Geschichte des Theaterrings gesorgt.

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