Münnerstadt

Ein erstes Aufatmen nach der Krankheit

Über die Corona-Situation im Thorax-Zentrum Münnerstadt und im Allgemeinen sprach unsere Zeitung mit dem ärztlichen Direktor und Chefarzt der Abteilung Pneumologie, Dr. Bernd Seese, und mit Betriebsleiter Christian Imhof.
Eine Beatmungspatientin auf der Intensivstation bei der Entwöhnung von der  maschinellen Beatmung --   das Bild entstand vor Corona und deshalb ohne Maske. Ziel der Entwöhnung ist es, schrittweise wieder zu einer  eigenständigen Atmung und somit mehr Lebensqualität und Selbstbestimmtheit  zu verhelfen.  Foto: Claudia Löwinger       -  Eine Beatmungspatientin auf der Intensivstation bei der Entwöhnung von der  maschinellen Beatmung --   das Bild entstand vor Corona und deshalb ohne Maske. Ziel der Entwöhnung ist es, schrittweise wieder zu einer  eigenständigen Atmung und somit mehr Lebensqualität und Selbstbestimmtheit  zu verhelfen.  Foto: Claudia Löwinger
Eine Beatmungspatientin auf der Intensivstation bei der Entwöhnung von der maschinellen Beatmung -- das Bild entstand vor Corona und deshalb ohne Maske. Ziel der Entwöhnung ist es, schrittweise wieder zu einer eigenständigen Atmung und somit mehr Lebensqualität und Selbstbestimmtheit zu verhelfen. Foto: Claudia Löwinger

Ende Februar besuchte der Würzburger FDP-Bundestagsabgeordnete Professor Dr. Andrew Ullmann das Thoraxzentrum des Bezirks auf dem Michelsberg. Zusammen mit einigen Ärzten machte er einen Rundgang. Die Gruppe stieß in der Isolierabteilung, in der TBC-Patienten aus ganz Unterfranken und darüber hinaus behandelt werden, auf ein Schild "Corona-Notfallwagen - muss immer stehen bleiben" an einer Wand. Daneben stapelten sich in einem Regal Schutzanzüge, Schutzmasken, Handschuhe und anderes. "Das Schild hängt schon seit Wochen", und "wir haben für alle Fälle einen Schlachtplan, wie es gemacht wird", erfuhr der Gast aus dem Bundestag damals. Wie ist die Lage nun fünf Monate später in dieser Klinik , die auf die Behandlung von Lungenkrankheiten spezialisiert ist? Unsere Zeitung sprach mit dem ärztlichen Direktor und Chefarzt der Abteilung Pneumologie , Dr. Bernd Seese und mit Betriebsleiter Christian Imhof.

Wie in anderen Kliniken auch mussten, vor allem dank der staatlich verordneten Vorsichtsmaßnahmen, nicht ganz so viele Patienten behandelt werden, wie ursprünglich befürchtet. Aber eine Entwarnung bedeutete das für die Mitarbeiter der Klinik nicht. "Wir müssen weiter wachsam sein", betont der ärztliche Direktor für die Zukunft. Auf einer Station des Thorax-Zentrums ist immer noch die Hälfte der Betten in einem sogenannten Screeningbereich für Personen mit Atemwegsbeschwerden, die ein Corona-Risikopotenzial haben, reserviert. Bei den hier eingelieferten Patienten werden Abstriche gemacht, und nachdem das Ergebnis am Abend oder spätestens am nächsten Morgen bekannt ist, werden sie in die entsprechende Abteilung überwiesen.

Zehn positive Tests

Diejenigen Patienten , die positiv getestet wurden, oder bei denen ein klarer klinischer Verdacht bestand, kamen auf die Isolierstation. Insgesamt 314 Personen wurden im Thoraxzentrum getestet, zehn Tests waren positiv. Vier Patienten mussten in der Intensivstation mit Sauerstoff beatmet werden. Alle sind inzwischen wieder vom Sauerstoff entwöhnt, und bis auf einen daheim. Die Verweildauer der Patienten war natürlich sehr unterschiedlich. Manche konnten erst nach einem Vierteljahr wieder entlassen werden. Vier Patienten wurden aus anderen Kliniken übernommen, damit diese ihre Intensivstationen wieder mit Patienten füllen konnten.

Diejenigen Corona-Patienten, die es am schlimmsten traf, mussten über die Luftröhre mit Sauerstoff versorgt werden, um sie überhaupt am Leben zu halten. Sie bekamen Schlafmittel , damit sie im künstlichen Koma blieben und beatmet werden konnten. "Die Aktivierung der Blutgerinnung bei den Patienten war ein Nebenschauplatz" schildert Dr. Seese und ergänzt, dass bei manchen von ihnen Blut außerhalb des Körpers gefiltert und mit Sauerstoff versorgt werden musste. Nur bei einem kleineren Prozentsatz der Patienten , die nicht ganz so kritisch dran waren, konnten nach zehn oder 14 Tagen wieder die Beatmungsschläuche aus der Luftröhre gezogen werden können , und alles war halbwegs in Ordnung. Die Wochen im Koma setzten manchen sehr zu. "Die Atem-Muskulatur baut in kürzester Zeit ab", erklärt er, um nur eine der möglichen negativen Folgen für die Patienten aufzuzählen. Die anschließende Atem-Therapie zum Wiederaufbau der Atem-Muskulatur könne bis zu acht Wochen dauern, je nachdem wie vorgeschädigt die Patienten sind. Manche brauchen, nachdem die Beatmungsschläuche entfernt sind, auch weiterhin für einige Zeit Unterstützung für ihre Beatmung durch eine Sauerstoffmaske. Diese können sie auch einmal absetzen und sprechen. Nach der pneumologischen Rehabilitation folgt die Früh-Rehabilitation für Patienten , die noch nicht in die normale Reha können. Dafür stehen in der Thoraxklinik vier Betten zur Verfügung. Die Patienten werden hier unter anderem von einem Psychologen betreut, denn sie waren lebensgefährlich erkrankt und haben vielleicht Ängste und Depressionen. Die meisten haben schwere muskulöse Defizite oder Schwierigkeiten beim Sprechen. Auch die Ernährung muss entsprechend eingestellt werden, damit sie wieder zu Kräften kommen. Diese Früh-Rehabilitation soll auch dazu dienen, dass die Patienten wieder daheim leben können und möglichst nicht ins Pflegeheim müssen.

Unglaublich lange Erholungsdauer

"Wir haben ein komplettes Angebot. Die Früh-Rehabilitation schließt eine Lücke. Wir sind die einzigen in der weiteren Umgebung, die das anbieten können", sagt Betriebsleiter Christian Imhof, und der ärztliche Direktor ergänzt: "Wir machen Krankenhäusern das Angebot, uns ihre Patienten dafür zu uns zu schicken". Neben dieser Früh-Reha hat die Klinik auch 20 normale Reha-Plätze. Insgesamt fiel Dr. Seese die unglaublich lange Dauer auf, bis die Patienten wieder erholt waren. Sonst dauere es bei Viren-Erkrankungen höchstens drei bis vier Wochen.

Die Arbeit für das Personal war sehr anstrengend, erzählen der ärztliche Direktor und der Verwaltungsleiter. Ärzte , Krankenschwestern und Pfleger, und alle, die sonst mit den Patienten in Berührung kamen, mussten sich schützen, was recht kompliziert war. "Der Ressourcenverbrauch war gigantisch und damit die Müllberge riesig", sagt Christian Imhof. Allein die Corona-Tests waren aufwendig, zum Glück waren die meisten negativ. Er berichtete, dass es nie wirkliche Engpässe mit Atemmasken oder Schutzanzügen gegeben habe, aber gelegentlich sei man schon fast an der Grenze angelangt. Deshalb seien gebrauchte Schutzmasken gesammelt worden, um sie reinigen zu können. Die wurden dann aber doch nicht gebraucht. "Kein Mitarbeiter, von der Pforte bis zum Einkauf und natürlich nicht das medizinische Personal, konnte sich der Coronawelle entziehen", betonte er.

Mitarbeiter ziehen sehr gut mit

Innerhalb kürzester Zeit habe die IT-Abteilung für viele Mitarbeiter Home-Office-Plätze eingerichtet. Der ärztliche Direktor und der Verwaltungsleiter dankten allen Mitarbeitern, "dass sie trotz der großen Probleme durch die Corona-Pandemie sehr gut mitgezogen haben und immer für die Patienten da waren". Bernd Seese berichtete von einem besonderen positiven Erlebnis. Einer seiner Patienten war so krank, dass er nicht einmal mehr gehen konnte - "jetzt läuft er wieder".

Die Gefahr einer großen zweiten Welle sieht der Mediziner eher nicht, fürchtet aber, dass immer wieder Hotspots auftauchen. Viele Personen, die sich aus irgendeinem Grund krank fühlten, seien während der Corona-Hochzeit nicht zum Arzt gegangen und kämen erst jetzt zur Behandlung in die Kliniken .

Zahlen und Daten

Fachgebiete: Das Thoraxzentrum auf dem Michelsberg ist eine Einrichtung des Bezirks Unterfranken. Folgende Fachgebiete sind vertreten: Pneumologie einschließlich Onkologie und Tuberkulose, Thoraxchirurgie , Anästhesiologie, Allergologie, Somnologie ( Schlaflabor ), Lungenfunktionsdiagnostik, Radiologie, Atemphysiotherapie, Anschlussheilbehandlung nach thoraxchirurgischen Operationen und schweren Lungenerkrankungen.

Mitarbeiter: Insgesamt etwa 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versorgen pro Jahr etwa 3300 Patienten aus ganz Unterfranken und auch darüber hinaus.

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