Maßbach

Eine ziemlich heftige Party

Im Intimen Theater wird Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" gespielt mit einer absolut mitreißenden und begeisternden schauspielerischen Umsetzung.
Die Schauspieler Anna Schindlbeck (von links), Ingo Pfeiffer, Lukas Redemann und Sandra Lava brillieren in dem Stück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf? im Intimen Theater Maßbach. Foto: Sebastian Worch
Die Schauspieler Anna Schindlbeck (von links), Ingo Pfeiffer, Lukas Redemann und Sandra Lava brillieren in dem Stück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf? im Intimen Theater Maßbach. Foto: Sebastian Worch

Jetzt hat es der amerikanische Dramatiker Edward Albee , wenn auch erst vier Jahre nach seinem Tod, doch noch geschafft, mit seinem Schauspiel "Wer hat Angst vor Virginia Woolf ?" auf die Bühne des Maßbacher Theaters zu schaffen.

Lena Hutter hatte es immer abgelehnt, das Stück, das 1961 seine Uraufführung erlebte und spätestens in der Verfilmung mit Liz Taylor und Richard Burton , deren (Ehe-)Leben als Projektionsfläche natürlich bestens geeignet war, weltweit Beachtung fand, in den Spielplan aufzunehmen. Freilich, damals waren die Provokations- und Hemmschwellen anders. Damals - gut, ein bisschen später - konnte auch der Nobel-Problembär Peter Handke mit seinen "Publikumsbeschimpfungen" noch für empörte Schlagzeilen sorgen. Heute schmunzelt man über sein Stück. Aber er hat ja auch andere Strategien gefunden, um sich in der Diskussion zu halten.

Über Albees "Wer hat Angst ..." schmunzelt man auch heute noch nicht, zumindest nicht textbedingt. Die Geschichte ist eigentlich ganz einfach. Da sind Martha und George, die vor rund 22 Jahren geheiratet haben und die in der absoluten Provinz der Ostküste gestrandet sind. "Neu-Karthago" heißt das Kaff. Das klingt schon nach unausweichlichem Untergang , und es hat eine ebenso provinzielle Universität. George hat dort eine Professur für Geschichte.

Hemmungsloser Streit

Eines Abends kommen die beiden mitten in der Nacht ziemlich angetrunken - anders lässt sich das wohl nicht überstehen - von einem College-Empfang, nach Hause. Und die beiden, die sich eigentlich lieben, beginnen mal wieder ihr Ritual. Sie geraten in einen hemmungslosen Streit, in dem es keine Tabus und keine roten Linien mehr gibt. Man wird den Eindruck nicht los, dass das für die beiden die einzige Möglichkeit und Zeit ist, der Fremdbestimmung durch ihre Umgebung zu entgehen. Da können sie ganz sie selbst sein, da verschwimmen Realität und Erzähltes, da streiten sie sich bis auf Blut über einen 21-jährigen Sohn, den sie wahrscheinlich gar nicht haben.

Das Ganze könnte gut ausgehen, denn irgendwann würden sie einschlafen, und am nächsten Morgen wäre von dem ganzen Streit nur noch ein Brummschädel übrig. Aber dummerweise haben sie, als sie den Empfang verließen, Nick und Putzi noch auf einen Absacker zu sich eingeladen. Die zwei könnten ihre Kinder sein; sie haben erst vor kurzem geheiratet, als Putzis Scheinschwangerschaft das nahelegte. Nick ist ein Kollege von George, allerdings als Biologe. Als die beiden eintreffen, geraten sie völlig arglos in die auf Hochtouren laufende Kampfmaschine. Natürlich versucht vor allem Nick mit seinem männlichen Beschützerinstinkt, allmählich gegenzuhalten. Klar, dass er scheitert. Als er sich mit Putzi schließlich gruß- und hilflos zurückzieht, erlahmt auch die Kampfeslust bei Martha und George. Die Normalität beginnt sich das Terrain zurückzuerobern.

Wer bis hier her gekommen ist, wird sich jetzt vielleicht sagen: "Warum soll ich mir das anschauen, wenn ich das zuhause selber habe?" oder, mehr oder weniger ehrlich: " So geht's bei uns - hoffentlich - nie zu." Wer jetzt im Sessel sitzen bleibt, verbringt möglicherweise den üblichen ruhigen Abend, aber er verpasst über das Stück hinaus etwas, das über den Text hinausgeht: eine absolut mitreißende und begeisternde schauspielerische Umsetzung.

Und die ist gar nicht so einfach. Denn es wird viel gefordert, aber auch geboten. Albee hat in dieses Kammerspiel für vier Personen enorm viel hineingepackt: Realismus und absurdes Theater , Psychoanalyse und Rollenverhalten, Emanzipatorisches und einfach nur Aggressives, Dummes und ausgeklügelt Hinterhältiges. Kein Wunder, dass - im Gegensatz zum Zuschauer - die Darsteller bis an die Grenze gefordert sind.

Die kleine Guckkastenbühne des Intimen Theaters kommt ihnen da zwar entgegen, weil sie im Gegensatz zu den großen Häusern das Geschehen konzentriert und fokussiert. Aber andererseits hat Patrick Schmidt in seinem Bühnenbild die Haltlosigkeit dieser unberechenbaren Kämpfe auch optisch erfahrbar gemacht: In einem absolut schmucklosen, sich nach hinten stark verjüngenden Raum sorgt der nach vorne geneigte Boden für keinerlei Halt oder nutzbaren Standpunkt. Das einzige Requisit ist ein Handwagen, in dem die Bar untergebracht ist. Wer an den Alkohol rankommen will - und das wollen alle - muss eine zweiflügelige Klappe öffnen, um ihn heraufzuholen. Wobei die Klappen auch zu recht spartanischen Sitzgelegenheiten werden können.

Susanne Pfeiffer hat das Stück mit einer tollen Akribie ohne den geringsten Leerlauf inszeniert. Sie hat die Dialoge, die zum pointierten Abliefern verleiten mit einer ganz genauen Personenregie und einen beklemmend natürlichen Fluss mit hohem Tempo gebracht, und damit auch die hintersten Spannungen zwischen ihren Figuren entwickelt.

Sie hat ihr Quartett dazu gebracht, ohne Vorbehalt aus sich herauszugehen. Denn da agieren keine Adonisse und Adonissen, die ein bisschen schwanken und nuscheln, sondern Menschen, die mehr oder weniger die Kontrolle über sich verloren haben.

Mit einer Piepsstimme

Und sie zeigt trotzdem vier verschiedene Charaktere, die alle nicht zum Sympathieträger taugen - nicht einmal die etwas naive Putzi (Anna Schindlbeck), die den ganzen Abend mit einer nervenden Piepsstimme redet, als hätte sie Helium inhaliert (das muss man erst mal durchhalten) und die sich der ständigen Überforderung durch ebenso ständiges Kotzen entzieht (Keine Sorge! Das geschieht im Off und wird auch nicht akustisch manifestiert.) Nick (Lukas Redemann) ist der nette, aber durchaus humor- und fantasielose Wissenschaftler, der immerhin versucht, sich von seiner Contenance zu verabschieden und in das Spiel einzusteigen, aber trotzdem von niemandem mehr ernst genommen wird.

Natürlich sind George (Ingo Pfeiffer) und Martha (Sandra Lava) die treibenden Kräfte: Er, der Kontrolliertere, der Zyniker, der versucht, die Fäden in der Hand zu behalten und der mit den anderen spielt wie ein Kater mit den gejagten Mäusen - der dieses Spiel eigentlich gar nicht nötig hätte, um Dominanz zu erreichen und zu sichern. Und sie, die Alkoholikerin, die eigentlich mal wieder eine Entziehungskur bräuchte und die die anderen mit ihrer Unberechenbarkeit überfällt und doch auch immer wieder mal lichte Momente hat. Eine ziemlich heftige Party. Und trotzdem kann man auch immer mal wieder lachen, weil sich die Vier immer wieder mal wunderbar in die Lächerlichkeit spielen.

Karten für das Stück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf ? gibt es für die Januar-Vorstellungen

am 24., 25., 26. Januar nur noch einzelne, ebenso für den 1., 7. und 15. Februar. Noch viele Karten gibt es für die Vorstellungen am 2., 8., 9., 16., 22., 23., 29. Februar und 1. März.

Telefonische Kartenreservierung: 09735/235 Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 9 bis 16 Uhr, Mittwoch und Samstag 9 von 13 Uhr md

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