Bad Kissingen

Gedenkstücke aus Holz gedrechselt

Azubis fertigen in der Drechslerei der Berufsschule Werkstücke für das Projekt "Denkort Deportationen".
Quirin Steiner (20) und Takayo Miura (24) mit ihren Werkstücken, dahinter Fachlehrer Wolfgang Miller (zweiter von links) und die anderen Berufsschüler mit kleinen Modellen  Foto: Sigismund von Dobschütz       -  Quirin Steiner (20) und Takayo Miura (24) mit ihren Werkstücken, dahinter Fachlehrer Wolfgang Miller (zweiter von links) und die anderen Berufsschüler mit kleinen Modellen  Foto: Sigismund von Dobschütz
| Quirin Steiner (20) und Takayo Miura (24) mit ihren Werkstücken, dahinter Fachlehrer Wolfgang Miller (zweiter von links) und die anderen Berufsschüler mit kleinen Modellen Foto: Sigismund von Dobschütz

Fünf Paare gleichartig gedrechselter "Wolldeckenrollen" aus Eichenholz warten in der Drechslerei der staatlichen Berufsschule auf letzte Handgriffe, bevor jeweils eines der Paarstücke nach Würzburg gebracht wird, die Zwillingsstücke aber bei einem Festakt im Mai an vier Gemeinden im Landkreis übergeben werden sollen. Das fünfte Zwillingsstück verbleibt in der Berufsschule.

Mit ihrer Arbeit beteiligen sich die neun Auszubildenden aus drei Lehrjahren im Drechsler-Handwerk an dem 2017 von der Würzburger Stadträtin Benita Stolz (Die Grünen) angestoßenen Projekt "DenkOrt Deportationen" zur Erinnerung an die jüdischen NS-Opfer aus Unterfranken.

Ungewöhnliche Idee

Die in Würzburg gesammelten und nach vorgegebenen Maßen aus unterschiedlichem Material paarweise gefertigten Nachbildungen von Koffern, Rucksäcken und Wolldeckenrollen, die von unterfränkischen Künstlern wie dem Maßbacher Drechsler Wolfgang Miller geschaffen werden, sollen am neuen "Denkort" am Würzburger Hauptbahnhof an die Deportation jüdischer Mitbürger in den Jahren 1941 bis 1944 erinnern, denen nur die Mitnahme eines Koffers, eines Rucksacks und einer Wolldeckenrolle erlaubt war.

Auf die ungewöhnliche Idee, die Schüler seiner Bad Kissinger Berufsschulklasse, der deutschlandweit einzigen für das klassische Drechsler-Handwerk, an diesem Projekt sich beteiligen zu lassen, kam Fachlehrer Miller, da er selbst zuvor vom Maßbacher Bürgermeister Matthias Klement ( CSU ) gebeten worden war, für die Ortsteile Maßbach und Poppenlauer vier hölzerne Koffer zu drechseln. Für seine neun Schüler aus ganz Deutschland im Alter zwischen 16 und 24 Jahren wählte er das Motiv Wolldeckenrolle. "Der Rucksack wäre doch schon Bildhauerei." Nach der Projektvorstellung im vergangenen Herbst durch Ideengeberin Stolz und einer fachlichen Einführung von Lehrer Miller, musste zunächst im Sägewerk ein passender Eichenstamm in gleichformatige Vierkanthölzer zersägt werden, um daraus die 80 Zentimeter breiten Werkstücke mit 25 Zentimetern Durchmesser herstellen zu können. Bei der Fertigung waren der künstlerischen Kreativität der Jugendlichen keine Grenzen gesetzt. Die zur Ausbildung in Bremen lebende Japanerin Takayo Miura (24) arbeitete Wolldeckenbündel und Gurt in einem Holzstück, andere umwickelten ihre hölzerne Wolldeckenrolle mit einem Ledergürtel oder Strick. Auffällig ist das Werkstück von Quirin Steiner (20): Sein hölzernes Bündel ist mit Stacheldraht umschnürt. "Der Stacheldraht ist für mich das Symbol für Gefangenschaft und Grausamkeit."

Bei der Projektarbeit war von den Jugendlichen nicht nur handwerkliches Geschick gefordert, zumal statt der klassischen Drechslerei fast schon Bildhauerei abverlangt wurde, sondern auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema der Deportationen und des Holocaust . "Anfangs war ich etwas verwirrt", gibt Steiner offen zu. "Nachdem wir uns aber mit dem Thema inhaltlich auseinandergesetzt hatten, wurde es spannend." Alle anderen Azubis, die sich zuletzt im Schulunterricht mit dem Thema hatten beschäftigen müssen, empfanden es ähnlich. Holocaust und Auschwitz war allen ein Begriff. Der 20-jährige Akhtar M. Zeeshan aus Pakistan hat während der Projektarbeit seine Schulkenntnisse im Internet aufgefrischt und Japanerin Takayo Miura hat zusätzlich Bücher gelesen: "Die Geschichte muss man kennen."

Alle Drechsler-Azubis sind inzwischen wieder in ihre Ausbildungsbetriebe zwischen Bremen und dem Schwarzwald zurückgekehrt und werden den feierlichen Höhepunkt ihrer Projektarbeit nicht selbst vor Ort miterleben können.

Übergabe im April

Denn erst am 24. April, dem offiziellen Gedenktag anlässlich des Jahrestages der dritten und mit 852 Menschen größten Deportation unterfränkischer Juden am 25. April 1942, werden ihre Werkstücke, mit vielen anderen Stücken zu einer mahnenden Gepäcksammlung vereint, der Öffentlichkeit übergeben.

Aber im Mai, wenn der nächste Blockunterricht für die Drechsler läuft, will die Berufsschule zu einer eigenen Veranstaltung einladen. Dann sollen, wie Schulleiterin Karin Maywald plant, im Beisein von Initiatorin Benita Stolz und der jungen Drechsler die übrigen vier Zwillingsstücke an die vier Bürgermeister der von Stolz noch auszuwählenden Gemeinden übergeben werden. Dieser Tag wird auch für Fachlehrer Wolfgang Miller ein Festtag sein: "Ich bin sehr stolz auf die Arbeiten meiner Schüler."

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