Wildflecken

Großer Aufwand für eine Urkunde aus Glashütten

Thomas Helfrich ist wegen einer Urkunde aus Altglashütten in die USA gereist und hat in aufwändigen Verfahren die Schrift lesbar machen lassen.
Im High-Tech-Bildgebungslabor der University of Rochester (von links): Doktorandin Kyle Huskin,  Doktorandin Helen Davies, Thomas Helfrich, Michael Wiegand, Associate Professor Gregory Heyworth, Doktorand Ales Zawacki. In der Mitte hinten ist die Multispektralkamera zu sehen.  Lisa Wright
Im High-Tech-Bildgebungslabor der University of Rochester (von links): Doktorandin Kyle Huskin, Doktorandin Helen Davies, Thomas Helfrich, Michael Wiegand, Associate Professor Gregory Heyworth, Doktorand Ales Zawacki. In der Mitte hinten ist die Multispektralkamera zu sehen. Li...
Es hat ihm keine Ruhe gelassen - dieser "weiße Fleck". Den Text auf der Urkunde aus Altglashütten, die die Besitzverhältnisse der Ursprungs-Glashütte regelt, kannte Thomas Helfrich bereits, aber ein paar Fragen waren offen geblieben. Um Antworten zu finden, hat er weder Kosten noch Mühen gescheut: Sogar in die USA ist er gereist.

Dort lebt sein Cousin Michael Wiegand. Dessen Vater hatte 1928 das Rhöndorf Altglashütten verlassen und war nach Rozelville im US-Bundesstaat Wisconsin ausgewandert. Bei einem Besuch bei seinem Vater 1948 übergab ihm dieser die Urkunde aus dem Jahr 1704, denn er hielt ihre Zukunft im unruhigen Deutschland für ungewiss.

Seither liegt sie sicher im Safe einer US-Bank. Thomas Helfrich sieht im Text der Urkunde das "Bindeglied zwischen den Rhöner Wiegands und den Thüringischen Wiegands". Im Gespräch mit dem Senior-Chef von "Wiegand Glas" in Kronach hatte er schon einige genealogische Übereinstimmungen gefunden, also Übereinstimmungen im Stammbaum.

Von seinem Cousin ließ sich Thomas Helfrich schließlich Kopien der Urkunde zukommen und stellte erstaunt fest, dass sie auch auf der Rückseite beschrieben war - die Schrift war nur leider kaum sichtbar, geschweige denn zu entziffern.

Nachdem jedes der gängigen PC-Programme zur Optimierung versagt hatte, nahm Helfrich Kontakt zur Universität Hamburg auf. Mit "professioneller Hilfe und moderner Technik" erhoffte er sich, die Schrift entziffern zu können. Farbscan und Multispektralkamera können jedoch nur am Original eingesetzt werden, dies gab der Cousin in den USA jedoch nicht her.

Wenn Moses nicht zum Berg kommt, fliegt Thomas Helfrich eben in die USA, dachte er sich. Sein Cousin hatte ihm vom Lazarus-Projekt der University of Rochester in New York erzählt. "Mass spectrometry imaging", kurz "MSI", heißt das Verfahren, das verblasste Schriften wieder sichtbar machen kann. Denn ein Teil auf der Rückseite der Urkunde war fast ganz ausgeblichen. Mit einer Fülle an unterschiedlichen Aufnahmen durch verschiedene Farbfilter wurde das Stück, das ein Sechstel der gesamten Urkunde einnahm, sequenzweise abfotografiert. "Das Ergebnis ist zufriedenstellend", dachte sich Thomas Helfrich nach dem Tag an der Universität in Rochester.

Laien mögen seine Begeisterung nicht so ganz nachvollziehen, denn lesbar sind nun die Worte in sechs Zeilen: "Altenfelt in Thüringen bei Großbreitenbach - Glasmacher Schwarzburg Bezirk Gehren". Dies stellt für den Wildfleckener eindeutig einen Zusammenhang zwischen den Glasmachern in Altglashütten und den Glasmachern in Thüringen her.

Der Text ist nun fast komplett lesbar. Eine bekannte Fotografin eines Universitäts-Mitarbeiters fotografierte die Urkunde für Thomas Helfrich zusätzlich ab. Mit neuen Filtern, einem neuen Fokus und einer besseren Schärfe hat Thomas Helfrich jetzt eine Kopie der Altglashüttener Urkunde anfertigen können. Die Original Urkunde aus über 300 Jahre altem Pergament ruht wieder im Safe in den USA. Digital hat Helfrich jedoch das Familienerbstück in höchster Auflösung und "in optimaler Qualität für die Nachwelt konserviert".

"Es hat sich gelohnt", findet der Heimatforscher und ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis seiner USA-Reise. Ursprünglich war ein halber Tag im Labor der University of Rochester eingeplant gewesen, es wurde ein ganzer. Ursprünglich sollte nur der nicht lesbare Teil sichtbar gemacht und abfotografiert werden, nun hat der Wildfleckener einer Kopie der kompletten Urkunde.

Info
Im Lazarus-Projekt arbeiten verschiedene Wissenschaftler daran, beschädigte oder unleserliche Texte wieder herzustellen. Mit der Imaging-Technologie oder multispektralen Bildgebung werden die Manuskripte mit verschiedenen Lichtspektren beleuchtet. Eine Spezialkamera nimmt das erzeugte Bild auf, die Daten werden zu einem sichtbaren Bild verarbeitet. Mittels dieser Methode hatten Mitarbeiter aus mehreren Universitäten bereits das sogenannte "Stomachion" von Archimedes wieder herstellen können.

Urkunde Im Originaltext der Urkunde wird Niklas Wiegand als Besitzer und Betreiber der fuldischen Glashütte im Bereich des späteren Altglashütten genannt. Nachträglich - vermutlich in der Gaststätte von Peter Wiegand, einem der Nachfahren - wurde eine Abfolge von Glasmachern aufgeschrieben, die damals schon die Verbindung nach Thüringen herstellen sollten. Außerdem ist, wiederum nachträglich, eine Quittung über "60 Pfennig Schreibgebühr" vermerkt, die für die zweite Abschrift an Peter Wiegand gezahlt worden war. Dieser hatte seinen Thüringer Gästen wahrscheinlich den Urkundentext abgeschrieben, damit sie für ihre weiteren Forschungen etwas in Händen hatten.

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