Bad Kissingen

Hallenser Juden erholten sich nach dem Anschlag in Bad Kissingen

Rund 80 Juden saßen am 9. Oktober 2019 in der Hallenser Synagoge, als ein Attentäter versuchte, sie zu ermorden. Einige von ihnen ließen ihre seelischen Wunden in Bad Kissingen behandeln.
Einige Betroffene des Anschlags von Halle erholten sich in Bad Kissingen. Foto: Elik Roitstein       -  Einige Betroffene des Anschlags von Halle erholten sich in Bad Kissingen. Foto: Elik Roitstein
| Einige Betroffene des Anschlags von Halle erholten sich in Bad Kissingen. Foto: Elik Roitstein

Ihr Leben hing am seidenen Faden. 80 Juden hockten am 9. Oktober vergangenen Jahres in der Hallenser Synagoge, als ein bewaffneter Mann versuchte, in das Gotteshaus einzudringen. Teilweise sahen sie über Kameras live mit an, wie er zwar an der gesicherten Eingangstür scheiterte, aber auf offener Straße eine Frau (40) erschoss. Das Erlebnis riss tiefe Wunden in die Seelen. Einige Hallenser waren vor wenigen Wochen in Bad Kissingen , um diese zu heilen.

Das jüdische Kurheim Eden-Park (ab April Beni Bloch) in Bad Kissingen ist ein Ort der Bildung und Integration vor allem für die inzwischen ältere Generation von Juden , die Anfang der 1990er-Jahre meist aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland zuwanderten. Weiterbildungen aus den Bereichen Sprache, Kultur, Gesundheit und Politik werden mit gruppenpädagogischen Elementen wie Tanz, Gesang , Theater, Ausflügen und Gesprächsrunden kombiniert. So sollen die Teilnehmer sich in zwei Wochen nicht nur weiterbilden, sondern auch Kontakte knüpfen.

Für etwa 30 Hallenser Juden bedeutete das Kurheim im Dezember 2019 noch etwas viel Wichtigeres: ein Ort, an dem sie sich sicher fühlen konnten. In Halle hatten sie dieses Gefühl nach dem Anschlag nicht mehr. Aron Schuster , Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland , die das Kurheim betreibt, sprach gegenüber der Zeitung Jüdische Allgemeine von einem "wochenlangen Krisenmodus" , in dem sich die Hallenser nach dem versuchten Attentat auf ihre Leben befanden. In Bad Kissingen sollten sie "Zeit für sich jenseits von Halle" bekommen und sich erholen.

Im Eden-Park trafen die meist älteren Menschen, die noch stark unter dem Eindruck des Anschlags standen und sich teils an Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert fühlten, auf eine Gruppe von 20 Juden aus Baden, die eine solche traumatische Erfahrung wie Halle nicht machen mussten.

Gemeinsam erlebten die Teilnehmer eine Mischung aus musischer und künstlerischer Betätigung.

"Ich glaube, Musik und Tanz sind die beste Medizin für diese Leute", sagte Elik Roitstein der "Jüdischen Allgemeine". Der ehrenamtliche Familienreferent vom Landesverband der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden leitete die Gruppe während des zweiwöchigen Aufenthaltes in Bad Kissingen . Die Hallenser und Badenser besuchten aber auch zwei Konzerte in der Kurstadt, sangen gemeinsam israelische, jiddische und russische Lieder. Sie wurden aber auch selbst kreativ tätig.

Ein wichtiges Element in den zwei Wochen bildete die psychologische Betreuung im engeren Sinne. Zwei psychologisch geschulte Spezialistinnen der Beratungs- und Interventionsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung in Berlin, die auf die Bewältigung von Vorfällen wie in Halle spezialisiert ist, boten den Hallenser Juden Gespräche an.

Damit diese nach Bad Kissingen reisen konnten, zogen andere, ursprünglich eingebuchte Gruppen ihre Reservierung zurück, berichtet Ilya Daboosh, Leiter des Sozialreferates im jüdischen Wohlfahrtsverband. "Die Solidarität der jüdischen Gemeinden untereinander ist sehr groß." Daboosh war für die Organisation des Besuchs der Hallenser verantwortlich. Der offensichtlich gelang.

Stimmung hat sich gebessert

"Während des Aufenthaltes in Bad Kissingen gab es ohne Zweifel eine spürbare Erleichterung und Aufhellung der Stimmung", berichtet Elik Roitstein auf Nachfrage dieser Zeitung. Die Teilnehmer hätten seiner Meinung nach ihren Aufenthalt in Bad Kissingen als gewinnbringend empfunden.

Auch Max Privorozki, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Halle, hat eine bessere Stimmung bei den Kissingen-Besuchern ausgemacht. "Die Leute waren absolut begeistert, insbesondere, was die Hilfe der Fachleute der Zentralwohlfahrtsstelle angeht. So ein Entgegenkommen - das war wunderbar."

Privorozki gehörte zwar auch zu denjenigen, die am 9. Oktober in der Synagoge saßen; er schickte einige ältere Frauen in seine Dienstwohnung, als draußen Schüsse und eine Detonation zu hören waren. Doch aus Zeitgründen konnte er im Dezember nicht mit nach Bad Kissingen reisen. "Auch wenn ich das gern getan hätte.

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