Hammelburg

Herr der Wasserbüffel

Warum Hammelburg weltweit eine erste Adresse in der Zweitaktszene wird: Andreas Issel macht Suzuki GT 750er aus den 1970er Jahren besser als neu.
Besser als neu, lautet das Motto für die Restaurierungen von Andreas Issel an seinem neuen Standort in der Turnhouter Straße.  Fotos: Wolfgang Dünnebier       -  Besser als neu, lautet das Motto für die Restaurierungen von Andreas Issel an seinem neuen Standort in der Turnhouter Straße.  Fotos: Wolfgang Dünnebier
| Besser als neu, lautet das Motto für die Restaurierungen von Andreas Issel an seinem neuen Standort in der Turnhouter Straße. Fotos: Wolfgang Dünnebier

An der Turnhouter Straße in Hammelburg sind die Wasserbüffel los. Allerdings auf zwei Rädern. Die Tierart lieferte in den 1970er Jahren den Spitznamen für ein Motorrad , dessen Technik begeisterte: Suzuki GT 750.

Schlanke Form, viel Chrom, wenig Schnickschnack: Vor gut sechs Jahren hat Andreas Issel sein Herz an diesen Klassiker verloren. Jetzt zieht der 59-Jährige mit Werkstatt aus Schweinfurt um. Sein Standort in der Kugellagerstadt muss der Stadtsanierung weichen.

Kern der Leidenschaft ist ein Dreizylinder-Zweitakt-Motor, dessen Leistung sich eher bescheiden ausnimmt: 63 PS, allerdings viel Drehmoment von unten heraus und Wasserkühlung - der Büffel lässt grüßen. "In der Jugend haben sich viele die Nase an den Schaufenstern plattgedrückt", weiß Issel um die Bewunderung. Viele konnten sich den Wasserbüffel erst nicht leisten, dann hatten sie Familie. Doch mancher Traum stirbt nie, und damit hat der gelernte Speditionskaufmann seine Marktnische gefunden.

Preise eingeheimst

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Dabei half der Zufall: Zur Entschleunigung seines hektischen Berufslebens orientierte er sich aus gesundheitlichen Gründen um und folgte dem Rat seines vor sechs Jahren bei einem Verkehrsunfall verstorbenen Sohnes: Sich doch ganz den Motorrädern zu widmen. Belmondos Bikeschmiede war geboren.

Die erste von ihm restaurierte 750er heimste bei Treffen jede Menge Preise ein. "So eine will ich auch", bekommt er nach 1600 Arbeitsstunden von gut betuchten Motorradfreaks sogar aus den USA, Kanada und Norwegen mit. Die Kundschaft ist zwischen Ende 50 und 65. Weltweit kauft Issel über das Internet Teile und bemitleidenswerte Wracks , die irgendwo vor sich hingerostet haben. Seine Frau Viktoria verwaltet das "europaweit größte" (Issel) Ersatzteillager und verschickt weltweit. Nebenbei fährt sie eine 550er.

"Besser als neu", lautet das Credo ihres Mannes. Die strahlende Hochglanzverdichtung der Oberflächen in der eigenen Werkstatt verrät auf den ersten Blick, was Issel meint. Probleme machen die Ersatzteilversorgung, einst große Fertigungstoleranzen und glasig gewordene Simmerringe. Das schlägt sich in der Laufleistung nieder. Einem Original gibt er 20 000 Kilometern bis zur Überholung.

Um die Ausdauer zu steigern, machte er sich Gedanken. So hat er eine elektronische Zündung mitentwickelt. Außerdem ein externes Absperrventil, welches verhindert, dass beim Parken Zweitaktöl aus dem Auspuff tropft. Im heimischen Keller in Geldersheim ("da habe ich mehr Ruhe") fertigt er Wasserpumpenzahnräder aus Metall, weil die Originalteile aus Kunststoff Murks waren. Auch Stehbolzen dreht er.

Billig ist es bei solcher Feinarbeit nicht, eine 750er zu fahren. "Unter 30 000 Euro geht da nichts", umreißt er den finanziellen Rahmen. Auch der Treibstoffverbrauch strapaziert die Haushaltskasse. Zwölf Liter nimmt der Zweitakter gut und gerne auf 100 Kilometer. Es hat schon seine Gründe, warum nach der Produktionszeit von 1972 bis 1977 der Viertakter die Oberhand gewann.

Wenn Motortechnisch alles optimiert ist, bringt es eine GT auf über 80 PS. Auch 550er und 350 und andere 70er-Jahre-Modelle hat er im Repertoire. Rund 60 Motoren hat er inzwischen überholt, dazu kommen noch etwa zwei Totalrestaurierungen im Jahr. Für die kommenden vier Jahre seien die Auftragsbücher voll. Sorge bereitet es ihm, dass es schwer sein wird, Nachwuchs zu finden, der seine Leidenschaft weiter gibt. Wenn Motorenfan Issel sich den Wind so richtig um die Ohren wehen lassen will, steigt er auf seine von ihm selbst getunte Suzuki Hayabusa mit Straßenzulassung. "Eines der stärksten Motorräder Deutschlands", schwärmt er. 425 Stundenkilometer Spitze und 311 PS sind eher was für die Rennstrecke. In der Werkstatt geht es geduldiger zu. Weil sich Restaurierungen hinziehen, plant Issel fünf Montageplätze, um parallel zu arbeiten. Auf der Suche nach Herausforderungen restauriert er gerade auch einen Wasserbüffel mit Beiwagen für einen querschnittsgelähmten Motorradfahrer.

Begeistert ist er vom neuen Standort gegenüber von der Museumsinsel und dem Empfang in der Stadt. "Die 70er-Jahre-Werkstatt passt klasse zu den Mopeds ", ist er überzeugt. Künftig werde die eine oder andere Besonderheit im Schaufenster zu sehen sein. Ab Freitag, 2. November, freut er sich auch über Technikfreaks, die einfach so zu einem Benzingespräch bei ihm hinein schneien.

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