Bad Kissingen

Hohe Versicherungskosten: Geburtshilfe in Gefahr

Gehen im letzten Kreißsaal im Landkreis Bad Kissingen die Lichter für immer aus? Die Hebammen im Bad Kissinger Elisabeth-Krankenhaus arbeiten freiberuflich. Doch die Kosten-Explosion bei der Haftpflichtversicherung bedroht sie in ihrer Existenz.
Hebamme Mareike Kraus versteht die Welt nicht mehr: "Man kann's einfach nicht glauben", fühlt sie sich von der Politik alleine gelassen. Seit 2000 arbeitet die 36-Jährige als Hebamme, seitdem haben sich die Beiträge für die Haftpflicht-Versicherung mehr als verzehnfacht - auf aktuell 4242 Euro. Auch Kollegin Franziska Stoewer ist entsetzt: "Wenn uns irgendwann keiner mehr versichert, sind wir arbeitslos und es gibt keine Geburtshilfe mehr", befürchtet die 30-Jährige.

Freiberuflich im Krankenhaus

Mareike Kraus und Franziska Stoewer arbeiten zwar im St. Elisabeth-Krankenhaus, gehören aber trotzdem zu den rund 3500 freiberuflichen Hebammen in ganz Deutschland. Denn das "Eli" zählt zu dem Fünftel der bayerischen Krankenhäuser, in dem Beleg-Hebammen in den Kreißsälen arbeiten. Das Haus stellt also die Räume zur Verfügung, die sechs Hebammen stehen rund um die Uhr bereit und rechnen ihre Leistungen direkt mit den Krankenkassen ab.

60 Geburten gab es heuer schon im Eli, 2013 waren es 311, das Jahr zuvor 304 Geburten. Nach den Schließungen in Hammelburg und Bad Brückenau steht in Bad Kissingen der letzte Kreißsaal im Landkreis. Aber: "Es geht nicht alleine um die Geburtshilfe, sondern um Geburtsvorbereitung, Beratung, Nachsorge und Rückbildung", sagt Franziska Stoewer. Deshalb herrscht bei allen Hebammen im Kreis Verunsicherung.

Nur noch drei deutsche Unternehmen bieten Haftpflichtversicherungen für freiberufliche Hebammen an. Und die langen kräftig zu: 394 Euro waren es noch 1998 dann ging es über 1352 Euro im Jahr 2004, 2370 Euro 2009, 3689 Euro 2010 auf aktuell 4242 Euro nach oben. Die Skala scheint nach oben offenen: "Uns wurde bereits im vergangenen Jahr angekündigt, dass der Beitrag zum 1. Juli auf 5098 Euro steigt", berichtet Mareike Kraus. Begründung: Im Durchschnitt 2,6 Millionen Euro kostet es, wenn ein Kind nach dem Fehler einer Hebamme lebenslang versorgt werden muss. Hinzu kommt laut Kraus, dass Eltern immer öfter klagen oder die Krankenkassen gerichtlich vorgehen, weil sie die Kosten abwälzen wollen.

"Historisch gewachsen"

"Das Modell der Beleghebammen am St. Elisabeth-Krankenhaus ist historisch gewachsen und hat sich bisher in dieser Form auch bewährt", sagt Ingo Mack, Leiter des Patientenmanagements. Immerhin übernimmt das Haus seit 2011 die jährliche Steigerung in der Haftpflichtversicherung. Das alles nutzt aber nichts mehr, wenn es vielleicht keine Versicherung mehr gibt: Eine der drei verbliebenen Gesellschaften, die "Nürnberger Versicherung" hat vor kurzem angekündigt, zum 1. Juli 2015 ganz aus dem Geschäft mit Hebammen auszusteigen. "Dann ist es eben vorbei", blickt Franziska Stoewer in eine ungewisse Zukunft. Letzte Hoffnung ist nun die große Politik: "Wir hoffen, dass wir viele Leute wach rütteln."

Diskussion ist bereits im Gange

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Sabine Dittmar ist Ärztin und kennt die Problematik: "Im Gesundheitsministerium ist ein runder Tisch geplant", kündigt sie an. Diskutiert würden neue Haftungsmodelle etwa mit Höchstgrenzen oder einer Steuerfinanzierung. Das Verhalten der Versicherer, aber auch die Situation am Eli sieht sie kritisch: "Die Lösung mit Beleg-Hebammen sollte man schon hinterfragen", verweist sie auf fest angestellte Hebammen in anderen Häusern. Das Problem treffe aber auch Beleg-Gynäkologen, die mehrere zehntausend Euro für ihre Versicherung zahlen, während sich Dittmar als Hausärztin "für 500 bis 600 Euro" versichern konnte.

"Die steigenden Beiträge für Hebammen waren bereits in der vergangenen Legislaturperiode ein Thema und haben auch Niederschlag im Koalitionsvertrag gefunden", berichtet die CSU-Bundestagsabgeordnete und dreifache Mutter Dorothee Bär. Jetzt sei eine Problemlösung noch dringlicher.

Trotzdem ist Bär für eine marktwirtschaftliche Lösung, die ja auch bei der Auto-Haftpflichtversicherung gut funktioniere. "Ein Problem entsteht dann, wenn der Markt nicht mehr funktioniert." Die Zahl der Hebammen sei eben wesentlich kleiner und die Schadenssummen stiegen seit Jahren. "Deshalb müssen wir nun als Gesellschaft nach einer tragfähigen Lösung suchen", sagt Bär. Und: "Die Geburtshilfe im Landkreis Bad Kissingen kommt durch die gegenwärtige Situation unter Druck." Die Bundestagsabgeordnete ist aber zuversichtlich, dass rechtzeitig eine Lösung gefunden werde. "Wir benötigen stabile Gruppentarife für Hebammen", sagt Bär und verweist auf Verhandlungen von Bundesgesundheitsminister Gröhe.
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