WILDFLECKEN

Im kalten Krieg der kälteste Platz der Erde

Was Mitte des 16. Jahrhunderts mit einer kleinen, im Wald versteckten und unerlaubten Ansiedlung als „Wilder Flecken“ begann, bezeichneten 400 Jahre später die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg als „best known secret“, als inzwischen bekanntestes Geheimnis. Dies und eine Fülle anderer interessanter Informationen über den Militärstützpunkt Wildflecken erfuhren am Sonntag die Premierengäste des Dokumentarfilms „Ein Wilder Flecken“ im Haus der Schwarzen Berge in Oberbach.
Die deutsch-amerikanische Freundschaft wurde von der US-Armee viele Jahre im „Camp Wildflecken“ gepflegt, wie diese Aufnahme aus den 80er Jahren zeigt.
Foto: REPRO Sigismund von Dobschütz | Die deutsch-amerikanische Freundschaft wurde von der US-Armee viele Jahre im „Camp Wildflecken“ gepflegt, wie diese Aufnahme aus den 80er Jahren zeigt.

Eingeladen hatten die beiden Bundeswehr-Reservisten und Filmemacher Heinz Leitsch aus Modlos und Norbert Rückel, die Moderation übernahm der frühere Oberstleutnant Helmut Schwarzäugl. Wildfleckens Bürgermeister Alfred Schrenk erinnert im Film an die wechselvolle Geschichte Wildfleckens.

Noch vier Jahrhunderte nach der Entwicklung der Siedlung nutzte die Wehrmacht im Zuge ihrer Aufrüstung im Jahr 1937 die relative Abgeschiedenheit des Ortes und dessen Lage im Wald für ihren neuen Truppenübungsplatz für die 9. Armee. Er sollte vor den Augen des Feindes möglichst lange verborgen bleiben. Zehn Dörfer mussten aufgelöst und die Bauern teilweise in speziell zu diesem Zweck entworfene Musterbauernhöfe in der Umgebung umgesiedelt werden. Erst kurz vor Kriegsende entdeckten die Amerikaner diesen abgelegenen Stützpunkt der Wehrmacht.

Nach dem Krieg sammelte die US-Armee alle polnischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter aus ihrer Besatzungszone auf dem Gelände. Bis zu 20 000 Polen lebten hier seit 1945 als Verschleppte, englisch „displaced persons“ genannt, auf engstem Raum. Sie wurden in den folgenden zwei Jahren eingekleidet, medizinisch versorgt und sollten schnellstmöglich nach Polen abgeschoben werden.

Doch anders als gedacht, behandelten die polnischen Kommunisten ihre Landsleute als Nazi-Kollaborateure und Verräter, weshalb die Umsiedlung nach Polen aufgegeben werden musste. Jetzt wurden die Lagerinsassen umgeschult und für die Ausreise in andere europäische Länder oder nach Übersee vorbereitet. Die Bewohner richteten sich derweil häuslich ein und gaben ihrem Lager den polnischen Namen Durzyn. Verstorbene Landsleute wurden auf einem eigenen Friedhof bestattet, heute der größte polnische Friedhof außerhalb Polens.

Mit Beginn des „Kalten Krieges“ sah sich die US-Armee gezwungen, das Sammellager endgültig aufzulösen. Sie nahm im Juni 1951 mit einer ersten Einheit das „Camp Wildflecken“ wieder als Militärstützpunkt in Betrieb. „Das war für Wildflecken ein wirtschaftlicher Erfolg“, berichtete Bürgermeister Schrenk den Premierengästen. „Der Dollar hatte damals noch einen Wert von über 4,20 DM.“

Etwa zwei Millionen Amerikaner absolvierten in den folgenden vier Jahrzehnten in Wildflecken ihre militärische Ausbildung. Elvis Presley kam im Oktober 1959 mit seiner Einheit zu einem Manöver, Olympiasieger und Rapper Shaquille O'Neal (37) begann als Stiefsohn eines US-Sergeants in den 1980er Jahren in Wildflecken, nach eigener Aussage mangels anderer Abwechslung, mit dem Basketballspiel und der Musik.

Das Lager Wildflecken, nach Meinung mancher Südstaaten-Soldaten der „coldest place on earth“, der kälteste Platz der Erde, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einem der drei wichtigsten US-Stützpunkte in Europa.

Verständlich also die Sorge des damaligen Bürgermeisters Walter Gutmann, als 1993 allmählich durchsickerte, dass die Amerikaner den Stützpunkt aufgeben wollten und tatsächlich schon im Sommer 1994 ihre Fahne einholten. In schwierigen Verhandlungen gelang es Gutmann, ohne größere Verzögerung die Bundeswehr, die vorher die ehemalige Rhönkaserne in Oberwildflecken unterhielt, als Nachfolger zu gewinnen.

Seit Gründung durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1937 bis zum heutigen Tag sei der Militärstützpunkt Wildflecken ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Region, betonte Bürgermeister Alfred Schrenk mehrfach. Nicht nur deshalb versicherte der stellvertretende Landrat Emil Müller bei der Filmpremiere: „Der Landkreis steht zu seinem Truppenübungsplatz. Wir erfüllen hier einen Auftrag für den Frieden.“

Im Blickpunkt

„Ein Wilder Flecken“, Dokumentarfilm über die Geschichte des Militärstützpunkts Wildflecken von 1937 bis heute, mit einmaligen Originalaufnahmen aus Privatbesitz, wurde produziert von Heinz Leitsch (Recherche und Drehbuch) und Norbert Rückel (Technik). Er dauert 40 Minuten und wurde in zwei Versionen erstellt, in Deutsch und Englisch. Erhältlich ist der Film auf DVD in Bad Brückenau bei Mode Fläschner und bei Blumen Hurrlein, in Großenbrach bei Rückel Computer, in Oberbach im Haus der Schwarzen Berge oder über die Internetseiten www.fit-history.com, www.camp-wildflecken.de, www.dp-camp-wildflecken.de

Die Dokumentarfilmer Heinz Leitsch (Mitte links) und Norbert Rückel (Mitte rechts) mit ihren Premierengästen Alfred Schrenk, Bürgermeister von Wildflecken (rechts), und Emil Müller, Vize-Landrat des Landkreises Bad Kissingen.
Foto: FOTO Sigismund von Dobschütz | Die Dokumentarfilmer Heinz Leitsch (Mitte links) und Norbert Rückel (Mitte rechts) mit ihren Premierengästen Alfred Schrenk, Bürgermeister von Wildflecken (rechts), und Emil Müller, Vize-Landrat des Landkreises Bad ...
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